Im Landgericht Hechingen war es einmal mehr spannend. Foto: Maier

Im Prozess um nicht existierende Einweghandschuhe sind am Donnerstag gleich mehrere Zeugenauftritte ausgefallen – die restlichen aber waren spannend.

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Albstadt/Hechingen - Im Prozess gegen ein Albstädter Ehepaar, das laut Anklage für über zwei Millionen Euro nicht existente Einweghandschuhe verkauft haben soll, war am Donnerstag ein ziemlich heterogener Kreis von Zeugen, sieben an der Zahl, geladen – gehört wurden allerdings nur vier: Ein offensichtlich nicht ganz unwichtiger Zeuge, von dem Gericht und Staatsanwältin sich Aufschluss über Drahtzieher des Betrugs erhofft haben mochten, war gar nicht erst erschienen; er hält sich, wie Richter Breucker mitteilte, derzeit in der Türkei auf.

Ein Bruder der und eine Schwester des Angeklagten machten Gebrauch vom Zeugnisverweigerungsrecht, welches das Gesetz nahen Verwandten zugesteht.

Theoretisch hätte der Vater der Angeklagten das auch tun können, aber er war bereit auszusagen, und zwar zur vielleicht wichtigsten Szene des Dramas, nämlich der Barauszahlung von 2,06 Millionen Euro in einer Bank in Istanbul, an der die (mit)angeklagte Ehefrau des Hauptverdächtigen ein Konto hatte.

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Wohlgemerkt eines ohne nennenswerte Einlagen und Kontobewegungen; nach Ansicht des Hauptgeschädigten, der ebenfalls in den Zeugenstand trat, hätte das Geld schon aus diesem Grund nie ausgezahlt werden dürfen. Immerhin, das Kreditinstitut ließ sich drei Tage lang bitten, bevor es das Geld aushändigte, das ein österreichischer Händler als Anzahlung für 55 Millionen Paar Latexhandschuhe überwiesen hatte.

Als es dann doch so weit war, erschienen die Eheleute, der Vater der Kontoninhaberin, einige von ihm engagierte Security-Männer – laut seiner Aussage pensionierte Militärs aus seinem Bekanntenkreis – und ein Anwalt im Foyer, um den Geldsegen in Empfang zu nehmen; Ehepaar und Anwalt begaben sich ins Separee mit dem Tresor, und dann wurden Koffer und Taschen mit Euroscheinen gefüllt.

Über die Stückelung gab es im Lauf der Verhandlung Diskussionen, denn der Richter konnte sich nicht so recht vorstellen, dass der Angeklagte seine Provision nicht gleich an Ort und Stelle kassiert, sondern, wie er versicherte, Zurückhaltung geübt hatte. Allerdings war der Videostreifen aus der Bank qualitativ zu minderwertig, um den Verdacht zweifelsfrei zu erhärten oder zu widerlegen, und der Angeklagte beharrte auf seiner Darstellung, dass nur ein Koffer für den Lieferanten der Handschuhe und eine kleine Tasche für Verwandtschaft, die einen dringend benötigten Vorschuss finanziert hatte, gepackt wurden.

Eine Viertelmillion – auf offener Straße abgezählt

Dieser Vorschuss betrug übrigens stolze 250.000 Euro; der Betrag, dessentwegen der Anwalt mitgekommen war, wurde von seinen Empfängern vor der Bank auf offener Straße noch einmal gezählt – unsichere Gegend hin oder her.

Den Rest, das wirklich große Geld, will der Angeklagte wenig später dem Vertreter des Lieferanten übergeben haben – bar angeblich deshalb, weil die Zeit drängte und Banküberweisungen immer so lange dauern. Er will zu diesem Zeitpunkt noch immer davon überzeugt gewesen sein, dass hier alles mit rechten Dingen zuging; erst Stunden später habe ihm ein Mann, den er bis dahin für seinen Freund gehalten habe, mitgeteilt, dass es die 55 oder 60 Millionen Handschuhe nicht gebe und das Geld in guten Händen sei. "Du bist nun Millionär."

Der Angeklagte hat diesen Freund bei seiner ersten Vernehmung nach der Festnahme mit keinem Wort erwähnt – weshalb, wollte die Staatsanwältin wissen. Weil man Freunde nicht verpfeift, lautete die Antwort. Auch solche nicht, die einen über den Tisch ziehen? Auch solche nicht – allerdings, räumte der Angeklagte ein, habe auch die Überlegung eine Rolle gespielt, dass man gewisse Türen nicht einfach zuschlagen sollte. Der Prozess wird am 10. Mai fortgesetzt.

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