Nach Nach Schätzungen des Bundesverbandes der Deutschen Bestatter wurden im Vorjahr rund 80 Prozent der Gestorbenen in Deutschland verbrannt. Foto: red

Eigentlich schien alles geklärt: Die Stadt Lahr will ab 2027 die Einäscherung auf dem Bergfriedhof in Eigenregie betreiben. Doch dafür gibt es jetzt unerwartet Konkurrenz. Denn sieben Bestattungsunternehmen aus der Region haben ganz andere Pläne – sie werden selbst einen Krematorium-Neubau errichten.

Die Bestatter aus der Region haben Mitte der Vorwoche an OB Markus Ibert und die Fraktionsvorsitzenden im Lahrer Gemeinderat einen Brief geschickt, der auf dem Rathaus für ziemliche Aufregung gesorgt haben dürfte: In ihrem gemeinsamen Schreiben kündigen sie den Neubau eines Krematoriums an, das im Herbst 2027 in Betrieb gehen soll. Damit hat die Stadt völlig überraschend Konkurrenz bekommen. Denn sie hat vor, wie mehrfach berichtet, die Einäscherung Verstorbener ab Oktober 2027 in Eigenregie zu betreiben, und zwar wie bisher im Gebäudeensemble am Bergfriedhof. Wir stellen hier die aktuelle Entwicklung und den Hintergrund vor.

 

Die erste Reaktion der Stadt: Auf dem Lahrer Rathaus hat der Brief der Bestatter für eine Sofortmaßnahme gesorgt, die die Sitzung des Haupt- und Personalausschusses (HPA) am Montagabend betraf. Dort sollte der Gremienlauf des Verwaltungsvorschlags zum städtischen Betrieb des Krematoriums beginnen. Allerdings sprachen die Ausschussmitglieder nun hinter verschlossenen Türen darüber, wie es weitergehen soll. Denn nach der Ankündigung der Bestatter wurde die Beratung kurzfristig in den nichtöffentlichen Teil der Sitzung verlegt. Bei der Eröffnung des Hauses des Jugendrechts am Montag kündigte OB Markus Ibert außerdem gegenüber unserer Redaktion an, dass es ein Gespräch mit den Urhebern des Briefes geben soll.

Der Vorstoß der Bestatter kommt für die Stadt zum ungünstigen Zeitpunkt

Fakt ist, dass die Pläne der Stadt in Sachen Krematorium sehr weit gediehen sind, die Initiative der Bestatter aus Sicht der Verwaltung deshalb zu einem mehr als ungünstigen Zeitpunkt kommt. Denn das nächste Mal soll bereits am morgigen Mittwoch im Technischen Ausschuss (Beginn 19.30 Uhr im Sitzungssaal des Rathauses) über den städtischen Vorschlag zum Krematorium beraten werden. Zu guter Letzt soll dann am Montag, 26. Mai, der Gemeinderat die Gründung einer Krematoriums-Gesellschaft unter Beteiligung der Stadt beschließen. Es sei denn, durch die Ankündigung der Bestatter ergibt sich noch eine Änderung bei diesen Plänen.

Die Ausgangslage: Seit 1939 gibt es die Einäscherungsanlage beim Bergfriedhof. Der Anbau fügt sich von Alter und Stil nahtlos an das Haupthaus der Verwaltung an. Nur die breite Einfahrt und der große Kamin auf dem Dach passen nicht so recht ins historische Bild, das das Gesamt-Ensemble mit seinem Sandsteinmauerwerk und den Spitzbögen vermittelt.

Der Pachtevrtrag konnte kein weiteres Mal verlängert werden

Im Zuge von notwendigen Erneuerungsinvestitionen in Öfen und Abgastechnik entschied der Gemeinderat im Jahr 1997, den Krematoriumsbetrieb befristet an einen Privaten zu vergeben – dieser Pachtvertrag läuft im Oktober 2027 nach mehrmaliger Verlängerung endgültig aus. Aber danach soll der Betrieb aus Sicht der Stadt weitergehen.

Die Pläne der Stadt: Nach dem Auslaufen des Pachtvertrags im Oktober 2027 will die Stadt das Krematorium bekanntlich wieder in Eigenregie betreiben – durch eine kommunale GmbH. Ziel sei es, den Kremationsbetrieb langfristig, pietätvoll und umweltfreundlich sicherzustellen, heißt es aus dem Rathaus.

