„Escape Room – Alles im grünen Bereich“ heißt das neue Programm von Bernd Kohlhepp. Kurz vor den Previews spricht er über dessen Entstehung und die Kultfigur Herr Hämmerle.
Planlosigkeit als Lebensmodell? Für Herrn Hämmerle ist das nichts Ungewöhnliches. In seinem neuen Programm schickt Bernd Kohlhepp seine Kultfigur in einen Escape Room – mit absehbaren Folgen. Im Interview im Vorfeld der beiden Vorpremieren am 26. und am 27. Februar im Kesselhaus in Trossingen (Kreis Tuttlingen) spricht der Tübinger über schwäbische Lösungswege, Zeitdruck und die Kunst, auch ohne Plan ans Ziel zu kommen.
Herr Kohlhepp, Ihr neues Programm heißt „Escape Rooms – Alles im grünen Bereich“. Was hat Sie zu diesem Titel inspiriert?
Ich wurde von Freunden in einen Escape Room eingeladen. Ich wusste gar nicht so recht, was mich erwartet. Und dann stehst du in so einem Raum, die Zeit tickt, überall Rätsel – und ich hab‘ gedacht: „Des kenn ich doch. Des isch mei Welt.“ Nur, dass im Alltag niemand dir sagt, wo die Hinweise sind. Und am Ende gibt’s auch keinen Schlüssel, sondern höchstens eine Erkenntnis: Du bist immer noch drin. Der Titel „Escape Rooms – Alles im grünen Bereich“ ist ein bisschen die schwäbische Variante von: „Es könnt schlimmer kommen.“ Und des stimmt ja auch: Meistens kommt es schlimmer.
Escape Rooms stehen für Rätsel, Zeitdruck und ungewöhnliche Lösungen – wie gut passt dieses Prinzip zur Figur Herr Hämmerle?
Der Hämmerle hat ja immer eine starke Meinung, aber selten einen guten Plan. Genau des macht ihn interessant. Rätsel lösen? Ja, gerne. Ungewöhnliche Lösungen? Auf jeden Fall. Zeitdruck? Muss nicht sein. In einem echten Escape Room würde der Hämmerle vermutlich keine Rätsel lösen, sondern sich gemütlich hinsetzen und sagen: „In einer Stunde kommen die eh und machen auf.“ Und genau des isch ja auch eine Lösung. Auch im Programm sind er und seine zwei Kumpane in einem Escape Room. Da geht so einiges schief – aber sie schaffen es trotzdem. So irgendwie...
Bei den Terminen in Trossingen handelt es sich um Vorpremieren. Was bedeutet eine Preview für Sie als Künstler im Unterschied zur offiziellen Premiere?
Eine Vorpremiere ist der Moment der Entscheidung: Funktioniert’s – oder funktioniert’s eben nicht. Bei der Vorpremiere darfst du noch wackeln. Bei der Premiere muss alles sitzen. Aber keine Sorge: Vor der Vorpremiere gibt es tausend Stunden Testen. Mit der Regisseurin, mit den Kollegen und Kolleginnen – und besonders ehrlich: mit meiner Frau. Das heißt nicht, dass ich halb fertig auf die Bühne gehe. Aber es heißt, dass ich noch offener bin für Überraschungen. Wenn eine Pointe nicht zündet, kann ich’s noch ändern. Wenn eine Szene zu lang ist, kann ich kürzen. Die Vorpremiere ist wie eine Generalprobe mit echtem Publikum – und des isch Gold wert. Die offizielle Premiere ist dann der Moment, wo du sagst: „So, jetzt steht’s.“ Aber bis dahin darf’s noch atmen, sich entwickeln. Und genau dafür sind die Vorpremieren da.
Wie stark verändert sich ein Programm nach einer Vorpremiere noch – und wie wichtig ist das direkte Feedback des Publikums?
Ich sag immer: Wer lacht – lügt nicht. Nach einer Vorpremiere kann sich noch einiges ändern. Ich hab‘ schon Szenen gestrichen, weil sie einfach nicht funktioniert haben. Und ich hab‘ schon Kleinigkeiten verändert, die plötzlich eine Riesenwirkung hatten. Das Publikum ist unglaublich ehrlich. Und das ist gut so. Ich will kein Programm machen, das nur auf dem Papier funktioniert. Es muss auf der Bühne funktionieren. Und dafür braucht’s echte Menschen im Saal. Für die habe ich es ja gemacht!
