Michael Häberle kämpft für die Beschäftigten am Standort Untertürkheim. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Trotz Beschäftigungssicherung wird der Druck auf die Beschäftigten des Daimler-Motorenwerks Untertürkheim steigen, befürchtet Betriebsratschef Michael Häberle. Er fordert echte Perspektiven für die Belegschaft.

Stuttgart - Daimler beschleunigt die Ausrichtung auf E-Autos. Davon ist das Motorenwerk in Stuttgart-Untertürkheim unmittelbar betroffen. Gehen bei Betriebsratschef Michael Häberle nun die Alarmglocken an?

 

Herr Häberle, Geschäftsleitung und Betriebsrat haben eine Vereinbarung über die Zukunft des Standorts Untertürkheim abgeschlossen. Muss diese nachjustiert werden?

Die Vereinbarung zur Zukunft unseres Standorts ist ein wichtiger und entscheidender Schritt, um die Transformation in Untertürkheim erfolgreich zu gestalten. Wir sind mit dieser Vereinbarung nicht am Ende, sondern erst am Beginn des Wandels. Bereits vor den Verschärfungen durch EU-Kommission und Unternehmen stand fest, dass wir die Inhalte immer wieder ergänzen und ausbauen müssen. Als Arbeitnehmervertretung eines Powertrain-Standorts werden wir uns in den kommenden Jahren ständig dafür einsetzen müssen, neue Produkte an unseren Standort zu holen, die für Beschäftigung sorgen.

Was könnte das sein?

Es braucht jetzt noch dringender eine klare Vision für unseren Standort, mit neuen Produkten und Tätigkeitsfeldern. Das Unternehmen muss überlegen, in Untertürkheim auch antriebsunabhängige Themen zu realisieren, um für ausreichend Beschäftigung zu sorgen – denn durch die Beschleunigung wird auch der Druck auf das Unternehmen erhöht, die Zukunftssicherung 2029 und die Transformationszusage auszugestalten. Aus dieser Verantwortung lassen wir das Unternehmen auch nicht raus.

Die Vereinbarung sieht vor, dass in Untertürkheim weiter konventionelle Antriebe gefertigt werden. Und nun?

Die aktuelle Entwicklung macht deutlich, wie wichtig es war, bereits 2015 auf neue Produkte im alternativen Antrieb zu drängen – ich will mir nicht vorstellen, wie die Situation gerade sonst wäre. Aus diesem Grund haben wir in unserer Standortvereinbarung auf eine Absicherung gepocht: Um flexibler auf den Technologiewandel reagieren zu können, haben wir eine Gesamtkapazitätszusage mit dem Unternehmen vereinbart, die vorsieht, dass künftig eine Million Antriebe aus Untertürkheim kommen – unabhängig von der Art des Antriebs.

Und das bedeutet?

Fährt der konventionelle Antrieb also schneller runter, steigt der Anteil an elektrischen Antrieben. Damit ist uns ein fixes Volumen an fertig montierten Aggregaten garantiert – unabhängig davon, wie sich der Markt entwickelt. Wir haben als Arbeitnehmervertretung nicht die Augen vor dem Wandel verschlossen, sondern uns für den aktiven Weg entschieden, der uns davor bewahrt, ein Standort ohne Zukunft zu sein. Und trotzdem ist es Fakt, dass der Bedarf an den Beschäftigten in der E-Mobilität auch bei gleicher Stückzahl geringer ist. Deshalb drängen wir vehement auf zusätzliche Produkte, die aus meiner Sicht eben auch antriebsunabhängig sein können.

In Untertürkheim gibt es eine Beschäftigungssicherung bis 2029 – und gleichzeitig Abfindungsangebote.

Die Beschäftigungssicherung bis Ende 2029 gilt für alle deutschen Standorte, aber an einem Antriebsstandort wie Untertürkheim sind wir in diesen Zeiten ganz besonders froh, dass es sie gibt. Denn obwohl uns die Beschleunigung vor große Herausforderungen und Auseinandersetzungen stellen wird, führt sie auch dazu, dass die Veränderungen in einem Zeitraum durchgeführt werden müssen, in dem die größtmöglichen Schutzmechanismen für diese Belegschaft herrschen.

