Immer undurchsichtiger wird der Fall um den Handschuhbetrug. Foto: Shokry – stock.adobe.com

Im Hechinger Prozess gegen ein Albstädter Ehepaar, dem die Staatsanwaltschaft den Verkauf von nicht existenten Latexhandschuhen vorwirft, ist die Schuldfrage nach wie vor völlig ungeklärt und ein Prozessende nicht abzusehen.

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Albstadt - Zur jüngsten Verhandlungsrunde war ein Zeuge erschienen, der zwar offiziell geladen war, mit dem aber niemand wirklich gerechnet hatte – das Gericht wirkte fast schon freudig überrascht über seine Anwesenheit. Der 40-jährige zählte wie der Hauptangeklagte zu einem Kreis von Geschäftsleuten, die ihr Geld unter anderem mit Importgeschäften zwischen Deutschland und der Türkei verdienen.

Er hatte, nachdem sich im Sommer 2020 der Verkauf von 55 Millionen Paar Einweghandschuhen als riesengroßer Schwindel entpuppt hatte, auf Bitten des Geschädigten eine Sprachnachricht des vermeintlichen Lieferanten angehört und dessen Stimme identifiziert: Der Sprecher war nicht der, der er zu sein vorgab, sondern offenkundig ein Betrüger.

Betrug ging Anfang Juli 2020 über die Bühne 

Der Zeuge geht nun davon aus, dass dieser Betrüger im Auftrag von türkischen Hintermännern handelte, denen auch der Angeklagte auf den Leim gegangen sei: "Sie haben ihn verarscht." Mit diesen Hintermännern sei offenbar nicht gut Kirschen essen; der Zeuge fand den Vergleich mit dem kolumbianischen Drogenbaron Pablo Escobar nicht unangemessen. Den Angeklagten hingegen schätzte er als "einfachen Menschen" ein, "nicht unbedingt der größte Intelligenzbolzen". Er habe sich diese Gaunerei gewiss nicht ausgedacht.

Dass der Angeklagte mit dieser Beurteilung seiner Person nicht einverstanden war, konnte man trotz Corona-Maske erkennen, doch im Prinzip durfte er zufrieden sein – die Aussage entlastete ihn. Für die der beiden türkischen Zeuginnen, die später am Verhandlungstag vernommen wurden, galt das nicht.

Der Betrug war Anfang Juli 2020 über die Bühne gegangen; im folgenden Herbst war es dank der Vermittlung der Zeuginnen zu einem Treffen des erwähnten Geschädigten, eines österreichischen Unternehmers, mit eben jenem Herrn gekommen, der in der Verhandlung mit Pablo Escobar verglichen wurde. Der habe versichert, mit dem Betrug nichts zu tun zu haben, aber freundlicherweise einen Bekannten herbeibestellt, der unzweifelhaft involviert gewesen war – ihm gehörte die Stimme von der Sprachnachricht.

Die Atmosphäre dieses eigenartigen Treffens war, wenn man den Damen glauben darf, gelöst; der angeblich selbst unbeteiligte Gastgeber soll dem Österreicher leutselig bescheinigt haben, er sei nicht irgendjemandem, sondern immerhin "dem Besten" aufgesessen – und als Drahtzieher, der den angeblichen Lieferanten lediglich engagiert, den größten Teil der Beute aber selbst kassiert habe, wurde der Angeklagte hingestellt. Dem die Runde zwar eine übertriebene Schwäche für teure Uhren, schnelle Autos und edle Düfte bescheinigte, keineswegs aber einen Mangel an Intelligenz.

Kein Fallensteller – sondern selbst hineingetappt?

Den Richtern fiel es offensichtlich nicht ganz leicht, sich dieses freundschaftliche Miteinander von Betrüger und Betrogenem auszumalen. So oder so, Aussage steht gegen Aussage, ein Dilemma, aus dem es nach Auffassung des Anwalts des Angeklagten zwei denkbare Auswege gibt.

Er regte einerseits ein Verständigungsgespräch zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft an, das auch tatsächlich stattfinden wird – die Staatsanwältin reagierte zwar reserviert, meinte aber, anhören könne sie seine Vorschläge ja.

Die Alternative zur Einigung wäre für den Verteidiger eine intensivere Beschäftigung mit türkischen Quellen: Im Zusammenhang mit der Auszahlung der verschwundenen zwei Millionen Euro in einer Istanbuler Bank müssten weitere Zeugen gehört und gegebenenfalls weitere Videos ausfindig gemacht werden – sie könnten eventuell belegen, dass der Hauptangeklagte keine Falle gestellt habe, sondern selbst ahnungslos in eine hineingetappt sei.

Der Prozess würde sich, käme es dazu, bis in den Herbst hinein verlängern – keine sehr erfreuliche Perspektive, am wenigsten für die Angeklagten. Viel einfacher hätte vielleicht alles werden können, wenn ein weiterer an jenem Tag geladener Zeuge ausgesagt hätte – der Herr, der angeblich der "Beste" ist. Er war nicht gekommen. Alles andere wäre auch sehr erstaunlich gewesen.

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