Technik aus den 1970er-Jahren: Sie würde auch heute noch funktionieren, wenn es Ersatzteile geben würde. Die Systeme waren so ausgelegt, dass die Bunker-Bewohner 30 Tage lang mit Strom, Frischluft und Wasser versorgt werden konnten. Dann hätten sie den Bunker verlassen müssen. Foto: Comback

Im Kalten Krieg sollte er die Landesregierung bei Angriffen durch Atomwaffen schützen, jetzt bereitet das IT-Unternehmen Comback im Schwarzwald seine Kunden auf Hackerangriffe vor. Der Bunker geht fünf Stockwerke in die Tiefe.

Der Weg nach Oberreichenbach, einem Ort mit knapp 800 Einwohnern im Schwarzwald, führt durch idyllische Tannenwälder. In einer lang gezogenen Kurve geht es rechts ab zum Jägerhaus. In dem zweistöckigen, unspektakulären Gebäude wohnt aber kein Förster. Und der Nadelwald eignet sich auch nicht für die Jagd. Man muss nur wenige Meter in den Wald hineinspazieren – und steht vor einem hohen Stacheldrahtzaun. Von dort sieht man den grasbewachsenen Hügel, auf dem eine Antenne und zwei quadratische grüne Türmchen stehen. Zwei zweiflügelige rote Stahltüren, wie sie in Fabriken üblich sind, weisen auf ein Innenleben hin. Willkommen im ehemaligen Atomschutzbunker der baden-württembergischen Landesregierung.

 

Achim Issmer steht vor einer der roten Stahltüren und begrüßt seine Kunden. Er ist Geschäftsführer der Comback. Das Unternehmen bietet seinen Kunden Schutz – allerdings nicht vor atomaren, sondern vor Hacker-Angriffen. Comback betreibt Rechenzentren und verkauft Dienstleistungen sowie Lösungen rund um IT-Anwendungen. In den Tiefen des Bunkers sind Daten von mehr als 100 Kunden eingelagert, erläutert Issmer. Namhafte baden-württembergische Unternehmen sollen dazu gehören; Namen nennt Issmer nicht. Nur soviel: In der Kundenkartei stehen Firmen, die zwischen 20 und 300 000 Mitarbeiter beschäftigen. Auch Behörden und Ministerien seien darunter.

2500 Quadratmeter groß

Der Bunker ist groß – insgesamt 2500 Quadratmeter. Fünf Stockwerke geht es in die Tiefe. Wer die Treppen hinabsteigt, kann erahnen, dass sich hinter den verschlossenen Türen die Rechenzentren befinden, sehen kann man sie nicht. Die Kunden legen Wert auf Verschwiegenheit; Vertrauen ist wichtig in dem Geschäft. Stattdessen gibt es einen Ausflug in die Vergangenheit – konkret in die Zeiten des Kalten Krieges.

Gebaut wurde der Atomschutzbunker Ende der 1960er-Jahre in der Idylle – etwa gleich weit entfernt von Stuttgart und Karlsruhe. Die Aufgabe: Im Falle eines atomaren Anschlags sollten von hier aus zwischen 250 und 300 Mitglieder der baden-württembergischen Landesregierung – ein Drittel davon Frauen, meist Sekretärinnen – die Geschäfte führen. Übrigens: Die Opposition hatte ihren eigenen Schutzbunker, einige Kilometer von Oberreichenbach entfernt, erläutert Markus Stier, Leiter des Bereichs Business Development bei Comback. Auch andere Bundesländer haben Bunker.

