Das Prunkstück der Sammlung: Der Basler Leichenwagen, Baujahr 1868. Foto: Jörg Bertsch

Die „Sammlung Friedhof Hörnli“ zeigt, wie die Menschen ihre Verstorbenen bestattet und die Erinnerung an sie bewahrt haben.

Der Mann brennt für seine Sache. Mit lebhaft blitzenden Augen unter weißem Haarschopf und einem Zeigestab in Händen führt er den Besucher durch „sein“ Museum, erzählt Geschichten, erklärt Begriffe, vermittelt Hintergründe, beredt, begeistert, temperamentvoll – und manchmal auch mit einem schalkhaften Lächeln. Obwohl es ja um eine todernste Sache geht: um die Schweizer Bestattungskultur der letzten 200 Jahre nämlich. Peter Galler ist der Gründer, Kurator und Chef der schweizweit einzigartigen „Sammlung Friedhof Hörnli“.

 

Der 84-Jährige zeigt seine rechte Hand, deren Innenfläche von Schwielen und Narben entstellt ist. „Wissen Sie, woher das kommt? – Vom Absenken der Särge!“ Als der gelernte Gärtner 1961 auf dem Friedhof Hörnli anfing, war er auch als Grabmacher tätig – damals noch mit Pickel und Schaufel – und eben auch als einer derjenigen, die den Sarg an dicken Seilen langsam in die Grube hinunterließen. Einige Tausend Bestattungen hat er in seinen vierzig Berufsjahren erlebt.

In den Kellern der Friedhofsanlage stapelten sich alte leere Urnen von den 1953 abgeräumten Friedhöfen Kannenfeld und Horburg. Peter Galler erhielt den Auftrag, sie zwecks Entsorgung zu zerkleinern. Bei einigen besonders schön verzierten Exemplaren brachte er das nicht übers Herz. Man erlaubte ihm, sie aufzubewahren.

Spott und Hohn

Fortan trug er zusammen, was immer ihm an Bestattungszubehör erhaltenswert erschien. Viele Stunden seiner Freizeit verbrachte er in dem zugigen alten Schuppen, der ihm überlassen wurde. Bald sprach sich seine Leidenschaft herum. Sie trug ihm Spott und Hohn ein, aber auch Anerkennung und Bekanntheit weit über Basel hinaus.

Temperamentvoll und kenntnisreich: Sammlungsgründer und Museumsführer Peter Galler. Foto: Jörg Bertsch

Viele Menschen trugen ihm einschlägige Gegenstände an. Zu Dutzenden von Urnen kamen so im Laufe der Zeit auch Grabsteine, Eisenkreuze, Bronze-Engel und vieles mehr. Peter Galler, der „hartnäckige Spinner“, wie er sich selber bezeichnet, sammelte, sortierte, pflegte, reparierte – alles auf eigene Rechnung.

1994 klopfte er bei seinem obersten Chef, Regierungsrat Christoph Stutz an – und wurde erhört. Geld vom Kanton erhielt er zwar weiterhin nicht; aber man stellte ihm die leerstehenden Räume des früheren Krematoriums zur Verfügung. Nun konnten die Sammlerstücke übersichtlich und geordnet ausgestellt werden.

Unglaubliche Dinge

Das war die Geburtsstunde des heutigen Museums. Gleichzeitig wurde ein Träger- und Förderverein gegründet. Unglaubliche Dinge hat Galler zusammengetragen. Da ist etwa eine Sammlung von „Haar-Andenken“. Aus dem Haar von Verstorbenen wurden einst kunstvoll Bilder gefertigt, die man zur Erinnerung im „Ahnenecken“ aufhängte. Oder eine Vitrine voll mit metallenen Überresten aus dem Krematorium: künstliche Hüftgelenke, Knochenbruch-Schienen oder Herzschrittmacher.

Im Schuppen entdeckt

Oder die alten Leichenwagen-Kutschen, allen voran diejenige aus Basel mit Baujahr 1868. Bis etwa 1925 tat sie in der Stadt Dienst, dann war sie verschollen. In einem Schuppen in einem Baselbieter Dorf, von Gerümpel verdeckt, fand Galler schließlich das Gefährt. Schön restauriert, ist es heute das Prunkstück der Sammlung.

Auch seinen Grabmacher-Kollegen hat Galler ein Denkmal gesetzt. Original-Arbeitsverträge zeigen, zu welchen Konditionen die Leute vor bald 100 Jahren angestellt wurden. Werkzeuge zeigen, unter welchen Bedingungen sie arbeiteten: „Als ich auf dem Hörnli anfing, haben wir die 50 Kilometer Hecken noch von Hand geschnitten.“

„Memento mori“, bedenke, dass du sterben musst: Eindrücklicher als in der Sammlung Friedhof Hörnli kann man diesen altrömischen Sinnspruch kaum illustrieren. Das Museum dokumentiert Symbole, Rituale und Kultgegenstände, die die Menschen im Umgang mit dem Unvermeidlichen gefunden und benutzt haben.

Bessere Beleuchtung

Vor 63 Jahren hat Peter Galler angefangen, und immer noch hat er Pläne. Als Nächstes gibt es eine bessere Beleuchtung für den Kutschenraum. Und draußen, auf der Betonmauer, die den Vorplatz des Museums umgibt, würde sich eine Replik des Basler Totentanzes gut machen, findet er. Nun, er ist ja erst 84. Das «Unvermeidliche» hat noch Zeit.

Sammlung Friedhof am Hörnli, Hörnliallee 70, Riehen, geöffnet jeden 1. und 3. Sonntag im Monat, 10 bis 16 Uhr. Info: Peter Galler, Tel. 0041/616015068