Dora-Luise Klumpp, hier vor der Fensterwand der Friedhofskapelle in Baiersbronn, hat eine Dokumentation über die Produktion von Kirchenfenstern aus Beton-Glas erarbeitet. Foto: Fotos: rt

Historisches: Dora-Luise Klumpp arbeitet mit Dokumentation über Beton-Glas ein Stück Ortsgeschichte auf

Sie ist ein Stück Ortsgeschichte, weitgehend in Vergessenheit geraten: die Beton-Glas-Kunst. Dora-Luise Klumpp hat dazu eine Dokumentation erarbeitet.

Baiersbronn (rt). "Es ist erstaunlich, wie schnell Ortsgeschichte in Vergessenheit gerät", bemerkt Dora-Luise Klumpp aus Baiersbronn. Sie muss es wissen. Ihr ist es zu verdanken, dass die Geschichte der Glasmacher aus dem Buhlbachtal – einst die größte Glashütte im Schwarzwald – nicht in Vergessenheit geraten ist.

Durch einen Zufall ist sie auf ein weiteres Kunsthandwerk in Obertal gestoßen, auf die Herstellung von Beton-Glas-Kirchenfenstern in den 60er- und 70er-Jahren. Auch diese kunstvolle Arbeit ist weitgehend in Vergessenheit geraten, obwohl es noch viele Zeitzeugen geben müsste. Das ist in der über 16-seitigen Dokumentation aufgearbeitet und für die Nachwelt festgehalten. Wir stellen daraus Auszüge in zusammengefasster Form vor: Das Glas-Atelier ("Obertal Bauform") lag in der Rechtmurgstraße in Obertal, heute Schwarzwald Medical Resort. Es war die ehemalige Kreuzsägemühle der Familie Böhringer, Inhaber der Glashütte Buhlbach. Sie wurde nach Schließung der Glashütte für viele Zwecke genutzt: von 1926 bis 1946 als Orientteppich-Knüpferei, danach als Druckerei und Malatelier und von 1965 bis 1980 als Atelier für Beton-Glasfenster. Das Künstler-Ehepaar Hans-Günther Schmidt und Annerose Schmidt-Weber, das sich an der Bernsteinschule bei Sulz kennengelernt hatte, schuf sich mit diesem Glasatelier seine berufliche Existenz.

Von der Bernsteinschuleim alten Kloster

Ein Blick zurück: Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es für junge Kunst-Studenten im Südwesten keine Ausbildungsmöglichkeiten mehr. Deswegen wurde 1946 die Bernsteinschule im alten Kloster Bernstein bei Sulz gegründet. Die künstlerische Leitung hatte HAP Grieshaber. Dort studierten Nachwuchskünstler, so auch Hans-Günther Schmidt aus Weisen (ehemalige DDR) und Annerose Weber aus Baiersbronn-Friedrichstal.

Die Bernsteinschule wurde zur Keimzelle der Nachkriegskunst, namhafte Künstler gingen aus ihr hervor. Viele von ihnen widmeten sich auch der Glasmalerei, waren doch im Krieg vielerorts Kirchenfenster zerstört worden. Restaurationsbedürftige oder neue Kirchenfenster wurden finanziell stark gefördert. Etliche Schüler setzten deshalb im Obertaler Atelier ihre Fensterentwürfe um. Es wurden jedoch nicht nur Kirchenfenster und Glasobjekte gefertigt, auch Kirchentüren und -portale und andere Kunst am Bau wurden hergestellt, die sogenannte "Beton-Architektur".

Die Kirchenportale wurden auf dem Firmengelände des Sägewerks Haisch in Klostereichenbach, heute Firma Kafa, gefertigt. Hans-Günther Schmidt gilt heute als Pionier der Beton-Glas-Kunst aus dem Schwarzwald, von der in der ganzen Republik Arbeiten an Kirchen und öffentlichen Gebäuden künden.

Schmidt studierte bis 1951 in Sulz und war danach freischaffender Künstler. Mit der Technik der Beton-Glasfenster, die bis dahin nur in Frankreich und der Schweiz bekannt war, setzte er in der Nachkriegs-Betonarchitektur in Deutschland ein perfekt passendes Ausdrucksmittel um.

Die 3,5 Zentimeter dicken bunten Glasplatten wurden in Stücke gebrochen und in Metallrahmen dem Entwurf gemäß fixiert. Die Rahmen wurden dann mit Beton ausgegossen. Über 70 große Kirchenbauten in Deutschland wurden so vom Obertaler Glas-Atelier mit bunten Fenstern und Portalen gestaltet.

Das Ehepaar Schmidt trennte sich während der Obertaler Zeit. Hans-Günther Schmidt zog 1980 nach Achern. Annerose Schmidt-Weber erwarb das "Blaue Haus" in Christophstal und war weiterhin künstlerisch tätig. Sie malte, fertigte Webereien und gab Kurse an der Volkshochschule bis zu ihrem Tod in den 90er-Jahren. Künstlerische Zeugen aus der "Betonkunst-Zeit" sind heute noch in Baiersbronn vielfach zu sehen. So die eindrucksvollen Fensterwände der Friedhofskapelle, ein Fenster im Eingang des Freibads und zwei Kirchenfenster der ehemaligen Kapelle im Dalgenbächle. Weitere Arbeiten befinden sich in privater Hand.

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