30 Tage unter Tage

Der Regierungsbunker war so ausgelegt, dass die Bewohner 30 Tage lang komplett autark überleben konnten. Es gibt noch das alte mit Diesel betriebene Notstromaggregat, das immer noch funktionieren würde – wenn es denn Ersatzteile gäbe. Der Brunnen liefert Trinkwasser. Die Küche wird noch für Kundenveranstaltungen genutzt. I m Ernstfall in den 1970er-Jahren sollte die Fertignahrung nur im Wasserbad erwärmt werden. Die Schlafräume sehen eng und unkomfortabel aus. Rechts und links direkt neben der Zimmertür steht je ein Stockbett mit jeweils drei Betten. Geschlafen werden sollte im Wechsel; drei Leute sollten ein Bett teilen. Die persönlichen Sachen mussten in einen Spind passen, wie man sie von Schwimmbädern kennt. Es gab auch ein komplett eingerichtetes Tonstudio, damit die Regierung die Bevölkerung informieren konnte. Recht großzügig wirkt der Besprechungsraum; die originalen mit Leinenstoff bezogenen Stühle sind recht bequem, verströmen aber den Charme der 1960er-Jahre. Mit Ausnahme eines Probelaufs mit Statisten wurde die Bunkeranlage nie von der Politik benutzt.

Zwischen 6 Meter dicken Wänden

Und wie kommt Comback an den Bunker? 1992 hat die Landesregierung den Ausweichsitz im Schwarzwald aufgegeben – und einen Betreuer gesucht. Ein Abriss des Bauwerks mit seinen sechs Meter dicken Außen- und drei Meter dicken Innenwänden aus Stahlbeton kam aus Kostengründen nicht in Frage. Dem Verfall konnte man es aus Umweltschutzgründen auch nicht preisgeben – allein wegen der Tausende Liter Diesel, die dort lagerten. Damals kam BASF ins Spiel. Der Chemiekonzern suchte für seine IT-Tochter Comparex auf der grünen Wiese einen Platz für ein Hochsicherheitsrechenzentrum. Seitdem besteht das Mietverhältnis.

BASF ist lange raus. Aus Teilen von Comparex wurde später im Rahmen einen Management-Buy-outs Comback. Die Belegschaft hält seitdem ein Drittel der Anteile, das Softwarehaus Grau Data in Schwäbisch Gmünd zwei Drittel. Comback bietet in den Räumlichkeiten seinen Kunden Speicherplatz für deren Daten an – entweder auf Servern oder auf physischen Datenträgern. Diese sind in einem Bunker naturgemäß besonders sicher. Unter Tage haben die Kunden die Möglichkeit, den Ernstfall durchzuspielen. Sie können testen, wie ihre IT-Systeme einem Hackerangriff standhalten und entscheiden, welche konkreten Schritte nach einem möglichen Angriff nötig sind. Comback baut bei Bedarf innerhalb weniger Stunden eine Ersatzstruktur auf. Die 32 Mitarbeiter von Comback (6 Millionen Euro Umsatz) sitzen dabei nicht im Bunker. Das Jägerhaus, in dem früher das Wachpersonal wohnte, ist Firmensitz des Unternehmens.

Das Land fragt an

Das Land Baden-Württemberg ist als Eigentümerin der Anlage bei den Kosten mit von der Partie. Wäre sie im Ernstfall einsatzbereit? Im Prinzip ja, sagt Stier, es müsste aber in die Technik investiert werden. Das Land hatte nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York angefragt.

Permanente Angriffe

Hacker
Hackerangriffe gab es schon vor 20 Jahren, sagt Markus Stier von Comback, einem Anbieter von Sicherheitstechnik für Unternehmen und Behörden. Seit 2015 haben die Angriffe deutlich zugenommen. Nach Ansicht von Stier sind die Angreifer bereits 100 Tage „im Haus“, bevor sie bemerkt werden. Sicher könne kein Unternehmen sein – weder große noch kleine. Comback selbst werde fast täglich angegriffen.

Varianten
Der Ideenreichtum der Hacker scheint unbegrenzt. Von Juni 2020 bis Mai 2021 hat die Anzahl neuer Schadprogramm-Varianten um rund 144 Millionen zugenommen, schreibt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) in seinem Bericht zur Lage der IT-Sicherheit in Deutschland. Im Schnitt nahm die Zahl der Varianten der Schadprogramme in dem Zeitraum um gut 394 000 pro Tag zu. Die Tätergruppen sind professionell und bestehen teilweise aus 250 Personen.