Da wird dringend ein Weg gesucht: Wie geht man mit dem Thema Bertholdbrücke und der Schuldfrage am besten um? Foto: Marc Eich

Bashing, Schuldfragen und blanke Nerven: Die Bertholdbrücke spaltet. Zwischen 25-Millionen-Schock und Mitarbeiterkritik fällt die Entscheidung für eine Sonderprüfung.

Zum Brückenbauen taugt das Aufregerthema des Jahresanfangs 2026 wahrlich nicht: Die Bertholdbrücke regt die Doppelstädter mächtig auf und lässt auch die Stadträte nicht kalt. Als das Thema am Mittwoch nach Vorrunden in den Ausschüssen dieses Mal im Gemeinderat auf der Tagesordnung stand, wurde klar: Hier und da liegen die Nerven blank.

 

Die laut gestellte Frage nach Schuldigen tut ihr Übriges dazu. Für Steffen Ettwein geht es um „Bürger-Eigentum“ – und für dieses müsse man Sorge tragen. Die Villingen-Schwenninger hätten eine Aufklärung und Verantwortungsbewusstsein verdient, meinte er, während er sich verwundert über eine Reaktion des Baubürgermeisters Detlev Bührer zeigte: Angesprochen auf eine ungute Situation in der Tonhallen-Garage sei salopp geantwortet worden, dass das „nicht unsere“ Tiefgarage sei – „aber unsere Tonhalle steht da drauf“, empörte sich Ettwein.

Er legte den Finger am Mittwochabend  in die empfindlich klaffende Bertholdbrücken-Wunde. So habe laut Gutachten  insbesondere das Verschließen der Entwässerungsabläufe die Schäden verursacht – 2022 sei die Brücke noch mit 2,8 bewertet worden. Prompt ploppten am anderen Ende, bei Silvie Lamla, der Leiterin des Grünflächen- und Tiefbauamts, Emotionen auf: „Ein öffentliches Bashing von Mitarbeitern führt nicht dazu, dass wir künftig noch Mitarbeiter finden.“

Natürlich sei eine Akteneinsicht wichtig, aber die Suche nach einem zu benennenden Schuldigen nicht. „Die Brücke ist 55 Jahre alt, die hatte nie den Zweck, 200 Jahre alt zu werden“, fand Lamla.

Nachdenkliche Politiker

Grünen-Fraktionssprecherin Ulrike Salat beschwichtigte: „Es geht nicht um Bashing“, aber wohl darum, Prozesse für die Zukunft zu verändern, „dass so etwas nicht nochmal passiert“. „So etwas“ ist teuer – die ungeplante und bislang lediglich geschätzte 25-Millionen-Euro-Ausgabe für die marode Brücke wirbelte kurz vor seiner Einbringung den Haushaltsplanentwurf 2026/2027 die Zahlen gewaltig durcheinander. Das ließ auch manchen Kommunalpolitiker nachdenklich werden. So warnte Ulrike Salat etwa davor, sich finanziell ganz „ans Ende der Fahnenstange“ zu wagen, es sei unklar, was noch passieren könne.

Weil viele Gremiumsmitglieder bei der Brücke nun aber Gefahr im Verzug wittern, sprachen sie sich am Mittwoch dafür aus, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen: Ursachenforschung, Planen.

„Sackgasse“ für Lkw

Und während wegen der plötzlichen Dringlichkeit der Schwerlastverkehr schon auszubremsen versucht wurde, stellte Bernd Lohmiller von der SPD aber fest: Die Untersuchung müsse zeitnah erfolgen – denn der Schwerlastverkehr brettere aktuell munter weiter über das marode Brückenbauwerk. „Das Navi führt den Lkw-Fahrer an diese Stelle“, stellte er fest, dort angekommen, könne dieser schon nicht mehr anders, als auch über die Brücke zu fahren. Oberbürgermeister Jürgen Roth betonte einerseits, dass ein Hinweis auf die Tonnagebegrenzung „schon oben an der Gaskugel“ prange, man wolle das aber prüfen und gegebenenfalls weitere Maßnahmen in Erwägung ziehen.

Was alles in Erwägung gezogen werden wollte, das betonten in der Sitzung Fachleute eines Ingenieurbüros  noch einmal, die auch Rede und Antwort standen. Dass ausgerechnet sie jedoch auch die nun angestrebte Untersuchung vornehmen sollen, schmeckte im Gremium längst nicht jedem. Andreas Flöß von den Freien Wählern zumindest zeigte sich skeptisch, weil das gleiche Ingenieurbüro, das jetzt mit im Boot sitzen soll, die Hauptuntersuchung im Jahr 2022 an der Brücke durchgeführt habe. Einen unausgesprochenen Vorwurf, hier nach einem Auftrag zu fischen, wies einer der beiden Experten des Büros jedoch jäh zurück: Man reiße sich nicht um den Auftrag, „um es klar zu sagen: das ist ein scheiß Auftrag!“

Dampf aus der Debatte

Ob der Handlungsbedarf bei der Stadt Villingen-Schwenningen tatsächlich so dringlich ist wie aktuell behauptet wird, hatte Frank Rosenfelder von einer Bausanierungsfirma in Unterkirnach bereits eingangs bei der Bürgerfrageviertelstunde im Gemeinderat in Frage gestellt. In ihrem aktuellen Bericht hätten die prüfenden Ingenieure doch betont, dass noch vier bis sechs Jahre Zeit blieben, die Brücke zu planen. „Nehmen Sie sich die vier bis sechs Jahre Zeit“, riet Rosenfelder, im Vorfeld schon ein wenig Spannung aus der angespannten Debatte nehmend. Er jedenfalls sei mit Blick auf den Einsturz in Dresden vor zwei Jahren sicher: Die Risse hier seien nicht die Probleme, „die man bei der Carolabrücke gehabt hat“.

Grünes Licht für Prüfung

Interessiert lauschten die Kommunalpolitiker seinen Ausführungen – am Ende aber überwogen die Argumente der Ingenieure: Aktuell kenne man die Schädigungstiefe an der Brücke noch nicht, die Prüfungen laufen gerade erst an und im Zuge dessen werde das Bauwerk „komplett durchgerechnet“ – „erst danach kann man eine finale Aussage treffen, welche Restfähigkeit die Brücke noch hat“. Auch ein Worst-Case-Szenario, wonach man die Belastung anhand der Berechnungen und Untersuchungen noch weiter abstufen oder die Brücke komplett für den Verkehr sperren müsse, sei drin.

Der einzig sinnvolle Weg sei daher die angestrebte Sonderprüfung – und für die gab es am Mittwochabend final grünes Licht seitens der Villingen-Schwenninger Stadtpolitik.