Geplant sei, die Kremationstechnik zu modernisieren, aber auch innerhalb der Friedhofsgebäude zu verlagern, wovon sich die Stadt laut der Vorlage für den HPA effizientere Abläufe, bessere Umweltstandards und würdigere Abschiedsmöglichkeiten für die Angehörigen erwartet.

Die geplanten baulichen Veränderungen: Das Krematorium soll nach dem Willen der Stadtverwaltung in das Friedhofsbetriebsgebäude verlegt werden. Außerdem soll ein Trauercafé eingerichtet werden, in dem die Angehörigen sich vom Verstorbenen in angemessener Atmosphäre verabschieden sowie gemeinsam trauern können, so die Verwaltung. Die Betriebsverlagerung biete auch den Bestattern bessere Abläufe und stelle so für sie „eine starke Verbesserung und Angebotserweiterung dar“ – so die Argumentation der Stadt.

Die Initiative der Bestatter: Nicht nur beim letzten Punkt sind die sieben Bestatter aus dem Raum Lahr – alles langjährige Nutzer des Krematoriums beim Bergfriedhof – ganz anderer Ansicht. In ihrem gemeinsamen Schreiben, das unserer Redaktion vorliegt, betonen sie, dass die Modernisierung des Krematoriums in einem Bestandsgebäude auf dem Bergfriedhof „allenfalls eine suboptimale Idee“ sei.

Das Raumkonzept gefällt den Bestattern nicht

Ihre Kritik richtet sich zunächst gegen das Raumkonzept der Stadt – mit dem Krematorium in einem Bestandsgebäude, der Friedhofskapelle in einem zweiten und dem Trauercafé in einem dritten. Das würde dazu führen, dass die Angehörigen mehrfach den Standort wechseln müssten, monieren die Bestatter. Ohne einen separaten Hygieneraum erwarten sie außerdem keine wesentliche Verbesserung ihrer eigenen Arbeitsbedingungen. Vom Konzept der Stadt seien sie „nicht überzeugt“, betonen sie.

Stattdessen planen sie ein eigenes Krematorium in der Region Lahr, „das allen Anforderungen vollumfänglich entspricht.“ Es solle den Namen „Haus des Abschieds – Krematorium der Bestatter“ erhalten. Ihr Neubau, für den sie keinen konkreten Standort nennen, werde eine pietätvolle Einäscherung ermöglichen. Denn sie würden würdevolle Abschiedsräume für Trauerende und Angehörige, eine Kapelle, ein Trauercafé und einen naturnahen Garten zum Verweilen schaffen. Die Trauerenden hätten dann alles unter einem Dach und müssten nicht die Gebäude wechseln.

Darüber hinaus garantiere das von ihnen geplante Krematorium „die direkte Anlieferung und Abholung, einen ausreichend dimensionierten Kühlraum und einen Raum zur hygienischen Versorgung“ – das wären optimale Arbeitsbedingungen für sie selbst, sind sie sicher. Nur mit dem Neubau eines Krematoriums ergebe sich so „ein echter Mehrwert für die Trauerenden und Hinterbliebenen“, aber auch für die Bestatter. Noch ein weiteres Argument führen sie gegen die Pläne der Stadt an – denn der Betrieb eines Krematoriums sei keine öffentliche Aufgabe, sind sie überzeugt. Er zähle nicht zur Daseinsvorsorge, für die die öffentliche Hand zuständig ist.

Ihren Brief verstehen die Bestatter durchaus als Handlungs- oder Abstimmungsempfehlung für die Mitglieder des Gemeinderats. Es gehe auch darum, dass sie am 26. Mai im Rat eine fundierte Entscheidung treffen, heißt es in dem Schreiben. Denn die städtischen Pläne seien mit hohen Kosten verbunden. Tatsächlich rechnet die Stadt laut Wirtschaftsplan mit Gesamtkosten von drei Millionen Euro. Diese Investition würde sich, so darf man den Hinweis der Bestatter verstehen, eventuell nicht rentieren, wenn es ein zweites Krematorium gibt.

Das sind die Unterzeichner

Das Schreiben an OB Markus Ibert und die Fraktionsvorsitzenden haben die Betreiber dieser sieben Bestattungsunternehmen unterzeichnet, die entsprechend auch das neue Krematorium gemeinsam bauen wollen: Bolz (Lahr), Eichhorn (Kippenheim), Seitel (Friesenheim), Link (Rust), Heizmann (Oberwolfach), sowie Heidenreich und Kiechle (beide Offenburg).