Lisa Federle im Gespräch mit Bernd Kohlhepp. Foto: Christiane Frey

Schon der erste Blick in den Kienbergsaal machte deutlich: Lisa Federle, Deutschlands berühmteste Notärztin, hat auch im Kreis Freudenstadt und in den Nachbarregionen eine riesige Fangemeinde. Voll besetzt war der Saal. Gut 450 interessierte Zuhörer wollten Lisa Federle und Bernd Kohlhepp live erleben.

Lisa Federle las im Kienbergsaal an diesem Leseabend, eine Veranstaltung des Schwarzwälder Boten, aus ihrem neuen Buch „Vom Glück des Zuhörens“, für den locker-leichten Ton sorgte der Tübinger Kabarettist Bernd Kohlhepp.

 

Immer wieder ließ Federle aber auch Teile ihrer Biografie mit einfließen, die sie bereits in ihrem ersten Buch „Auf krummen Wegen geradeaus“ verarbeitet hat. Federle hat als Jugendliche ein paar Jahre in Freudenstadt verbracht, ihr Vater war dort Englischlehrer.

Sein früher Tod, er starb mit 44 Jahren an den Folgen eines ärztlichen Kunstfehlers, hat ihren Lebensweg maßgeblich geprägt. Denn daraus entstand das Interesse an der Medizin und die Entscheidung, Ärztin zu werden. „Ich liebe meinen Beruf, und ich liebe Menschen“, erklärte sie den Zuhörern. Beides sei für sie entscheidend, um eine gute Medizinerin zu werden. Dafür schlug sie allerdings nicht den nächsten Weg ein. Sie verließ die Schule ohne Abschluss, mit 19 Jahren hatte sie bereits zwei Kinder. Deren Vater verließ sie, nachdem sie von seiner Drogensucht erfahren hatte.

Sie holte den Hauptschulabschluss nach, mit 30 Jahren machte sie schließlich das Abitur. Da hatte sie vier Kinder und eine Karriere als Kneipenwirtin hinter sich. „Da habe ich viel gelernt, vor allem, wie wichtig es ist, den Menschen gut zuzuhören“, berichtete Federle.

Promotion mit 37 Jahren

Mit 37 Jahren beendete sie ihre Promotion. Inzwischen hat sie eine eigene Hausarztpraxis in Tübingen und arbeitet zudem als Notfallmedizinerin. Damit wurde sie auch bundesweit bekannt, denn 2015 entwickelte sie eine „rollende Praxis“, mit der auch Geflüchtete in ihren Unterkünften medizinisch versorgt werden konnten.

Wie Federle das an diesem Abend erzählte, beschrieb sehr gut, wie pragmatisch und zupackend sie an solche Aufgaben herangeht. „Ich habe ein Wohnmobil bestellt und den Vertrag dafür unterschrieben“, so Federle. Die Kaufsumme von 75 000 Euro hatte sie natürlich nicht. Da sprangen kurzerhand Til Schweiger, ein Freund von ihr, und Helmut Schlotter, der Geschäftsführer der Modefirma Marc Cain, ein. Diese ungeheure Energie, die sie bis zum Studienabschluss führte, die Unbekümmertheit, mit der sie sich Herausforderungen stellt, das macht einen großen Teil ihrer Faszination aus, die an diesem Abend sehr deutlich wurde.

Ihr rollendes Arztmobil stand dann lange Zeit auf dem Tübinger Marktplatz, auf dem sonst striktes Parkverbot herrscht, und wurde zum Testmobil während Corona. In ihrem zweiten Buch berichtet Federle aus dem Alltag einer Notfallärztin. Nachdenklich macht ihre Aussage, dass gut 30 Prozent aller Notrufe eigentlich einen psychischen Hintergrund haben, häufig sei das auch Einsamkeit. Damit würden allerdings die knappen Ressourcen der Notfallmedizin viel zu sehr beansprucht.

Zum Studienfach Medizin

Für Federle muss das anders aufgefangen werden, zum Beispiel durch eine „Gemeindeschwester plus“. Auch die Zulassungsbedingungen für das Studienfach Medizin gehören ihrer Ansicht nach auf den Prüfstand. Heute seien gut 70 Prozent aller Studierenden weiblich, da müssten viel mehr Studenten zugelassen werden, da die Frauen später familienbedingt viel mehr Fehlzeiten hätten. Federle ist gut mit Boris Palmer, dem Oberbürgermeister von Tübingen, befreundet. Auch ihm ist ein Kapitel ihres Buchs gewidmet.

Richtig viel los war am Büchertisch der Thalia-Buchhandlung. Foto: Christiane Frey

Über ihre Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz, das sie für ihre rollende Praxis erhielt, spricht sie sehr unprätentiös. „Den größten Nutzen sehe ich in der höheren Aufmerksamkeit, die man als Trägerin dieser Auszeichnung erhält“, sagte Federle.

Viel Beifall für beide

In der Pause signierte sie ihre Bücher, die die Thalia-Buchhandlung auf einem Büchertisch anbot. Geduldig, freundlich, zugewandt, so wie die Menschen sie kennen, so zeigte sich Federle auch an diesem Abend. Und so gab es am Ende sehr viel Beifall für sie und Bernd Kohlhepp.