Rusts Bürgermeister Kai-Achim Klare sorgt sich um die Zukunft der SPD in Baden-Württemberg. Die richtige Frau an der Spitze ist seiner Ansicht nach Dorothea Kliche-Behnke, die aktuell für den Landesvorsitz kandidiert. Foto: Köhler

Rusts Rathauschef, seit 2005 Mitglied bei den Sozialdemokraten, ist enttäuscht von seiner Partei. Er unterstützt nun Dorothea Kliche-Behnke auf dem Weg zum Landesvorsitz.

Das Ergebnis der Landtagswahl war für Kai-Achim Klare eine herbe Enttäuschung. „Seine“ Partei, die SPD, der er seit mehr als 20 Jahren angehört, hat mit 5,5 Prozent der Stimmen nur knapp überhaupt den Einzug in den Landtag geschafft.

 

„Ich habe mich bisher kaum bundes- oder landespolitisch engagiert“, sagt er und das werde sich auch erst einmal nicht ändern. Doch „ich bin unzufrieden, wie sich die Partei entwickelt hat“, stellt er klar. Und da die SPD seiner Ansicht nach nun „die Chance hat, eine Richtungsentscheidung zu treffen“, will er die Hände nicht in den Schoß legen.

Rusts Rathauschef unterstützt daher Dorothea Kliche-Behnke, die neue Landesvorsitzende der Sozialdemokraten werden möchte. Am Freitag – zufällig an ihrem 45. Geburtstag – hat er sie nach Rust ins Welcome-Center des Europa-Parks eingeladen.

Klare und sein Gast kennen sich noch von den Jusos

Kliche-Behnke, seit 2004 SPD-Mitglied, ist Landtagsabgeordnete für den Wahlkreis Tübingen. Sie ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende und parlamentarische Geschäftsführerin – und will nun noch eine Stufe aufsteigen. „Die SPD ist in Baden-Württemberg keine Volkspartei mehr. Wir haben uns aber wie eine verhalten, haben versucht, alle Wählergruppen abzudecken. Wir müssen uns wieder für ein Profil entscheiden, wir sind die Partei der Arbeiter und Arbeitnehmer“, begründet sie ihre Motivation.

Kennengelernt haben sich Klare und Kliche-Behnke bei den Jusos. Anschließend haben sie den Kontakt nie verloren, wie Rusts Bürgermeister erzählt. Entsprechend erfreut habe er reagiert, als er von der Kandidatur Kliche-Behnkes erfahren hat.

„Er kam sofort auf mich zu“, freut diese sich über die Unterstützung von Klare. Dieser ist der Ansicht, dass sich seine Partei in den vergangenen Jahren von ihrem klassischen Wählermilieu entfernt habe, die Menschen nicht mehr erreiche. „Die SPD braucht ihr Profil wieder“, sagt er. Dabei hat er klare Vorstellungen, wie dieses aussehen soll: Fokus auf Arbeit und Kommunales.

In Kliche-Behnke, Mutter von drei Kindern, sieht er eine geeignete Kandidatin. Zum einen kommt sie mütterlicherseits aus einer Unternehmerfamilie, ihr Vater war zudem IG-Metall-Gewerkschaftssekretär, erzählt sie selbst. Zum anderen bringt die 45-Jährige Erfahrung aus der Kommunalpolitik mit: Sie war 14 Jahre lang Stadträtin in Tübingen. Klare gibt seiner Parteifreundin im Gespräch mit, dass sich die SPD wieder mehr mit der Lebensrealität der Menschen beschäftigen muss – und schon sind die beiden rege am diskutieren.

Klare fordert Entschlackung von Gesetzen

Klare nannte mehrere Beispiele, wie Gesetze und Vorhaben an den tatsächlichen Situationen vor Ort vorbeigeplant wurden. Da sei das Thema Erneuerbare Energien. Man habe zwar den Ausbau von PV-Anlagen vorangetrieben, sich aber zu wenig um den Ausbau des Stromnetzes bemüht.

Gute Entwicklung, etwa bei der Inklusion oder beim Klimaschutz, würden durch überbordende Bürokratie ausgebremst. Kommunale Wärmeplanung etwa sei für große Städte sinnvoll, in kleineren Gemeinden aber kaum umsetzbar und binde Kapazitäten, die man für andere, sinnvollere Projekte besser nutzen könne. In manchen Punkten sind sich Klare und Kliche-Behnke auch nicht sofort einig, doch dann diskutieren sie diese aus. Die Forderung „Die SPD muss wieder ein Ort für Debatten sein“ haben Klare und Kliche-Behnke da schon lange mit Leben gefüllt.

Ob der Wunsch der beiden in Erfüllung geht, zeigt sich am 16. Juni, wenn die neue Besetzung des Landesvorsitz’ bekanntgegeben wird. Glück bringen soll Klares Geschenk an Kliche-Behnke: eine Plüschversion von Anatol, dem Waldschwein. Lachend nimmt das Geburtstagskind die Ruster Kreation entgegen – „auch wenn ich meinen Kindern eigentlich gesagt habe, dass keine Kuscheltiere mehr nach Hause kommen“.

Welcome-Center

Das Welcome-Center beim Europa-Park sei ein gutes Beispiel, wie sozialdemokratische Themen in der Praxis umgesetzt werden, sagte Klare. Hier finden Park-Mitarbeiter aus aller Welt eine erste Anlaufstelle, können sich in ihrer Heimatsprache verständigen. Dabei dient es auch als Schnittstelle zur Gemeinde.