Das Kinderheim Calw in Stammheim blickt auf eine fast 200-jährige Geschichte zurück. Maßgeblich daran beteiligt ist Gottlieb Gugeler. Er leitete das Heim mehr als 40 Jahre. Und führte es durch Zeiten, in denen viele andere verzweifelt wären.
Vielleicht bräuchte es heute wieder mehr Menschen vom Schlage eines Gottlieb Gugeler. Ein Mann der Tat, der anpackt und umsetzt, was er sich vorgenommen hat. Und für sein Handeln auch die Verantwortung übernimmt. „Wirket, so lange es Tag ist“ lautete sein Leitspruch und so heißt auch die 2005 erschienene Biografie von Reinhold Schäffer.
Heute wird ewig diskutiert, es werden Bedenken vorgetragen und Probleme ausgesessen. Dazu kommt eine überbordende Bürokratie, die einem zuweilen wie die organisierte Verantwortungslosigkeit vorkommt.
Gewiss, Gugeler hat auch Fehler gemacht. Doch zu denen hat er stets gestanden. Und er hat sich viele Male mit seinem Willen gegen seine Kritiker durchgesetzt. Am Ende steht eine positive Bilanz. Mehr als 40 Jahre lang, von 1907 bis 1949, leitete er die Kinderrettungsanstalt in Stammheim. Er führte die Einrichtung, die 1826 vom Calwer Pfarrer Christian Gottlob Barth gegründet wurde und Waisen sowie vernachlässigten Kindern eine Heimat bot, durch zwei Weltkriege und zwei verheerende Wirtschaftskrisen.
Verwurzelt im christlichen Glauben tat er das unter einem großen persönlichen Einsatz, der ihn oft an seine Grenzen brachte. Ohne sein Wirken wäre es fraglich, ob es das heutige moderne Kinderdorf Calw in Stammheim geben würde. Die diakonische Einrichtung besteht aus Sprachheilzentrum und Jugendhilfe.
Zöglinge erinnern sich gern
Schäffer hat mit ehemaligen Zöglingen gesprochen. Gerade in Krisenzeiten sei schon manchmal zu spüren gewesen, dass die Nerven des Heimleiters blank liegen. Doch „Vadder Gugeler“, wie er von Kindern und Mitarbeitern genannt wurde, ist den allermeisten in guter Erinnerung. „Die Heimat war für mich die Anstalt mit Hausvater Gugeler“, sagte einer und ein Kamerad ergänzt: „Wir hatten es besser als die im Dorf.“
Wenn man sieht, was heute über Misshandlungen und Missbrauch von Kindern in Heimen bekannt ist, konnten sich diejenigen glücklich schätzen, die in Stammheim untergekommen sind. Gugeler schrieb 1912: „Freude, viel Freude und Sonnenschein ist ein Hauptbedürfnis der Jugend. An solcher fehlt es unseren Häusern gewiss nicht.“ Und wegen „fortwährender Überschreitung des Züchtigungsrechts“ hat er einen Aufseher entlassen. Dieses Recht, man muss das im Kontext mit der damaligen Zeit sehen, gab es Anfang des 20. Jahrhunderts auch in Stammheim.
Die Kinderrettungsanstalt betrieb eine eigene Landwirtschaft, in der auch die Zöglinge mithalfen. Das ermöglichte die Selbstversorgung mit den meisten Lebensmitteln und vermied in Kriegs- und Krisenzeiten Hungersnöte. Und mit den Stammheimer Perlzwiebeln erschloss Gugeler der Einrichtung eine zusätzliche Einnahmequelle.
Gugeler war oft seiner Zeit voraus und musste sich auch damals schon gegen so manchen Bedenkenträger in seinem Verwaltungsrat durchsetzen. Mit dem Bau des Stammheimer Freibads 1931 hat er das Gremium ein Stück weit überrumpelt. Für ihn war es eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Denn er sah, dass viele ehemalige Heimkinder in der Weltwirtschaftskrise, die 1929 begann, schnell arbeitslos wurden.
Begeisterung für Hitler legte sich schnell
Er holte sie zurück und auch Arbeitslose aus dem Dorf waren an dem Bau beteiligt. „Das Stammheimer Höhenfreibad war lange Zeit konkurrenzlos“, heißt es bei Schäffer. Hätten die Regierungen gegen Ende der Weimarer Republik ähnlich gehandelt, wie das Gugeler auf lokaler Ebene getan hat, vielleicht hätte die NS-Zeit verhindert werden können.
Seine anfängliche Begeisterung für Adolf Hitler legte sich schon nach wenigen Jahren. Gugeler tat alles, geistig behinderte Kinder und Jugendliche im Heim zu behalten. Ihnen drohte nämlich der „Gnadentod“, wie es bei den Nationalsozialisten zynisch hieß, in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb. Dort begannen 1940 die Morde an mehr als 10 000 Menschen, die von den Nazis als „lebensunwertes Leben“ stigmatisiert wurden. Auch Juden soll Gugeler geholfen haben.
Es fehlte an vielem
Unmittelbar nach Kriegsende beauftragte ihn der französische Kreiskommandant Boulanger, die Geschäfte des Bürgermeisters von Stammheim zu führen. Das belastete Gugeler zusätzlich. Denn auch diese Aufgaben waren immens. Im Dorf waren viele Häuser durch einen Bombenangriff zerstört. Es fehlte nicht nur an Wohnraum sondern auch an Lebensmitteln.
Und dann musste Gugeler sich auch um das Heim kümmern, wo durch Krieg und Nachkriegszeit ein großer Investitionsstau entstanden war. Das brachte ihn an den Rand seiner Kräfte. Und das Heim geriet in die Schlagzeilen, von Missständen war die Rede. Die wurden relativ schnell ausgeräumt.
Vorwürfe abgewiesen
Robert Scholl vom Stuttgarter Jugendamt wies nach einer Untersuchung die Vorwürfe, die Kinder seien unterernährt und würden ausgebeutet und misshandelt, zurück. Im Gegenteil: Sie seien im Vergleich zu anderen Heimen in der französischen Besatzungszone eher besser dran.
Gugeler, der am 13. Oktober 1892 in Obertürkheim als Sohn eines Weingärtners geboren wurde, starb am 7. Oktober 1954 in Stammheim. Auf Initiative des Verlegers Hans-Jürgen Schmid und mit Unterstützung der Firma Kömpf ist sein Grab auf dem Stammheimer Friedhof wieder hergestellt worden.
Die Serie
Als Besitzer des Geburtshauses
von Hermann Hesse bewahrt die Familie Schaber nicht nur das Gedenken an den in Calw geborenen Literaturnobelpreisträger. Sie fühlt sich darüber hinaus dem kulturellen und geschichtlichen Erbe ihrer Heimatstadt verpflichtet. So hatte Hermann Schaber die Idee, mit Blick auf die 950-Jahr-Feier, die 2025 begangen wird, in Zusammenarbeit mit dem Verleger Hans-Jürgen Schmid, schmidmusic Musikverlag, Monat für Monat bekannte Calwer Persönlichkeiten in den Schaufenstern seiner Geschäfte zu präsentieren. Der Schwarzwälder Bote begleitet diese Aktion mit einer Serie.