Auf den Bestseller-Listen: Bücher von Charlotte Link und Stefan Schäfer Foto: Verlage

Wer den Bestseller „25 letzte Sommer“ von Stefan Schäfer liest, erfährt viel über Kartoffelanbau und Möchte-gern-Aussteiger. Und Charlotte Link bietet in „Dunkles Wasser“ anscheinend ebenfalls genau das, was die Leser am liebsten mögen.

Deutsche Bauern sind bekanntlich die Ärmsten der Armen, die Ausgebeutetsten der Ausgebeuteten, die Unterdrücktesten der Unterdrückten. Tag ein, Tag aus brüten sie über unverständlichen Antragsformularen für Subventionen; ihren letzten Tropfen subventionierten Agrardiesels nutzen sie für Traktordemonstrationen, um die Politiker im Allgemeinen und Landwirtschaftsminister Cem Özdemir im Besonderen zu schmähen.

 

Abends werden sie bei „Bauer sucht Frau“ im deutschen Fernsehen auch noch durch den Kakao gezogen. Kurzum: Ein härteres Leben lässt sich kaum noch denken.

Im Ernst: Landwirtschaft ist ein anstrengendes Geschäft, das sich an Effizienz und Marktbedingungen orientieren muss. Eine solche harte Realität passt natürlich nicht zu den romantisierten Vorstellungen gestresster Städter. Diese stellen sich den Kartoffelanbau offenbar am liebsten als eine Art Selbstfindungstrip vor – ungefähr so, wie Stefan Schäfer es in „25 letzte Sommer“ (Spiegel-Bestseller Belletristik Hardcover Platz 18, Ullstein, 172 Seiten, 22 Euro) beschreibt, ein Roman, der schon deutlich mehr als 25 Wochen auf der Bestsellerliste steht.

Der Ich-Erzähler, ein gestresster Städter mit Handysucht und überquellendem Terminkalender, entschließt sich darin eines frühen Morgens spontan, in einem nahe gelegenen See zu baden. Bezeichnenderweise ist dieses Buch ortlos: Der See könnte genauso gut in Mecklenburg-Vorpommern wie im Breisgau zu finden sein.

Stefan Schäfer: Der Held ist Karl, der Kartoffelbauer

Jedenfalls kommt es an jenem See zu einer schicksalhaften Begegnung, denn ihm entsteigt ein nackter Mann: „Schlank, aufrechter Körperbau, rötliche Nase, dichtes graues Haar, ein liebevolles Lächeln zu frechen Augen, vielleicht Mitte sechzig“. Das ist, wie sich bald herausstellt, Karl, der Kartoffelbauer.

Karl ist das genaue Gegenteil des Ich-Erzählers: in sich ruhend, erdverbunden und weise. Vor vielen Jahren hat er sich (nach einer Begegnung mit einem alten Beduinen!) einen Bauernhof gekauft und widmet sich seitdem mit großer Hingabe der Nutzpflanze aus der Familie der Nachtschattengewächse.

Der Typus des genügsamen Aussteigers aus der Hektik der Moderne kommt dem Leser vermutlich bekannt vor: Bislang begegneten uns solche Menschen vornehmlich in Gestalt von Buchhändlern in kleinen, liebevoll eingerichteten Buchhandlungen in Paris oder der Provence. Jetzt geht der Trend offenbar zur Scholle.

Möchte-gern-Aussteiger trifft Aussteiger

Natürlich kann Karl nicht einfach nur ein Diplom-Agrarwirt sein, der mit Anträgen auf EU-Subventionen und den Folgen des Klimawandels zu kämpfen hat. Stattdessen besitzt er eine große Bibliothek in seinem Stall und ist außerdem malerisch begabt. Auf dem Hof stehen zudem keine multifunktionalen Landmaschinen, sondern es findet sich nur ein alter Traktor, der gelegentlich von der kleinen Enkelin – unter totaler Missachtung der Straßenverkehrsordnung – gesteuert wird.

Kartoffelbauer Karl hat alle Zeit der Welt, und der Ich-Erzähler ergreift die Chance für ein bisschen „Me-Time“: Ein Aussteiger trifft auf jemanden, der am liebsten sofort aussteigen würde. Dass dieser Edelkitsch seit Wochen in der Bestsellerliste klebt, sagt mehr über die Sehnsüchte gestresster Städter aus als über ein neuerwachtes Interesse an der Realität der Landwirtschaft in Deutschland.

„Dunkles Wasser“: Ein Sturm, ein einsames Haus

Also raus aus den Kartoffeln. Statt edelmütig verarbeiteter Schicksalsschläge widmet sich Charlotte Link in ihrem neuen Krimi „Dunkles Wasser“ (Spiegel-Bestseller Belletristik Hardcover Platz 2, Blanvalet, 574 Seiten, 25 Euro) lieber den düsteren Seiten des Menschen: Mordlust, Rachegelüste, sexueller Missbrauch. Diesmal geht es um einen brutalen Mord an zwei Camperfamilien an der schottischen Westküste, der schon viele Jahre zurückliegt, um ein verschwundenes Schulmädchen und um eine junge Frau, die von einem Stalker verfolgt wird. Erneut ermitteln die soziophobe, frisch beförderte Detective Inspector Kate Linville und der aus dem Polizeidienst ausgeschiedene, alkoholkranke Caleb Hale aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Intentionen in diesem Fall.

Charlotte Link beherrscht ihr Handwerk: Geschickt verknüpft sie die parallelen Geschichten mit dramaturgischen Wendungen und lässt die Ereignisse während eines Sturms in einem einsamen Haus kulminieren – mit einem überraschenden Ende.

Allerdings beschleicht den Leser alsbald das Gefühl, das alles in ihren früheren Romanen schon einmal sehr ähnlich konstruiert gelesen zu haben. So ist das nämlich mit Bestsellern: Wenn sie erfolgreich waren, greifen die Autoren auf das Erfolgsrezept wieder und wieder zurück.

Was uns wohl auch befürchten lassen muss, dass wir es in Zukunft noch mit vielen Begegnungen von lebensklugen Landwirten mit gestressten Städtern zu tun bekommen werden.