Ferdinand von Schirach bei einer Lesung in Stuttgart 2022. Am 26. November liest er in der Liederhalle. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Gespenster der Vergangenheit plagen die Figuren in den Bestsellern von Elizabeth George und Ferdinand von Schirach gleichermaßen. Eine Gegenüberstellung.

Einer der erstaunlichsten Erfolgsautoren der letzten Jahre ist Ferdinand von Schirach. Erstaunlich ist sein Erfolg auf der Bestsellerliste deshalb, weil es in seinen Büchern weder um Psychothriller-Gemetzel geht, noch um kleine Mädchen, die in betriebswirtschaftlich nicht mehr haltbare Buchhandlungen gelockt werden, sondern um moralische Dilemmata.

 

Dabei haben es weder Moral noch Dilemma leicht in diesen Tagen. Moral scheint die Gesellschaft nur noch in Form moralischer Selbstgewissheit zu akzeptieren, nicht aber als Selbstbefragung, als mühsames Vortasten in der Dunkelheit. Moraldebatten werden in diesem Land vornehmlich geführt als simplifizierte Gegensätze: „Ich bin gut, und du bist böse.“ Was aber, wenn es diese eindeutige Grenze zwischen Gut und Böse gar nicht gibt? Was, wenn – was immer man tut – man Schuld auf sich lädt?

Ferdinand von Schirach ist ein Spezialist für genau solche Situationen. In der längsten Erzählung seines neuen Buches „Der stille Freund“ (Spiegel-Bestseller Belletristik Hardcover Platz 8, Luchterhand, 174 Seiten, 22 Euro), mit dem Titel „Spiegelstrafe“, trifft er Cynthia wieder, eine alte Freundin aus Kindertagen. Sie stammt aus verarmtem adeligem Hause, ist eine Frau von gewaltigem Lebensdrang, die aber zugleich versteht, die ungeschriebenen Codes der besseren Gesellschaft zu lesen. „Parkettsicherheit“ nennt man das.

Fast erwartbar: Die Geschichte holt die Gegenwart ein

Diese Cynthia verliebt sich in jungen Jahren während einer Weltreise, bei einem Aufenthalt irgendwo in Südspanien, in einen französischen Immobilienentwickler aus kleinen Verhältnissen, dessen Mutter in einer Fischfabrik arbeitete. Vater unbekannt. Dieser Mann, Matteo, hat sich aus dem Milieu seiner Jugend, einer Welt aus kleinen und großen Drogenhändlern und Amateurboxern, herausgearbeitet. Doch, fast erwartbar, kann Matteo seiner Geschichte der Gewalt nicht entkommen. Im Suff prügelt er seine Frau Cynthia blutig.

Ferdinand von Schirach wäre nicht Ferdinand von Schirach, hätte seine Geschichte nicht einen doppelten Boden. Einige Zeit später nämlich heiratet Cynthia erneut, diesmal in Rom und standesgemäß: einen älteren, schwulen italienischen Adligen – halb Scheinehe, halb Freundschaftsehe. Als dieser zweite Ehemann, Nicco, stirbt, entdeckt Cynthia in seinem Nachlass das Geheimnis einer dunklen Obsession – einer Verstrickung aus Verbrechen und Strafe, aus Schuld und Sühne.

Schuld und Sühne, nicht nur im eigenen Leben, sondern auch in dem der Vorfahren und der Anderen – diese beiden Begriffe sind das Lebensthema Ferdinand von Schirachs, des Enkels von Hitlers Reichsjugendführer Baldur von Schirach. Wie in seinen früheren Werken umkreist er die beiden Pole in diesem Buch aus Erzählungen und Parabeln, Reflexionen, Skizzen und Notizen: Darf man ein Parfüm tragen, dessen Flakon von einem berühmten Architekten und Designer entworfen wurde, der vor rund 100 Jahren in Wien nur dank Spitzfindigkeiten einer Verurteilung wegen Pädophilie entging? Was lehrt uns der Widerstand des Tennisprofis Gottfried von Cramm gegen seine Vereinnahmung durch Hitler-Deutschland? Und macht sich ein Psychotherapeut schuldig, wenn er eine Drohung seines Patienten falsch deutet und deshalb seine Schweigepflicht bricht?

Die Menschen sind nicht, wie sie scheinen

Die große Stärke des Autors ist seine lakonische Sprache, seine präzise, wortgenaue Beobachtung. Er ist damit das Gegenteil der amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth George, die mit ihren in Cornwall spielenden Inspector-Lynley-Romanen mehr sein will als eine simple Krimischreiberin. Auch bei George sind die Menschen nicht, was sie scheinen. Jeder trägt seine moralische Last mit sich, hadert mit Entscheidungen der Vergangenheit und sieht sich moralischen Dilemmata ausgesetzt.

In ihrem neuen Roman „Wer Zwietracht sät“ (Spiegel-Bestseller Belletristik Hardcover Platz 13, Goldmann, 752 Seiten, 28 Euro) wird der Unternehmer Michael Lobb, ein Zinngrubenbesitzer im Städtchen Trevellas, ermordet aufgefunden. Lobb hatte sich mit seiner Ex-Frau und seinen Kindern überworfen, als er sich in die viele Jahre jüngere Kayla verliebte, die zunächst seine zweite Frau wird und schließlich seine Witwe.

Elizabeth George versucht, viele Fäden zu spinnen und viele Fährten zu legen – verliert dabei aber den Kern ihrer Story aus den Augen. Viele Leser ihrer früheren Romane werden sich an einige der handelnden Personen erinnern: Inspector Lynley, die Zoo-Tierärztin Daidre Trahair und die nicht sonderlich stilsichere Detective Sergeant Barbara Havers. Doch Georges ausufernde Prosa verschafft dem Buch mühsame Längen.

So brutal es klingen mag: Zehn Seiten Ferdinand von Schirach sind spannender als 750 Seiten Elizabeth George.

Termin: Ferdinand von Schirach liest am 26. November um 20 Uhr in der Liederhalle Stuttgart aus seinem Buch „Der stille Freund“.