In seinem neuen Roman verdichtet der österreichische Erfolgsschriftsteller die Geschichten eines Stadtviertels zu einem literarischen Klangraum von eindrücklicher Intensität.
Am Ende ist das neue Buch von Robert Seethaler gar kein Roman, sondern eine Partitur. Alles, was darin passiert, verdankt sich der Komposition von Stimmen. Und wie Musik sich in der Zeit entfaltet, hat auch „Die Straße“ einen geradlinigen Verlauf innerhalb der zyklischen Struktur der vier Jahreszeiten. Dem zartbitteren Grundton gemäß, der sich durch das ganze Werk des österreichischen Bestseller-Melancholikers zieht, bildet zwar der Herbst den Ausgangspunkt, allerdings mit einer Referenz an Georg Kreislers moribundes Frühlingslied „Tauben vergiften im Park“. Denn den ersten Auftritt hat ein Junge mit einer Steinschleuder im gelben Morgenlicht über den Dächern des Viertels, auf der Jagd nach dem von einem Knall aufgeschreckten Stadtgeflügel.
Die Straße bildet den Hallraum für das polyphone Gewirr unterschiedlichster Schicksale, die Robert Seethaler mit absolutem Gehör für sämtliche Höhen- und Tiefenlagen sowie allem dazwischen aufzeichnet. Und der Minimalismus, mit dem der Autor schon ganze Leben in schmale Romane eingedampft hat, erreicht hier eine kühne formale Prägnanz, die sich jeglichen Tands enthält, der frühere Vorstöße in die Welt des Einfachen und Ungekünstelten manchmal noch prominent bemäntelt hat.
Schikanen halbseidener Immobilienentwickler
Einzig die Statue eines falschen Heiligen, der sich wohl der Erfindungskraft eines der Gemeindemitglieder verdankt, ragt ein wenig heraus. Aber auch das von Maurerlehrlingen aus Porenbetonsteinen aufgemörtelte Gebilde muss unter skulpturalen Gesichtspunkten eher als misslungen gelten, was nichts daran ändert, dass der Heilige Jolander von Leuten in Liebesnöten angerufen wird, allerdings mit überschaubarem Erfolg. Doch wie es an einer Stelle heißt: „Wenn man die Dinge nur lange genug anschaut, offenbart sich mitunter eine Schönheit, die hinter jeder Fassade und somit jenseits unserer Vorstellungskraft liegt.“
Schauplatz ist das aus einer schmucklosen Vorstadtsiedlung herausgewachsene Arbeiterquartier, das von den profitgetriebenen Interessen halbseidener Immobilienspekulanten einer gentrifizierenden Aufhübschung entgegensieht. Doch was sie „Stadtentwicklung“ nennen, bedeutet für einen Teil der hier seit je Ansässigen, dass sie ihren angestammten Kiez verlassen müssen, es sei denn, sie halten den Schikanen stand, mit denen sie zum Auszug bewegt werden sollen.
Wo früher einmal das Armenhaus stand, befindet sich heute das Pflegeheim Haus Abendschein, dessen Bewohner aus anderen Gründen bevorsteht, dass in regelmäßigen Abständen Namensschilder von Türen geschraubt werden müssen. „In diesem Jahr gibt es mehr Tote. Keine Ahnung, warum. Vielleicht hat es mit dem Wetter zu tun“. Keine Ahnung, wer hier spricht, aber damit lernt man umzugehen. Das Haus wird von Frau Dr. Salzgeber geleitet, die möglicherweise wegen der Folgen ihrer ausführlichen Bäckereinkäufe hinter ihrem Rücken Elefant genannt wird. Niederträchtiges Gerede, vor dem auch der Arzt Dr. Aysal trotz seiner aufopferungsvollen Verdienste nicht verschont wird: „Sie wollen sich hier festsetzen. Wie ein Pilzgeflecht, das sich unbemerkt ausbreitet.“ Man ahnt nur zu gut, wer so spricht.
