Im Fall der verschwundenen Frauen in dem Provence-Krimi „Geheimnisvolle Garrigue“ in spielen ihre Schuhe eine hinweisgebende Rolle. Foto: dpa/Patrick Pleul

Zwischen Algarve und Provence wird gemordet: Diese beiden Krimi-Bestseller verschönern unseren Urlaub – mit einem Tod unter der Dusche und zwei verschwundenen jungen Frauen – meint unser Autor Markus Reiter.

Im realen Leben wollen sich die wenigsten den Urlaub durch einen Mord vermiesen lassen. Selbst wenn sie nicht selbst das Opfer sein sollten, ist es die Aufregung nicht wert. Zeugenbefragung statt Strandbesuch. Pool gesperrt wegen Spurensicherung. Und das Blaulichtgewitter stört die Nachtruhe. Hingegen boomen seit einigen Jahren in der Ferienzeit Krimis, die in südeuropäischen Urlaubsregionen spielen. In der Regel handelt es sich um Gebiete, in die ein eher leseaffines, begütertes und bürgerliches Publikum zu reisen pflegt. Die Autoren lassen ihre Ermittler daher alle paar Seiten heimische Restaurantgeheimtipps aufsuchen und sich an örtlichen Spezialitäten genüsslich tun. Weshalb es „Mord am Ballermann“ und „Tod an Bulgariens Goldstrand“ schwer haben, unter die Bestseller zu gelangen.

 

Die reizvolle Provence hingegen ist wie geschaffen, ein paar Leichen zu beherbergen; ist sie doch geprägt durch die sogenannte Garrigue, die offenbar gut geeignet dazu ist, dass sich verschwundene Mädchen, zur Fahndung ausgeschriebene Clochards und ein seit Jahren untätiger Serienkiller darin verstecken könnten.

Von wegen spurlos verschwunden

Letzterer hat sich – so scheint es – in Cay Rademachers Provence-Krimi „Geheimnisvolle Garrigue“ („Spiegel“-Bestseller Belletristik Paperback Platz 11, Dumont, 432 Seiten, 17 Euro) ausgerechnet mit Beginn des großen Corona-Lockdowns entschlossen, seine Tätigkeit wieder aufzunehmen. Jedenfalls verschwinden am „Tunnel du Rove“, einem verschütteten Schiffstunnel durch das Estaque-Gebirge, kurz hintereinander zwei junge Frauen. Klappentextautoren schreiben hier gerne, sie seien „spurlos verschwunden“. Das ist Quatsch, denn wären sie spurlos abhandengekommen, wäre der knorrige Ermittler Capitaine Roger Blanc ziemlich aufgeschmissen. Tatsächlich aber hat der Täter absichtlich eine Spur am Steilhang des Tunneleingangs hinterlassen, nämlich den jeweils linken Schuh der Frauen. Dabei handelt es sich um das gleiche Markenzeichen wie bei einer Verbrecherserie vor 23 Jahren am selben Ort, der vier Frauen zum Opfer gefallen waren. Schlug der Täter also wieder zu? Und wenn ja, warum jetzt? Und wenn nein, warum diese Nachahmung? Während also im Lockdown alle braven Bürger zu Hause eingesperrt sind (keine Restaurantbesuche!), muss Capitaine Blanc seinen Frauenmörder finden. Für einen neutralen Ermittler wechselt er dabei allzu rasch die Hauptverdächtigen, aber letztlich kommt ihm bei einem Spaziergang durch die Garrigue der entscheidende Gedanke.

Zwischen Gangstern und einem Agrarkonzern an der Algarve

Während Rademachers Krimi sich ganz nett liest, aber eher den flachgründigen Spannungsbogen einer mediterranen Strauchheideformation hat, legt Gil Ribeiro einen Zahn zu. In „Einsame Entscheidung“ („Spiegel“-Bestseller Belletristik Paperback Platz , Kiepenheuer & Witsch, 400 Seiten, 17,50 Euro) schickt er seinen Ermittler Leander Lost auf eine Hetzjagd durch das Alentejo, verfolgt von Gangstern im Auftrag eines Agrarkonzerns, der portugiesischen Staatspolizei und seinen Kollegen von der Polizeiwache im Algarve-Städtchen Fuseta. Ribeiro, der in Wirklichkeit Karsten Holger Schmidt heißt, hat mit Lost einen originellen Charakter geschaffen. Der deutsche Austauschkommissar hat das Asperger-Syndrom, eine autistische Entwicklungsstörung. Lost fehlt die Intuition für menschliche Gefühle. Er analysiert Menschen wie ein Computer, erkennt zum Beispiel treffsicher, ob sie lügen – aber er versteht sie und ihre oft irrationalen Motive nicht.

Ribeiro bringt seinen Protagonisten damit in absurde Situationen, ohne ihn bloßzustellen. Neben der flotten Erzählung trägt die charakterliche Besonderheit dazu bei, den Krimi zu einer spannenden Urlaubslektüre zu machen, selbst wenn viele andere Personen allzu eindimensional geschildert werden. Im Gegensatz zu den skandinavischen Serienmördern kommen die Urlaubskrimis aus dem europäischen Süden mit deutlich weniger Grausamkeit aus. Die Schilderung des erstochenen englischen Touristen in der Dusche in „Einsame Entscheidung“ bleibt so dezent, dass sie dem Leser den abendlichen Alvarinho-Weißwein auf der Terrasse des Hotels in einem Fischerstädtchen an der Algarve nicht zu verleiden mag. Zur nächsten Leiche im nächsten Jahr kommen wir deshalb gerne hierher zurück.