In eigenen vier Wänden leben zu können ist besonders für Azubis und Senioren eine Herausforderung – auch in der Ortenau. Das erklärt die IG Bau in einer Mitteilung.
Jüngere und ältere Menschen gehören zu den Verlierern, wenn es ums Wohnen geht: „Etliche der rund 8610 Azubis im Ortenaukreis wohnen noch bei ihren Eltern. Und das nicht immer ganz freiwillig. Denn eine eigene Wohnung können sie sich oft nicht leisten“, sagt Ilse Bruttel von der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau).
Das Wohnen werde gerade auch für Azubis mehr und mehr zum Problem. Das zeigt, so die IG Bau Südbaden, der aktuelle „Soziale Wohn-Monitor“ vom Pestel-Institut, den die Gewerkschaft mit in Auftrag gegeben hat. „Tragisch ist es, wenn ein Ausbildungsvertrag nicht zustande kommt, weil das Wohnen zu teuer ist. Etwa dann, wenn Jugendliche weder eine Wohnung noch ein WG-Zimmer in der Nähe des Ausbildungsbetriebs bezahlen können“, so Bruttel. Die Bezirksvorsitzende warnt: „Wenn Ausbildungsverträge am Wohnungsmangel und an zu hohen Mieten scheitern, dann ist das Maß voll. Das kann sich die heimische Wirtschaft nicht erlauben.“ Deshalb sollten der Bund und das Land Baden-Württemberg den Neubau von Azubi-Wohnungen unterstützen – vor allem im Umfeld von Ausbildungszentren, betont die IG Bau. Bruttel spricht sich dabei auch für Steueranreize aus, wenn ein Betrieb dafür sorgt, dass seine Auszubildenden ein Dach über dem Kopf bekommen.
Auch Studenten haben es auf dem Wohnungsmarkt schwer
Probleme auf dem Wohnungsmarkt hätten auch Studenten. „Deshalb muss es auch in Universitätsstädten eine gezielte Förderung für den Neubau von Studi-Wohnungen geben“, so Bruttel. Darüber hinaus warnt die IG vor „Wohnarmut im Alter“. Sie habe dabei die geburtenstarken Jahrgänge im Blick: rund 57 300 „Baby-Boomer“ im Ortenaukreis, die nach Berechnungen des Pestel-Instituts bis 2035 komplett in Rente sein werden. „Viele der ,Baby-Boomer’ im Ortenaukreis bekommen nur eine niedrige Rente. Denn sie haben oft Phasen von Arbeitslosigkeit hinter sich. Außerdem haben sie ganz häufig auch für niedrige Löhne gearbeitet. Wenn sie in den nächsten Jahren in Rente gehen, werden etliche sich ihre bisherige Wohnung kaum oder gar nicht mehr leisten können: Sie wohnen sich regelrecht arm“, sagt Bruttel. Die IG Bau warnt vor einer weiteren Verschärfung auf dem Wohnungsmarkt. „Mieten kennen seit Jahren nur eine Richtung: nach oben. Das muss sich ändern. Wir brauchen wieder sinkende und damit bezahlbare Mieten“, fordert Bezirkschefin Bruttel.
Ein Weg zur Lösung: Sozialwohnungen
Ein wichtiger Schritt, um dahin zu kommen, seien mehr Sozialwohnungen. „Nur mehr günstiger Wohnraum sorgt für Druck auf die Mieten am Markt. Der Neubau von Sozialwohnungen muss zur politischen Herzenssache und zur Sache der politischen Vernunft werden“, so Bruttel. Der „Soziale Wohn-Monitor“ vom Pestel-Institut nenne dabei eine erste Zielmarke: die Verdopplung von derzeit eine auf zwei Millionen Sozialwohnungen bundesweit bis zur Mitte des nächsten Jahrzehnts. Für Baden-Württemberg bedeute das konkret: „Bis 2035 muss es in ganz Baden-Württemberg 224 400 Sozialwohnungen geben“, so Bruttel. Der „Soziale Wohn-Monitor“ lege damit eine deutliche Messlatte: 19 200 zusätzliche Sozialwohnungen für Baden-Württemberg pro Jahr. Um diese Zielmarke bei den Sozialwohnungen zu erreichen, sei eine intensive Förderung durch den Bund und das Land Baden-Württemberg notwendig. „Die Fördergelder des Bundes müssen dabei schon gleich zum Baubeginn bereitstehen. Sie dürfen nicht erst über Jahre verteilt ausgeschüttet werden“, fordert Bruttel.
Ein wichtiger Punkt seien auch die Baukosten: Um günstiger bauen zu können, biete der Regelstandard „Erleichtertes Bauen“ eine ideale Lösung. „Es geht darum, einfacher zu bauen – und damit fürs gleiche Geld mehr Sozialwohnungen bauen zu können. Und das trotzdem in guter Qualität, mit niedrigen Instandhaltungskosten“, erläutert Bruttel. Außerdem müsse das Land eine öffentliche Statistik führen: „Es ist wichtig, zu wissen, wo in Baden-Württemberg wie viele Sozialwohnungen pro Monat neu gebaut worden sind“, sagt die Vorsitzende.