Ole Scheeren aus Karlsruhe ist ein großartiger, weil unbequemer Architekt, der das Hochhaus völlig neu denkt. Nur leider nicht in seiner süddeutschen Heimat. Eine Schau im Karlsruher ZKM würdigt das Schaffen des 51-jährigen Architekten.
Das Leben ist voller Widersprüche. Der Architekt Ole Scheeren zum Beispiel. Eine Berühmtheit, die kaum einer kennt. Zumindest nicht in seiner Heimat, was auch daran liegen mag, dass der gebürtige Karlsruher gern mal Gebäude baut, die schwindelerregend hoch sind. Oder die einfach anders sind als vieles, was hierzulande von der Bauordnung gerade noch als vernünftig angesehen wird.
Ole Scheeren hat sich insbesondere in Asien mit innovativen Hochhausbauten und Wohnprojekten einen Namen gemacht. Bekannt wurde der 51-Jährige durch einen atemberaubenden, jeweils L-förmigen Zwillingsturm in Peking, 234 Meter hoch, 54 Stockwerke, Baukosten 850 Millionen Euro.
Ole Scheeren testet die Grenzen der Statik aus
Weit oben sind die Hochhäuser miteinander verbunden, knicken die Wolkenkratzer spektakulär in die Horizontale, Scheeren testet die Grenzen der Statik voll aus. Im Jahr 2012 wurde diese extreme Variation auf das langweilige Hochhaus mit Glasfassade nach achtjähriger Bauzeit fertiggestellt.
Scheeren entwarf und verwirklichte den „CCTV-Tower“ als Partner des damals schon weltberühmten Kollegen Rem Koolhaas fürs chinesische Staatsfernsehen. Das Projekt brachte ihm viel Ruhm ein, aber auch den erwartbaren Vorwurf gerade in deutschen Medien, er entwerfe für Diktaturen „Bauten des Bösen“.
Gut möglich, dass dieses rigide moralische Urteil eines Architekturkritikers auf einem Laptop chinesischer Herkunft verfasst wurde, was in einer globalisierten Welt völlig normal ist. Doch im Fall von Ole Scheeren greifen alte Ressentiments, schließlich geht es um eine alte, neue, auf jeden Fall unbequeme Sicht auf die Architektur.
Das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe widmet dem 51-Jährigen eine fulminante Ausstellung, die wie kaum eine andere in diesen Tagen die deprimierende Wirklichkeit mit einer optimistischen Vision kurzschließt: dem Wohnen im Himmel, weil unten auf der Erde kein Platz mehr für alle ist.
Jährlich fehlen 700 000 Wohnungen allein in Deutschland, heißt es neuerdings, täglich wird irgendwo Alarm geschlagen, doch das frisch errichtete Hochhaus auf übersichtlicher Grundfläche scheint immer noch keine Option zu sein. Beton und Stahl werden als Baustoffe wegen ihrer schlechten Umweltbilanz zunehmend verteufelt, lieber träumt man hierzulande vom ökologischen Bauen mit Holz, Lehm und Stroh.
So zerfasert nicht nur der Diskurs, sondern auch die überforderte Großstadt, die immer mehr Flächen versiegelt, weil die Sehnsucht nach einem putzigen Einfamilienhaus einfach nie enden will. Und überhaupt: Woher soll das ganze Holz für unsere künftigen Vorzeigesiedlungen kommen?
Bauen im Bestand ist eine weitere Möglichkeit, doch ob man mit Sanierungen allein den Wohnungsmangel in den Griff bekommt? Eher fraglich. Und so erkennt man in der ZKM-Schau „Ole Scheeren: Spaces of life“ so etwas wie einen heiteren ironischen Kommentar auf die sehr deutsche Fixierung auf Ökologie und Moral gerade auch in der Architektur.
