Die Suche nach rätselhaften Orten boomt. Auch in Lahr gibt es zwei sogenannte „Lost Places“. Bei genauem Hinschauen stellt sich aber heraus: Zum Entdecken eignen sich beide nicht. Einer gilt als Schandfleck, der andere ist sogar noch in Betrieb.
Wer Lahr mit dem Zug besucht, steht nach dem Aussteigen direkt vis-à-vis einer riesigen Malzfabrik. Ein laufender Betrieb ist bei dem Koloss allerdings nicht erkennbar. Vor allem die zugemauerten Fenster lassen vermuten: Hier produziert niemand mehr Malz, die Fabrik ist ein sogenannter „Lost Place“.
Ersteres stimmt, verlassen ist der Ort aber nicht. Zwar wurde die Malzproduktion tatsächlich 2023 aufgegeben, wie der Eigentümer Frieder Heitzelmann bestätigt. Als Lagerstätte für Malz wird das 1890 errichtete Gebäude aber nach wie vor genutzt. Aber warum sind die Fenster zugemauert? „Das ist schon lange so und hat einen ganz anderen Grund“, führt Heitzelmann aus.
Der Mälzer erklärt, dass früher das Malz aufwendig flach in dünnen Schichten auf dem Boden ausgebreitet werden musste. Anfang der 1970er-Jahre wurden allerdings zwei Betonsilos innen eingegossen und stehen nun direkt vor den Fenstern. Und weil niemand mehr an die Fenster zum Putzen gelangt sei, seien diese eben kurzerhand zugemauert worden.
Inhaber Frieder Heitzelmann befürchtet Beschädigungen auf seinem Gelände
Dass seine Fabrik auf einschlägigen Karten von sogenannten „Urban Explorern“ (kurz: Urbexer) als vermeintlicher „Lost Place“ vermerkt ist, stört Heitzmann im Prinzip nicht. Aber wenn das zur Folge haben sollte, dass sich Menschen unerlaubt Zutritt zum Gelände zu verschaffen versuchten, werde das für ihn durchaus zum Problem, stellt der Dinglinger klar. In der Vergangenheit sei das schon vorgekommen: „Vor allem Jugendliche, die über den Zaun klettern, sind meine Sorge“, meint der Mälzer, den die Sorge umtreibt, dass ungebetene Gäste auf dem riesigen Areal zu Schaden kommen könnten. Dann werde er haften müssen, befürchtet Heitzelmann.
Damit verweist er auf ein Problem, das auch Polizei und Staatsanwaltschaft beschäftigt: Beim Betreten verlassener Gebäude werden häufig die Besitzrechte anderer ignoriert. Dass viele dieser Räumlichkeiten einsturzgefährdet sind, kommt noch erschwerend hinzu. Allerdings könne die Polizei erst dann tätig werden, wenn die Besitzer Anzeige erstatten, hält Pressesprecher Rüdiger Schaupp von der Offenburger Polizei fest.
Viele alte Bauwerke haben als Zeugen vergangener Epochen einen historischen und kulturellen Wert, auch wenn sie nicht mehr genutzt werden. Für viele Urbexer sind vor allem die deutlichen Zeichen des Verfalls faszinierend. Das steht im Widerspruch zum Denkmalschutz, der dafür sorgen soll, dass Kulturgüter eben nicht beschädigt oder zerstört werden. Den Besitzern obliegt es im Sinne der Denkmalpflege, für den Erhalt der Gebäude zu sorgen.
Seit Jahren: Ein „Schandfleck“ steht mitten in der Stadt
Leerstehende Häuser, denen eine solche Pflege nicht zuteil wird und die in aller Öffentlichkeit vergammeln, sind für viele Kommunen ein Ärgernis. So sehen es viele Lahrer im Hinblick auf ein verlassenes Wohnhaus in der Max-Planck-Straße. Einst war dort ein Weinschatzkeller untergebracht, seit vielen Jahren aber gilt das leerstehende Haus als „Schandfleck“, wie die Lahrer Zeitung bereits 2018 schrieb.
Damals erklärte die Stadtverwaltung, dass sie regelmäßig das Gespräch mit dem Besitzer suche, um ihn zur Sanierung oder zum Verkauf des Gebäudes zu bewegen. Ansonsten seien der Stadt die Hände gebunden, so lange sich das Gebäude ,nicht einsturzgefährdet ist.
Daran hat sich auch sieben Jahre später nichts geändert: Die Außenwände des Hauses sind mit Graffiti besprüht, die Fenster wurden Mal mit Brettern zugenagelt, sind aber längt alle eingeschlagen. Wer sich Zugang verschaffen will, hat leichtes Spiel. Im Hof steht ein Wohnmobil, das genauso abgenutzt aussieht wie das Haus. Aber: „Die Baurechtsbehörde kann nur im Rahmen der Gefahrenabwehr tätig werden. Soweit Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung, beispielsweise durch herabfallende Bauteile, drohen, ordnet sie Maßnahmen an, die Gefährdungen verhindern. Dies war jedoch seit Jahren nicht mehr erforderlich“, heißt es von der Verwaltung auf eine aktuelle Anfrage unserer Redaktion.
So hat sich das Gebäude zu einem fragwürdigen „Lost Place“ entwickelt. Kommentare im Internet belegen: Es dringen immer wieder Menschen in das Haus ein. Einer berichtet im Netz, Anzeichen von Drogenkonsum vorgefunden zu haben. Der Polizei ist nach Angaben Schaupps „das Gebäude bekannt“, sie sieht allerdings augenblicklich keine Handhabe, auf dem Privatgelände Kontrollen vorzunehmen.
Die Redaktion erfährt im Gespräch mit sichtlich verärgerten Anwohnern allerdings, dass sich immer wieder vor allem junge Leute Zugang zum Haus verschaffen. Die Anwohner berichten von Glasscherben auf dem Gehweg und von Feuern im Hausinneren. Eine Frau erzählt, dass Leute aus dem Loch auf der Hausrückseite Steine auf die Autos des benachbarten Parkplatzes geworfen hätten. Für die Haltung von Stadt und Polizei zeigen die drei kein Verständnis.
Das ist Urban Exploration
Urbexer sehen sich als Teil einer kulturellen Bewegung, die Abenteuerlust, Geschichte und Fotografie verbindet. Der Reiz liegt für liegt vor allem darin, geheimnisvolle, schwer zu findende oder unzugängliche Orte zu finden. Das Betreten ist, wenn nicht mit den Besitzern abgesprochen, verboten. Ein selbstauferlegter Kodex soll garantieren, dass mit diesen Orten pfleglich umgegangen wird: Urbexer sollen nichts zerstören und nichts mitnehmen. Weil das Interesse an verlassenen Orten wächst, gibt es auch immer mehr schwarze Schafe, die sich nicht daran halten und die Orte mutwillig zerstören.