Die Corona-Erfahrungen haben das Interesse an Naturkindergärten steigen lassen, ihre Zahl wächst rasant. Die Kommunen machen gerne mit, denn sie sparen Geld.
Baiersbronn, Heidenheim, Oberkirch, Schonach, Schutterwald, Schwäbisch Hall, Sankt Georgen, Ulm, Wolfach, das sind nur einige der Kommunen quer durch den Südwesten, in denen seit Start dieses Jahres neue oder zusätzliche Waldkindergärten eröffnet haben. Der Trend zur Pädagogik im Grünen gehe zwar seit Jahren nach oben, sagt Ute Schulte Ostermann, Vorsitzende des Bundesverbands der Natur- und Waldkindergärten (BvNW) in Deutschland, aber was seit Ausbruch der Coronapandemie passiert, hat ruckartige Züge. „Plötzlich war klar: Der Wald oder die Natur muss sich nicht desinfizieren“, sagt Schulte Ostermann.
Die Waldkindergärten haben sich schon vor Corona von der Vorstellung entkoppelt, dort versammelten sich vor allem anthroposophisch oder esoterisch bewegte Familien. Eltern geht es in der Mehrzahl um Bewegungsschulung für ihre Kinder, Verständnis für Naturzusammenhänge, die Stärkung des Immunsystems, einen Gegenentwurf zu einem Alltag mit elektronischen Medien.
Der Coronaverdruss beschleunigt den Trend
Nun kommt offenbar etwas Entscheidendes dazu: Die Erfahrungen speziell des vergangenen Jahres haben viele Eltern ernüchtert. Ihre Kleinen in den Regelkindergärten durften oft nur noch in streng getrennten Abteilungen auf Spielgeräte oder in Gemeinschaftszonen der Kitas und Kindergärten. Eltern bekamen Betretungsverbote. In größeren Häusern, wo die Personalschlüssel darauf beruhen, dass die Erzieherinnen sich bei Krankheit oder im Urlaub wechselseitig in den Gruppen vertreten, brach aufgrund der plötzlich geltenden internen Abschottungen ein Betreuungsmangel aus. So stieg der Unmut auch beim Personal, das streng maskiert sogar mit Kleinkindern interagieren sollte und über Monate ein Testregime zu organisieren hatte.
So erklärt sich, dass die neuen Waldkindergärten Praktikern zufolge gar nicht so viel Mühe haben, an pädagogisches Personal zu kommen. „Wir haben prozentual gesehen mehr Bewerbungen als üblich“, sagt beispielsweise Marko Kaldewey, Geschäftsführer des Sozialunternehmens Vielfalt für Kinder, das seinen Sitz in Emmendingen am Oberrhein hat.
„Draußen ist das neue Besser“, heiße das Motto, das gelte eben auch für Erzieherinnen. Kaldeweys Unternehmen hat schon für eine ganze Reihe von Gemeinden oder Elterninitiativen in der Ortenau Waldkindergärten entwickelt, seiner Angabe zufolge betreuen in seinem Netzwerk derzeit 340 Mitarbeiter rund 1000 Kinder. Ob unter den vielen pädagogischen Bewerbern auch Impfgegner sind, will die Verbandsvorsitzende Schulter Ostermann nicht ausschließen. Es gebe sie vermutlich, „aber nicht mehr als anderswo auch“, sagt sie.
Win-win-Situation für Eltern und Rathäuser
Erfasst wird die Zahl der Waldkindergärten im Südwesten nur ungenau. Der Verband BvNW listet für Baden-Württemberg aktuell 175 Standorte auf. Allerdings sind zum Beispiel viele freie Träger im deutschen Kitaverband organisiert, diverse Initiativen tragen sich nirgends ein. Auch Bettina Stäb, beim Gemeindetag Baden-Württemberg verantwortlich fürs Ressort Frühkindliche Bildung und Soziales, kennt keine genaue Zahl, bestätigt aber den Wachstumstrend. „Das sind nicht nur Elterninitiativen, sondern auch Gemeinden, die Naturkindergärten bauen“, sagt sie. Die Rathäuser, sofern sie über geeigneten Gemeindeforst verfügten, seien in der Regel sehr offen für das Konzept Wald.
Das hat auch finanzielle Gründe. Denn Wald- oder Naturkindergärten haben vergleichsweise geringe Baukosten. Elternvereine übernehmen meist Personalsuche, Verwaltung und Buchhaltung in Eigenregie, die Gemeinde zahlt lediglich Zuschüsse und erfüllt damit die gesetzliche Betreuungsquote. In Schwäbisch Hall beispielsweise hat der neue Waldkindergarten „Einkorn Wichtel“ dem Gemeinderat im Juni vergangenen Jahres geschätzte Investitionskosten von 54 700 Euro vorgelegt und versprochen, die Hälfte des Geldes über Spenden aufzubringen. Der größte Posten entfällt auf eine Jurte. Es gebe aber auch deutlich teurere Einrichtungen mit Festbauten, sagt der Emmendinger Unternehmer Kaldewey. „Sie können allein eine Trocken-Trenntoilette für 20 000 Euro kaufen.“ Vereinzelt wenden Gemeinden Millionenbeträge für Naturkindergärten auf.
Meistens reichen Bauwagen und Kompostklo
In der Regel aber bleibt es beim mobilen Bauwagen oder der Jurte als Schutzraum für die Kinder. Weil Schlafplätze fehlen, dürfen solche Waldkindergärten maximal sieben Stunden geöffnet bleiben. Die Kinder werden in der Regel mittags abgeholt und bringen ihr Essen für den Vormittag selber von zu Hause mit.
Darin liegt zugleich ein Grund für vereinzelte Kritik an der neuen Waldeslust. Kinder zweier berufstätiger Eltern würden durch die knappen Öffnungszeiten ausgeschlossen, heißt es. Kinder mit Pollenallergien beispielsweise hätten ebenfalls keine Chance auf die Freiheiten draußen. Wieder andere Eltern, die Waldkindergärten ablehnend gegenüberstehen, fürchten die sommerliche Gefahr von Zeckenbissen.
Zukunft Ganztagesbetrieb?
Der Markt beginnt auf die Mängel des Konzepts schon zu reagieren. Neueste Bauwagen für Waldkindergärten sind zwölf Meter lang, verfügen über einen abgetrennten Schlafbereich, eine WC-Anlage und eine Einbauküche. Daneben wird fürs Indianerleben noch ein Tipi aufgestellt. Wer so etwas kauft, kann dann auch die Genehmigung für einen Ganztagesbetrieb bekommen.