Fehlende Beratung bei Medikamenten und längere Lieferzeiten können die Folge sein, wenn Supermärkte in den Arznei-Online-Handel einsteigen, warnt ein Apotheker aus Sulz.
„Es kann sein, dass sich gerade der Beruf des Apothekers auflöst“, gibt Sven Gerster zu bedenken. Und bezieht sich dabei auf die Ankündigung der Drogerie-Kette DM, eine eigene Online-Apotheke für rezeptfreie Medikamente wie Schmerzmittel zu etablieren. Auch der Mitbewerber Rossmann und die Supermarkt-Kette Lidl haben erklärt, in den Medikamenten-Handel einzusteigen.
„Apotheken müssen alles anbieten, um sich kofinanzieren zu können“, kommt er auf die wirtschaftliche Situation zu sprechen. Dass sich Drogerie- und Supermarkt-Ketten auf den Online-Vertrieb von bestimmten Medikamenten fokussierten, stößt bei ihm auf Unmut.
Strukturen ändern sich
„Das ist Rosinenpickerei“, zieht der Inhaber der Apotheke am Rathaus einen anschaulichen Vergleich. Während die Apotheken dafür da seien, personalintensiv für Notdienste im Landkreis zu sorgen und auch selbst Medikamente herstellten, beschränkten sich die großen Ketten auf den Online-Verkauf – guter Gewinn bei wenig Aufwand.
„Die Bürger müssen sich bewusst machen, dass sich die Strukturen verändern“, warnt er. Dinge, die heute noch selbstverständlich seien, könnte es morgen schon nicht mehr geben.
Fünf Tage Lieferzeit?
Denn wenn aufgrund des Kostendrucks Apotheken dazu übergingen, bestimmte Arzneien nicht mehr selbst zu mischen, könnten die Lieferzeiten deutlich länger werden. „Dann müssen die Kunden darauf warten, bis eine Apotheke in Tübingen, die das Produkt noch herstellt, nach Sulz liefert“, spielt er solch ein Szenario durch.
Ähnliches könne man heute schon in der Schweiz beobachten, wo manche Apotheken keine eigenen Rezepturen mehr herstellten. „Da kann die Lieferzeit schon einmal vier bis fünf Tage dauern“, lautet seine Prognose.
70 Apotheken weniger
Und es gebe durch den Online-Handel noch weitere Probleme – jenseits von längeren Lieferzeiten und möglicherweise teurer werdenden Produkten. „Keiner prüft dann, ob das Medikament zu anderen Arzneien passt“, thematisiert er die Bedeutung von Wechselwirkungen zwischen Medikamenten und mögliche Unverträglichkeiten.
Dass es die Apotheken schon jetzt schwer haben, trifft zu. So mussten 2024 in Baden-Württemberg laut der Landesapothekerkammer 70 Apotheken schließen, während nur vier neu gegründet wurden, schreibt der SWR.
Apotheke als Grundversorgung
Wie sieht Gerster die langfristige Folgen einer Konkurrenz durch Drogerien und Supermärkte? „Für die Kunden kann die Online-Bestellung kurzfristig bequemer sein“, spricht er die eine Seite an.
Aber andererseits könne beim Wegfall von Apotheken die Gesundheitsversorgung schwieriger und auch der Leerstand in den Innenstädten größer werden. „Wir gehören genauso zur Versorgungssicherheit wie ein Bäcker oder ein Metzger“, stellt Gerster klar.
„Es ist traurig“
Doch auch jenseits des sich neu formierenden Online-Angebots sieht er seine Zunft vor großen Herausforderungen. „Die überbordende Bürokratie und der Personalmangel machen uns schon zu schaffen“, nennt er weitere Probleme.
„Es ist traurig, dass der Staat keinerlei Rückendeckung für Apotheken gibt“, findet er. Die Wirtschaft mache da einfach bestimmte Sachen – dabei sollte man überlegen, ob der Medikamentenvertrieb jenseits der Apotheken überhaupt sinnvoll sei.
In Krisenzeiten gefragt
„In einem Jahr wissen wir mehr“, blickt er in die Zukunft. Doch trotz der angesprochenen Missstände sieht er seine Arbeit positiv. „Die Dankbarkeit der Kundschaft bestätigt einen jeden Tag aufs Neue“, erklärt er.
Und vor allem in Krisenzeiten – etwa bei der Grippewelle oder einer RSV-Erkrankung – sei man ein gefragter Mann, schmunzelt er.