Mit dem "Feierabendziegel" kann der ehemalige Lehenshof jetzt auf das Jahr 1683 datiert werden. Heimathistoriker Josef Eisenbeis spricht von einem ganz besonderen Fund.
Ein Ziegeldach schützt vor Wind und Wetter – und das möglichst sehr lange. Dass die Ziegel auf der alten Scheune von Paul Hogenmüller ganz schön alt sind, zeigt alleine der Moosbewuchs und die starke Verwitterung. Noch deutlicher spricht jedoch die Zahl 1683 von der Geschichte der Ziegel. Hogenmüller einen sogenannten Feierabendziegel entdeckt. Über die Geschichte der Ziegel weiß Heimathistoriker Josef Eisenbeis zu berichten.
Feierabendziegel klingt ein bisschen nach Vergnügen und Bierseligkeit, aber das war es bei Weitem nicht. "Eine Knochenarbeit war das", sagt Josef Eisenbeis im Gespräch mit der Lahrer Zeitung. Ziegel entstanden aus einem Gemisch aus Lehm, Sand und Wasser und wurden in mühevoller Arbeit hergestellt. In früheren Jahrhunderten zerstampften Kühe das Material zu Brei.
Restaurator will mit alten Ziegeln sein historisches Gebäude eindecken
Später wurde das Gemisch in Formen gegossen und gebrannt. In der Regel erhielt der letzte Ziegel eine Zahl oder ein Zeichen des Handwerkers. Im Falle von Hogenmüller hat der Arbeiter die Jahreszahl 1683 notiert.
Dass überhaupt unter tausenden von Ziegeln ein Feierabendziegel entdeckt wird, sei mit der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen vergleichbar und bleibe einzigartig, weiß der Heimathistoriker. Längsstreifen markieren den Ziegel und lassen den Lauf von kräftigen Fingern erkennen, die Rillen garantieren den Ablauf des Wassers. Was in der maschinellen Fertigung der heutige Biberschwanzziegel ist, erhielt in den vorherigen Jahrhunderten den Fachausdruck "Handstrichziegel". Jeder Ziegel ist demnach ein Unikat, aber nur einer von tausenden von Ziegeln trägt eine Jahreszahl. Hergestellt wurden die Ziegel möglicherweise in einer alten Ziegelei in Friesenheim, vermutet Eisenbeis. Auf eine Ziegelei verweist in Friesenheim der Straßenname "Ziegelhof" für das Gebiet um den Hundeplatz mit Heckenplatz der Gemeinde. Die Ziegel dürften vom Kloster Schuttern als Eigentümer der ehemaligen Lehenshöfe bestellt worden sein (siehe Info), vermutet Eisenbeis.
Dokumentiert ist die Geschichte des Anwesens von Hogenmüller in der Geschichtsschreibung von Oberweier als ehemaliges Lehensgut des Klosters Schuttern. Die Vorfahren von Familie Hogenmüller betrieben ihr Gut als eine Art Leihgabe an das Kloster Schuttern. Dokumente über das Haus wurden bei einem früheren Brand zerstört, umso mehr berührt den Oberweirer die Kenntnis über einen Ziegel als erstes Schriftdokument. Bis ins Jahr 2000 wurde auf dem Anwesen eine Landwirtschaft betrieben.
Normalerweise schauen sich Dachdecker die Ziegel nicht so genau an, wenn sie keine Verwendung mehr für den Ziegel finden. Interesse an den Ziegeln bekundete aber Restaurator Steiner, der mit diesen Ziegeln sein historisches Gebäude im Kirchenwinkel in Friesenheim neu eindecken will. "Ziegel halten 1000 Jahre", weiß Eisenbeis und freut sich, dass Paul Hogenmüller seinen Schopf nicht abgerissen hat, sondern einfach nur ein neues Dach darauf zimmern ließ. Dieses wieder mit den "Handstrichziegeln" einzudecken, wäre zu teuer gekommen. Umso glücklicher ist Hogenmüller, dass die Ziegel nicht auf dem Schutthaufen landen, sondern einer Familie wieder ein schützendes Dach über dem Kopf bieten werden. "Diese Ziegel werden weitere Jahrhunderte überdauern", versichert Eisenbeis.
Die Geschichte von Bärbel und Paul Hogenmüllers Anwesen in der Oberweirer Hauptstraße geht zurück auf die sieben Lehenshöfe des Klosters Schuttern. Lehenshöfe waren eine Art Leihgabe des Klosters an vereinzelte Bauern. Dazu zählte auch das Gut von Familie Hogenmüller, dessen Geschichte sich zumindest jetzt über den Ziegel ins Jahr 1683 dokumentieren lässt. Mit der Säkularisation des Klosters Schuttern im Jahr 1806 wurden die Lehenshöfe vom Badischen Staat den Bauern zum Kauf angeboten. Die Vorfahren von Familie Hogenmüller haben ebenfalls zugegriffen. Laut Ortsfamilienbuch zählte die Gemeinde im Jahr 1699, von diesem Tag an beginnen die Kirchenbücher, 80 Katholiken und 40 Protestanten. Heute hat Schuttern insgesamt 2300 Einwohner.