Bestseller: Alina Bronskys „Pi mal Daumen“ und Maja Lundes „Für immer“ Foto: Kiepenheuer & Witsch/btb Verlag

Alina Bronsky ist in ihrem Roman „Pi mal Daumen“ lustig, weil sie auch mal ernsthaft sein kann. In Maja Lundes „Für immer“ dagegen bleibt die Zeit einfach stehen – und wird für die Leser zäh.

Lustige Romane zu schreiben ist eine sehr ernste Angelegenheit. Sie verlangt ausgeprägte handwerkliche Schriftstellerfähigkeiten, einen Sinn fürs Timing und ein Gespür für das richtige Maß an Witz und Ernsthaftigkeit. Wenn man auf diese fragile Balance verzichtet, entstehen Flachwitzbücher, die vor Plattheiten nur so überquellen. Gute witzige Bücher zu schreiben – das muss man können. Sebastian Fitzek zum Beispiel, der sich schon mit Thrillern schwerer tut, als sein gewaltiger Erfolg auf dem deutschen Markt es vermuten ließe, kann es nicht. Und auch David Safier würgt zwar in allzu reicher Folge neue „Miss Merkel“-Krimis heraus, schlägt darin aber immer nur auf längst totgeprügelte Albernheiten ein.

 

Alina Bronsky: Pi mal Daumen

Alina Bronsky hingegen kann es. Und da Buchhändler nun einmal ein Gespür für gute Bücher haben, hat sich ihr Roman „Pi mal Daumen“ (Spiegel-Besteller Belletristik Hardcover Platz 18, Kiepenheuter & Witsch, 24 Euro) nicht nur seit Monaten auf der Bestsellerliste gehalten, sondern wurde auch zum Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhändlerinnen und Buchhändler gekürt.

Bronsky stellt darin zwei tragikomische Außenseiter vor, die am unwahrscheinlichsten aller nur denkbaren Orte aufeinandertreffen: in einer Vorlesung an der mathematischen Fakultät einer Universität. Einer der beiden ist das 16-jährige mathematische Wunderkind Oscar, der zu allem Überfluss auch noch aus einer adligen Familie kommt und deshalb vollständig Oscar Maria Wilhelm Graf von Ebersdorff heißt. Man kann nicht behaupten, er sei ein sympathischer und für soziale Beziehungen besonders geeigneter junger Mann – eigentlich interessiert er sich für nichts anderes als Mathematik und kann keinem seiner Mitmenschen etwas abgewinnen, vielleicht mit Ausnahme des preisgekrönten Mathematikprofessors Daniel Johannsen.

Die andere Person ist die dreifache Großmutter Moni Kosinsky aus sozial prekären Verhältnissen. Irgendwie hat es Moni geschafft, sich an der Uni für Mathematik einzuschreiben, obwohl sie nebenbei noch ein paar Jobs hat und auf ihre Enkel aufpassen muss. Ach ja, und nicht zuletzt findet ihr prolliger Ehemann Mathematik richtig doof.

Diese beiden Protagonisten könnte man jetzt voll ausschlachten, sie bloßstellen und zusammen mit einigen schlechten Mathe-Witzen zu einem ungenießbaren Buch-Cocktail verquirlen. Aber die Autorin geht sehr viel geschickter vor: Alina Bronsky gibt ihren Figuren trotz aller Klischees einige ernste und menschliche Seiten mit. So wird dem Leser der unsympathische und lebensuntüchtige Oscar mit der Zeit immer sympathischer, während man beobachtet, wie er nahezu verzweifelt versucht, die bröckelnde Fassade seiner Soziophobie aufrechtzuerhalten. Und Moni ist nicht nur eine schrullige Alte, sondern ganz ernsthaft mit all jenen Belastungen konfrontiert, die Menschen aus wirtschaftlich und sozial prekären Verhältnissen das Fortkommen erschweren.

Zudem erliegt die Autorin nicht der Versuchung, jede witzige Situation auf der Humorskala bis zum vollen Ende auszukosten, sondern lässt Lücken, offene Fragen und unaufgelöste Geheimnisse: Ist Professor Johannsen ein Betrüger? Was geschah wirklich mit Monis Bruder? Werden Moni und der alte Mathe-Professor Herbst ein Paar? Das offene Ende ist nicht zuletzt deshalb klug, weil sich der Leser nach 270 Seiten nichts sehnlicher wünscht als eine Fortsetzung des Romans.

Maja Lundes: Für immer

Bei Maja Lundes neuem Buch „Für immer“ (Spiegel-Bestseller Belletristik Hardcover Platz 23, btb, 320 Seiten, 24 Euro) hingegen denkt man am Ende: Gott sei Dank, endlich Schluss. Dabei ist der Plot der Autorin, die mit rührseligen Klimakrisen-Büchern wie „Die Geschichte der Bienen“ berühmt wurde, durchaus originell. An einem Tag im Juni bleibt für die Menschen plötzlich die Zeit stehen. Sie wachsen nicht mehr, sie gebären nicht mehr, sie sterben nicht mehr, während die Natur weiterhin ungehindert ihren Lauf nimmt. Bei diesem Plot hatte Lunde offensichtlich die Corona-Pandemie im Hinterkopf – jene Zeit, in der das Leben eines nicht unerheblichen Teils der Menschheit durch Ausgehverbote und Lockdowns gleichsam eingefroren wurde.

Und auch bei Lunde greifen sofort Verschwörungstheorien um sich. Menschen langweilen sich, und bislang verborgene Konflikte brechen auf. Maja Lunde verfolgt das Schicksal einer Handvoll Menschen durch diese Krise: Otto, der Pflanzenfreund etwa, der sich mit seiner Frau zerstreitet; Jacob, der Vater eines Kindes, das nicht auf die Welt kommt und Ellen, der die Freude am Fallschirmsprung abhandenkommt, weil es keinen Kick mehr gibt. Leider reichen die schriftstellerischen Qualitäten der Autorin nicht aus, um diesen Stoff mit der nötigen Differenziertheit in den Griff zu bekommen, und so quält man sich beim Lesen dahin – wie einst an einem trüben Nachmittag im Lockdown.

Mit Leichtigkeit zu schreiben – das gilt sogar für ernsthafte Romane – ist eben verdammt schwer.