Wo darf eine Urne „gelagert“ werden und kann man die Asche „teilen“? Foto: Thomas Frey/dpa

Albstadts Erster Bürgermeister Roland Schmidt hat seine Masterarbeit zum Thema „urbanes Bestatten“ geschrieben.

Welches Thema in Sachen Stadtplanung interessiert alle und geht auch jeden an? Diese Frage stellte sich Albstadts Bürgermeister Roland Schmidt, als er sich einst auf seine Masterarbeit vorbereitete. In Kaiserslautern studierte er an der Technischen Universität Raum- und Umweltplanung und kam auf die Idee, sich des Themas „urbanes Bestatten“ anzunehmen.

 

„Mit Todesfällen war ich schon früh und auch öfter konfrontiert“, so Roland Schmidt, der die Soziologie mit der gestalterischen Tätigkeit verbinden wollte. Dazu muss man wissen, dass der Ingenieur, der lange Zeit in der Stadtplanung tätig war, in einer vorwiegend katholischen Gegend aufgewachsen ist, wo es hauptsächlich Erdbestattungen gibt.​

Und genau deshalb stellte sich in allen Kommunen, in denen Roland Schmidt während seiner beruflichen Laufbahn Halt machte, immer wieder die Notwendigkeit von Friedhofserweiterungen. Diesen Flächenbedarf hat der Stadtplaner hinterfragt, als er im Jahr 1997 an seiner Masterarbeit geschrieben hat – und dabei einige Prognosen abgab, die sich später bewahrheiten sollten.

Auf dem Friedhof in Ebingen gibt es auch sogenannte Rasengräber. Foto: Vera Bender

Beispielsweise die Sache mit dem „anonymen Gräberfeld“. Letztlich wollten und wollen die Trauernden halt doch wissen, wo in etwa der oder die Verstorbene liegt.

Bei einer Urnenwand bringen viele Hinterbliebene „Geschenke“ für die Toten. Entweder werden die Blümchen in irgendeinen Spalt gesteckt oder man legt die Kerze oder den Engel auf dem Boden darunter ab. Letztlich vor der „falschen“ Urne. Und außerdem bleibt das alles dann so lange liegen, bis es vom Friedhofsamt beseitigt wird.

„Menschen brauchen einen Ort der Trauer, weiß Roland Schmidt. Der städtische Friedhof dürfe deshalb nicht nur irgendeine „Entsorgungsfunktion“ einnehmen. Es gebe den Aspekt der Riten, damit die Trauer einen Rahmen habe, gibt er zu bedenken.

Kirchen haben passende Liturgien

Für solche Riten waren früher die Kirchen zuständig. Letztlich gibt es ja auch eine eigene Liturgie, die das aufgreift. Ein Bestatter sei letztlich ein Unternehmen, äußert Schmidt, ohne den einzelnen zu nahe treten zu wollen.

„Wenn man alles outsourced, widerspricht das dem natürlichen Trauerprozess“, erläutert der Planer, der daran erinnert, dass man in früheren Zeiten die Verstorbenen in ihrem Zuhause gewaschen und aufgebahrt habe. Heute werden das Sterben und der Tod laut Roland Schmidt in eine Art „Schmuddelecke“ verbannt, es wird größtenteils tabuisiert. Deshalb lobt der Bürgermeister auch die Hospizgruppen, die eine enorm wichtige Arbeit leisten, ebenso wie die Palliativmedizin, die enorme Fortschritte genommen habe.

So ein Friedhof sei ein wertvoller Stadtraum mit vielfältigen Funktionen, betont Roland Schmidt. Die Ruhestätte ist zugleich eine Art Visitenkarte der Kommune, wo bei Beerdigungen viele Menschen aus anderen Regionen zusammenkommen, ein Treffpunkt für Trauernde, ein Ort des Abschiednehmens und des Besuchens, so der Ingenieur. „Friedwälder fügen dem Kulturraum Friedhof Schaden zu“, stellt Roland Schmidt fest, „denn die Trauer muss verortet werden.“

Urne im Regal? Bislang nicht

Ganz absurd findet der Erste Bürgermeister den Gedanken, dass man die Urne auch bei uns eventuell irgendwann ins Regal stellen kann, so wie dies in den Niederlanden gestattet ist. Oder, wie in Rheinland-Pfalz bereits erlaubt, die Asche des Verstorbenen im Fluss verteilen darf.

„Es ist von Vorteil, wenn man in ein Ritenkorsett eingebettet ist“, meint Schmidt, der vor dem geistigen Auge Bilder entstehen lässt, die – bei all der Ernsthaftigkeit des Themas – für Schmunzeln sorgen: Wer bekommt die Oma? Kann man den Vater auch halbieren? Bisherige Erbstreitigkeiten könnten dadurch ein ganz anderes Ausmaß einnehmen, wenn man sich um die Asche eines Verstorbenen regelrecht prügelt. Oder darf Mama dann eine Woche auf meinem Kaminsims stehen und in der anderen Woche bei meiner Schwester?

Glücklicherweise gibt es in Deutschland (noch) das Gebot der Unteilbarkeit der Asche. Aber: „Friedhöfe werden momentan ziemlich angegriffen“, bangt der Stadtplaner um den zukünftigen Fortbestand. „Die Ruhe, die Würde, das Grün sollte nicht unter die Räder kommen.“ Er plädiert dafür, die gegenwärtige Qualität, die er vor allem in Albstadt über die Maßen lobt, beizubehalten, zu pflegen und weiterzuentwickeln: „Wir müssen den Friedhof als Stadtraum begreifen. Am wenigsten brauchen wir einen Friedwald, der nicht unserem Anspruch an Kultur und Riten gerecht wird.“