„Es war das Beste, was ich in meinem Leben gemacht hab“: Bernhard Bosch aus Erlaheim fühlt sich inzwischen auf dem Jakobsweg zu Hause.
„Noch heute, wenn ich an die Urkundenüberreichung denke, kommen mir die Tränen. Erst da habe ich verstanden, was ich erreicht habe“, sagt Bernhard Bosch, als er an seinen Lieblingsmoment in der Kathedrale von Santiago zurückdenkt. 799 Kilometer hat er im Jahr 2018 auf dem Camino Frances, dem französisch-spanischen Jakobsweg, innerhalb von zehn Tagen zurückgelegt. Nicht umsonst heiße es, dass jedem Menschen auf seinem Pilgerweg mindestens einmal die Tränen kommen.
Ich hab die Sachen gekauft und bin los
Erst verschlang er ein Buch zum Thema, dann nochmal eins und ein weiteres. „Es hat mich fasziniert, was die Leute so geschrieben haben, und ich hab gedacht: Das mach’ ich jetzt. Ich hab die Sachen gekauft und bin los. Und es war das Beste, was ich in meinem Leben gemacht hab.“
Doch der Start war holprig. Zum ersten Mal brach er im Mai 2017 auf. „Der Jakobsweg fängt eigentlich vor der Haustür an“, weiß der Erlaheimer. Früher wanderte man von zu Hause aus los. Doch als moderner Pilger läuft es inzwischen anders. Da geht’s mit modernen Transportmitteln an den Startpunkt der Wahl. In Boschs Fall ging es in Frankreich am St-Jean-Pied-de-Port los. Eine Tageswanderung und man landet über den 800 Kilometer langen Camino Frances bereits in Spanien. Zehn Tage hielt der inzwischen 62-Jährige durch, dann musste er aufgrund gesundheitlicher Probleme am Schienbein abbrechen.
„Unrasiert, ungepflegt und Klamotten, die stinken“
Einmal Feuer gefangen, konnte Bosch dadurch aber nicht aufgehalten werden, zumindest nicht dauerhaft. So ging es im Mai 2018 wieder auf Achse, und zwar genau ab dem Punkt, an dem er 2017 abbrechen musste. Drei Wochen und er erreichte voller Stolz das Ziel: die Kathedrale von Santiago.
Inzwischen zählt der moderne Pilger sich zu den Langstreckenwanderern und absolvierte im April 2022 in zehn Tagen etwa den 240 Kilometer langen portugiesischen Jakobsweg. Im Februar 2025 überquerte er ganze sechs Wochen lang 1000 Kilometer ab Sevilla im Süden Spaniens auf dem „Via de la Plata“.
„Unrasiert, ungepflegt und Klamotten, die stinken – nach ein paar Tagen sieht man es einem Mann an, dass er nicht nur eine Tageswanderung macht. Das Verständnis der Spanier ist groß“, teilt er seine Erfahrungen. „Sie lassen einen an der Supermarkt-Schlange zum Beispiel an der Kasse vorbei.“ Auch ärztliche Untersuchungen erhalten die Pilger in den meisten Fällen kostenlos. Und immer wird der Gruß verlautet: „Bon Camino“, man wünscht sich also einen guten Weg.
Diesen Gruß kann man auf so einer abenteuerlichen Reise wohl gebrauchen. Um sechs Uhr morgens geht es los. Aufstehen, waschen, Zeug packen. Eine Viertelstunde später liegt die Herberge bereits hinter einem. Die ersten Schritte führen die Pilger zur nächsten Bar. Dort gönnt man sich einen Kaffee und ein sogenanntes Bocadillo, ein belegtes Baguette oder Sandwich mit Serrano-Schinken, was häufig die einzige Mahlzeit ist.
Hier mal ein Apfel, dort mal eine Banane
Unterwegs finden sich ab und zu noch Spenden von Einwohnern, hier mal ein Apfel, dort mal eine Banane. Einen Müsli-Riegel oder Traubenzucker sollte man immer bei sich haben, so der Tipp des Experten. „Der Rucksack war mein Freund, mein Kamerad. Da hatte ich alles drin, was man zum Leben braucht. Man wird demütig.“ Ein Trinkbrunnen ist in der Regel im nächsten Ort garantiert, manchmal sprudle sogar Wein heraus.
Mittags gibt es eine kurze Rast mit erfrischendem Getränk, dann wird tapfer weiter gestapft. Mit gutem Durchhaltevermögen erreicht man bereits ab 15 Uhr die nächste Herberge, wo man sich ein Bett sichert, indem man es bezieht und den Schlafsack darauf platziert. Der Rucksack bleibt auf dem Boden. Schließlich möchte niemand zusammen mit Bettwanzen auf der Matratze liegen. Der Abend klingt mit duschen, Tagesnotizen und Feierabendbier aus. Nette Unterhaltungen und das Pilgermenü, mindestens mit einem halben Liter Wein, zum Kräftestärken darf auch nicht fehlen.
„Getroffen habe ich Gott nicht, aber näher bin ich ihm gekommen“, sagt Bosch. Die Begegnung mit dem Allmächtigen, aber vor allem auch die tiefgreifende Auseinandersetzung mit sich selbst ist oftmals das, was die Menschen dazu bewegt, den Jakobsweg zu begehen. „Ich bin gelassener geworden. Aufregen? Oder doch lieber weiter machen. Man wird ruhiger, wenn man auf dem Jakobsweg an Grenzen stößt, denn es geht immer weiter. Auch Vorurteile legt man ab.“
So kann man beispielsweise den Rucksack mit einer Notiz an der Herberge stehen lassen und sie wird zum nächsten Halt transportiert. Pilger, die ohne Rucksack unterwegs sind, werden „Nacktschnecken“ genannt, wie der Erlaheimer berichtet. So begegnete er einem italienischen Exemplar – und erfuhr dann, dass dieser eine Kinderlähmung hat. „Deswegen muss man erst mal mit den Leuten reden“, lautet die Erkenntnis.
Jährlich kommen sie zusammen
Übrigens empfiehlt Bosch jedem jungen Pärchen, gemeinsam den Jakobsweg zu laufen. „Wenn sie am Ende zusammen ankommen, hält die Ehe ewig.“
Eine Ehe ist Bosch auf dem Camino Frances zwar nicht eingegangen, aber er konnte internationale Freundschaften schließen. Seit der ersten Wanderung 2017 hält er Kontakt zu einer Gruppe aus sechs Personen. Jährlich kommen sie zusammen und tauschen ihre Erfahrungen aus.
Und während Bosch durch die Bücher dazu animiert wurde, die spirituelle Reise auf sich zu nehmen, wurde er nun selbst auf 100 Seiten Jakobsweg-Literatur verewigt, nämlich im Buch „2756 Kilometer – Zu Fuß ans Ende der Welt“ von Autor und Freund Thorsten Wüst.