In einer ehemaligen Kohlehandlung versucht jemand ein Antiquariat zu eröffnen, eher auf verlorenem Posten. Eine Blumenhändlerin verwelkt in Einsamkeit. Gastronomie gibt es auch, eine zum Speisen, eine zum Abstürzen. Und weil der Pförtner des Altenheims zu letzterem neigt, kann es passieren, dass einer der Bewohner mit nichts bekleidet als seinem Pflegehemd durch die Straße irrt.
Ein koksender Pfarrer und ein falscher Heiliger
Aber das so zu erzählen, ist bereits die Interpretation dessen, wovon Seethaler bewusst nur die einzelnen Stimmen liefert: durch einzelne Trennstriche voneinander abgesetzte Dialoge, innere Monologe, amtliche Erklärungen, Bittschreiben und nie abgeschickte Liebesbriefe bilden das Material – manchmal auch ein aus allem auf einmal zusammengesetzter sozialer Cluster-Akkord. Kein gottgleicher Erzähler führt Regie, der alte Pfarrer hat sich um den Verstand gekokst, und der falsche Heilige bröckelt vor sich hin. So müssen andere die Leitung durch dieses irdische Vorstadtoratorium übernehmen.
Die Motive gruppieren sich um Feste, Gewaltausbrüche, Paarungen und Entzweiungen, Reprisen und endgültige Abschiede. Einmal brennt es, „im Treppenhaus schwankt der Rauch wie ein besoffener Riese.“ Auch so kann man unliebsame Mieter vergrämen. Glücklicherweise kommt niemand zu Schaden, bis auf eine Katze, die danach den bösen Blick hat. Die Fragmente zeitgenössischen Lebens laufen in der Leerstelle eines Wir zusammen, in die die Lesenden einrücken. Denn es ist auch ihre – unsere – Welt, die diese Straße verbindet.
Dass das Antiquariat sich in dieser Gegend nicht halten können würde, war abzusehen. Kaum ist ein Jahr ins Land gegangen, wird der Laden schon wieder ausgeräumt. Ein Buch aber will der gescheiterte Inhaber behalten, eine Ausgabe von Johann Gottfried Seumes „Aus dem Leben eines Wandervogels“: „Ich habe, ohne nachzudenken, ins Regal gegriffen, und es war gut. Schmerz und Freude liegt in einer Schale, ihre Mischung ist der Menschen Los.“
„Die Straße“ ist das Gegenstück zu dem Roman „Das Feld“, in dem Robert Seethaler vor einigen Jahren die Toten auf dem Friedhof eines kleinen Städtchens zum Reden gebracht hat. Doch während damals der große Gleichmacher Tod nicht nur die einzelnen Schicksale, sondern gleich auch ihr sprachliches Erscheinungsbild eingeebnet hat, tritt in der dem Leben abgelauschten Mischung von sattem Gerede und zartesten Zwischentönen nun des Menschen Los in seiner elementaren Nachbarschaft von Freude und Schmerz in Erscheinung. Ein Diesseits von jenseitiger Abgeklärtheit – herbstlich, wie es sich für eine reife Dichtung gehört.
Robert Seethaler: Die Straße. Claasen. 232 Seiten, 25 Euro.
Info
Autor
Robert Seethaler wurde 1966 in Wien geboren. Er besuchte die dortige Schauspielschule und wirkte in verschiedenen Produktionen für Kino und Fernsehen sowie an Theatern in Wien, Berlin, Stuttgart und Hamburg mit. Seethaler lebt in seiner Heimatstadt und Berlin.
Werk
Seinen Durchbruch als Schriftsteller gelang 2012 mit dem Roman „Der Trafikant“, der in Wien der 1930er-Jahre spielt und an den Nationalsozialismus anknüpft. Zwei Jahre später erschien „Ein ganzes Leben“, ein Millionenauflagen-Erfolg, der auf der Shortlist des International Booker Prize stand. Es folgten der Friedhofsroman „Das Feld“ (2018) und „Der letzte Satz“ (2020) über den Komponisten Gustav Mahler. Zuletzt erschien „Das Café ohne Namen“ (2023).