Dennoch hat die Dynamik bei der E-Mobilität zugenommen.

Die Beschleunigung sorgt dafür, dass Handlungsspielräume enger werden. Sie wird das Unternehmen dazu zwingen, sich mehr einfallen lassen zu müssen als Abfindungen und Fluktuation, um die Zukunftssicherung und Transformationszusage zu erfüllen – dazu ist das Unternehmen verpflichtet, und das haben die Beschäftigten auch verdient. Eine verschärfte technologische Strategie zu verkünden ist das eine, echte Perspektiven für die eigene Belegschaft zu schaffen das andere. Das Unternehmen hat durch die Zukunftssicherung 2029 eine klare Verantwortung für seine Belegschaft, und die beginnt meiner Meinung nach mit einem gezielten Ausbau des Produktportfolios und sicher nicht mit einem Ausbau des Personalabbauprogramms.

Wächst unter den Beschäftigten die Sorge um ihre Jobs?

In der heutigen Zeit spielt Angst um den Arbeitsplatz überall eine Rolle, nicht nur in der Automobilindustrie. Durch unsere Zukunftssicherung überwiegt bei uns weniger die Sorge um den Job, dafür aber die Angst vor dem Verlust der aktuell ausgeübten Tätigkeit. Durch die Beschleunigung wird in Zukunft noch mehr Flexibilität von den Kolleginnen und Kollegen eingefordert werden, die Tätigkeit oder den Arbeitsbereich zu wechseln. Die daraus resultierende Verunsicherung kommt von einem Mangel an Klarheit. Die Ungewissheit darüber, in welchem Thema man in Zukunft tätig sein wird, ist sehr belastend, und es sollte im Interesse des Unternehmens sein, hier für mehr Sicherheit zu sorgen.

Qualifizierung ist ein Stichwort, um die Beschäftigten auf die elektrische Zukunft vorzubereiten. Wie ist hier der Stand?

In Untertürkheim findet Qualifizierung in den von uns vereinbarten Themen zur elektrischen Zukunft bereits statt – allerdings längst noch nicht in dem Umfang, wie es notwendig und wünschenswert wäre. Hier sehen wir noch jede Menge Handlungsbedarf, besonders mit Blick auf die beschleunigte Strategie. Hinzu kommt aber, dass das aktuell beschlossene Produktportfolio auf lange Sicht nicht ausreicht und folglich auch das Qualifizierungsangebot nicht erweitert wird. Es fehlt dem Unternehmen hier an Ideen und meiner Meinung nach auch an der Bereitschaft. Der momentane Unternehmergeist ist im technologischen Sinn groß, aber vernachlässigt die soziale Komponente und die Verantwortung für die Belegschaft zu stark.

Was erwarten Sie vom Management?

Wir haben sehr viele Menschen an Bord, die gerne beim Daimler arbeiten und für die eine Abfindung eben nicht infrage kommt. Ich erwarte von unserem Management, diese Tatsache endlich zu akzeptieren und entsprechend zu agieren, indem es Perspektiven für diese Menschen im Betrieb schafft. Es braucht nicht nur eine Beschleunigung der technologischen Entwicklung, sondern dringend auch in der Weiterentwicklung der Personalpolitik – auch und besonders mit Blick auf die Ausbildung junger Menschen.

Zur Person

Biografie
Michael Häberle wurde 1969 in Stuttgart geboren. 1986 absolvierte er bei Daimler in Untertürkheim eine Mechanikerlehre, 1996 wurde er Maschinenbautechniker. Zudem ist er studierter Betriebswirt. 1998 wurde er für die IG Metall in den Betriebsrat des Werkes Untertürkheim gewählt. Seit Anfang 2019 ist er der Betriebsratsvorsitzende des Werkes.

Werk
Das Werk Untertürkheim wurde im Jahr 1904 gegründet. Heute arbeiten hier rund 21 000 Menschen.