Die Gebäude wurden immer gigantischer
Das Denken in der Vertikalen beherrscht aber Ole Scheeren wie kein Zweiter. In einer 42 Meter langen Zeitleiste mit maßstäblichen Modellen wird das Schaffen des Baumeisters von seinen Anfängen in der Karlsruher Innenstadt, wo er 1994 eine Boutique in der Waldstraße 42 auf 85 Quadratmeter Ladenfläche konzipiert, bis heute veranschaulicht. Die Gebäude wurden immer größer, gigantischer, das ja.
Alle bisher gebauten Stockwerke zusammengezählt ergeben einen Turm von 13 Kilometern Höhe, weit mehr als eine Million Menschen arbeiten und wohnen in den Gebäuden Scheerens. Das ist kaum zu fassen.
Ein horziontal gestapeltes Dorf
Es geht Scheeren nicht um Größe, er will Räume erschaffen. Irgendwann in den Nuller Jahren beginnt Scheeren das Hochhaus zu kippen, die Quader zu stapeln und gegeneinander zu verdrehen, um neue Räume, Ebenen und Sichtachsen zu schaffen. In Singapur entsteht 2013 nach dieser Logik der „horizontalen Stapelung“, wie es Ole Scheeren beschreibt, das „Interlace“. Ein riesiges Dorf mit Wohn- und Gemeinschaftsflächen mit mehr als 1000 Wohneinheiten, eine Stadt in der Stadt, wo die Menschen so dicht wie im Hochhaus leben, ein ganzer Saal ist allein diesem Projekt in den Lichthöfen des ZKM gewidmet.
Doch anders als in der konventionellen Wohnmaschine begegnen sich in den „Höfen“ zwischen den achteckig aufgetürmten Gebäudestapeln des „Interlace“ die Bewohner wie auf dem Dorfplatz. Überall grünt es, verbinden sich Sozialräume, ein Schwimmbad, Sportplätze sowie Terrassen mit der Natur. Nachverdichtung par excellence.
Der Architekt plädiert für mehr Möglichkeitssinn
Im ZKM kommt Ole Scheeren per Video zu Wort. „Die Menschen sind häufig sehr befangen in ihren formelhaften Betrachtungen der Dinge. Und dann glauben die Menschen, dass es keine Alternativen geb. Die gibt es aber. Für mich ist zentraler Teil unserer Arbeit das Denken in Prototypen. Prototypen von anderen Möglichkeiten zu entwickeln, wie wir uns das Leben auch vorstellen können.“
Und dann, nachdem man gerade wieder angefangen hat in Prototypen zu denken und die Architektur als Lösung und nicht als Problem der Menschheit zu begreifen, sitzt man auf einem Knautschekissen im gefühlten Zentrum der Schau und lässt sich in einem hypermedialen Teufelskreis von zahllosen Bildschirmen mit grellen Social Media-Posts, Video-Schnipsels und Rezensionen berieseln.
Man sieht Menschen bei Wohnungsbesichtigungen, Touristen beim Sightseeing in den skulpturalen Gebäuden Scheerens. Im sogenannten „media dump“ wird Architektur zum medialen Spektakel, wobei der gelegentlich aufflackernde Architekt und seine großartige Vision hinter dieser bunten, hysterischen Oberfläche allmählich unscharf wird, im Sog der Bilder untergeht. Plötzlich wirkt dieser Ausnahme-Architekt wie ein Winzling neben seinen Häusern.
Info
Die Schau
Die Ausstellung „Ole Scheeren: Spaces of Life“„ ist noch bis zum 4. Juni 2023 im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe zu sehen. Die Zeitleiste zeigt auch neue Projekte, die derzeit in Düsseldorf entstehen – und frühe Arbeiten, darunter in Stuttgart sowie für große Firmen wie Adidas in Herzogenaurach.
Die Technik
Um die Gebäude von Ole Scheeren auch mit Kontext zu erleben, muss man nicht reisen, Technik hilft. Die Ausstellung bietet eine Reihe von AR-Erlebnissen, die vor den Skulpturen in den Lichthöfen des ZKM aktiviert werden können. Beim Scannen des jeweiligen QR-Codes neben den Modellen wird das Gebäude in seine reale Umgebung eingebettet und erlaubt einen Einblick in die Innenräume.