J. D. Vance bei einem Vortrag im Jahr 2017 Foto: Wikipedia, CC BY 2.

Der Bestseller-Autor J. D. Vance (36) möchte 2022 bei der Senatswahl in Ohio antreten. Er vollzieht dafür eine Kehrtwende in seiner einst kritischen Haltung zu Donald Trump.

Stuttgart - Der Bestseller-Autor J. D. Vance galt in den USA mal als Kleine-Leute-Versteher und Kritiker des Ex-Präsidenten Donald Trump. Das scheint vorbei zu sein: Vance möchte bei den Senatswahlen 2022 in Ohio für die Republikaner antreten – und weil das ohne den Segen Trumps nahezu aussichtslos wäre, vollzieht Vance eine Kehrtwende.

 

In seinem Buch „Hillbilly Elegy“ (2016), 2020 verfilmt von Ron Howard, beschreibt der Autor das Schicksal seiner Familie eigenwilliger Hinterwäldler aus Kentucky, die von den Hügeln der Appalachen nach Ohio zogen und durch Industriearbeit zu Wohlstand kamen – bis die Krise der Stahlindustrie in den 70ern Niedergang und Arbeitslosigkeit brachte.

Es entstand eine abgehängte weiße Unterschicht, die 2016 mehrheitlich Trump gewählt hat. Vance warf Trump damals vor, diese Klientel mit demagogischen Thesen zu Immigration und Globalisierung zu ködern. Er bezeichnete Trumps Gebaren als „unmoralisch“, „absurd“ und „verwerflich“. Trump jage „Menschen, die mir am Herzen liegen Angst ein“, erklärte Vance, und meinte Immigranten und Muslime. Der Autor verkörpert den amerikanischen Traum, er hat sich herausgekämpft und ein Jura-Studium an der Elite-Universität Yale abgeschlossen. Nun ist er ein gut vernetzter Kapitalverwalter mit vielen Wahlkampfspendern.

Vance bezeichnete Trump als „unmoralisch“

Da er aber für die Republikaner antritt, kommt er an Trump nicht vorbei. Der hat Ohio zweimal gewonnen und wurde jüngst bei einem Auftritt in Cincinnati umjubelt. Seine Wähler können die Vorwahlen entscheiden. Also hat Vance sich entschuldigt: Er bedaure, dass er Trump „falsch eingeschätzt“ habe, sagte Vance im rechtskonservativen Sender Fox News. „Ich glaube, er hat viele gute Entscheidungen im Sinne der Menschen getroffen.“ Auf Twitter bezeichnete er Trumps restriktive Grenzpolitik als „eines der klügsten politischen Konzepte zum Thema Einwanderung in den vergangenen 30 Jahren“. Und er suchte Trump in dessen Residenz in Mar-a-Lago/Florida auf.

Vance begibt sich zwischen die Fronten

Nach dem Kotau liegt Vance auf Platz drei hinter Jane Timken, Ex-Parteivorsitzende in Ohio, und Josh Mandel, Ex-Finanzminister von Ohio. Sie konkurrieren um den Sitz von Rob Portman, der nicht mehr antritt, weil ihn die „Blockade“ von Republikanern und Demokraten im Senat „bestürzt“. Vance nun begibt sich zwischen die Fronten. Er sagt, er wolle „ganz normalen Wählern“ eine Stimme geben, ist aber weder typischer Trumpist noch typischer Republikaner: Er appelliert an die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen und geißelt sie dafür, Jobs nach Asien zu verlegen, während Manager abkassieren; zugleich lehnt er staatliches Eingreifen ab, wie Demokraten es gerne fordern.

Schon kursieren Vergleiche zu Frank Capras Filmklassiker „Mr. Smith goes to Washington“ (1939). Darin rüttelt ein ehrlicher Pfadfinderführer (James Stewart) am System. Mr. Vance ist natürlich kein bisschen so naiv wie dieser Mr. Smith – aber er versteht es, mit dessen Geist zu kokettieren.