Lassen Sie bewusst mehr Raum fürs Improvisieren – oder testen Sie eher die Feinjustierung des Programms?
Beides. Ich hab‘ ein Gerüst, das steht. Aber innerhalb des Gerüsts darf’s noch a bissle wackeln. Wie beim Schreiner: Sitzt, passt, wackelt und hat Luft! Wenn ich merke, dass eine Szene zu lang ist, kürze ich schon während der Vorstellung. Das Schöne an Vorpremieren ist, dass das Publikum weiß: Es ist noch nicht fertig. Das nimmt Druck raus – für mich und für die Zuschauer. Manchmal entstehen in diesem Freiraum die besten Momente. Ich improvisiere natürlich gerne. Aber diesmal sagt Frau Wasmann, die Regisseurin: „Bitte nur, wenn es nicht anders geht. Wir haben doch ein wunderbares Textbuch. Halt dich dran.“ Aber sie weiß schon: Wenn diese Maschine im Kopf angeht, dann muss sie auch laufen.
Im neuen Programm begegnet man bekannten Figuren, aber auch neuen. Wie entscheiden Sie, wen Sie wieder auf die Bühne holen und wer neu dazukommt?
Die Figur der Frau Schwerdtfeger, einer schwäbischen Hard-Rock-Oma zum Beispiel – die hätte mir was erzählt, wenn ich die nicht eingeladen hätte. Die wäre mir nachts im Traum erschienen. Der Hotte, der Sautter, der Brodbeck – das sind Leute, die gehören einfach dazu. Neue Figuren kommen dann, wenn ich das Gefühl habe: Hier fehlt noch jemand. Oder wenn mir im Alltag jemand begegnet, der so speziell ist, dass ich denke: „Der muss auf die Bühne.“ Manchmal entwickeln sich Figuren auch während der Arbeit am Programm. Die waren gar nicht geplant – aber plötzlich sind sie da.
Was macht für Sie den Reiz dieser Charaktere aus?
Diese Figuren sind ein Stück wie wir. Sie versuchen irgendwie, den Alltag zu meistern. Und genau wie sie das machen – das macht sie interessant. Frau Schwerdtfeger ist eine Frau, die sich mit existenziellen Fragen beschäftigt. Der Hotte ist jemand, der sein Leben lang nichts tut und trotzdem irgendwie zufrieden ist. Das sind Extreme, aber wir alle haben was von denen in uns. Der Reiz liegt darin, dass diese Charaktere uns zeigen: Es gibt so viele Wege. Manchmal ist der falsche Weg der interessantere. Oder der entspanntere. Und manchmal ist es einfach nur lustig zuzuschauen, wie sich jemand verzettelt.
Humor spielt bei Ihnen oft mit schwäbischer Mentalität, Alltagskatastrophen und überraschenden Lösungswegen. Hat sich Ihr Blick auf diese Themen in den Jahren verändert?
Die Welt ist komplizierter geworden – oder sagen wir so: Einfacher ist es nicht geworden, und leicht war es nie. Früher war ein Escape Room ein Raum, aus dem du rauswillst. Heute ist’s ein Ort, an den du freiwillig gehst, um dich einschließen zu lassen. Das sagt schon viel. Wir zahlen Geld dafür, dass uns jemand Probleme gibt, die wir lösen müssen. Im echten Leben haben wir die Probleme umsonst – aber da wollen wir sie nicht. Mein Blick hat sich vielleicht insofern verändert, als dass ich heute mehr Verständnis habe für Leute wie den Hotte. Früher habe ich gedacht: „Der könnt doch mal was tun!“ Heute denk ich: „Vielleicht hat der’s begriffen.“
Welche Rolle spielt der Aufführungsort?
Ich mag das Kesselhaus in Trossingen sehr gerne. Ich war schon mehrmals dort – und während Corona habe ich es sogar selbst zwei Tage gemietet, um Videoclips zu drehen. Es ist einfach ein besonderer Ort. Der Raum ist nicht zu groß, nicht zu klein. Du spürst jede Reaktion – und genau des brauchst du bei Vorpremieren. In Trossingen bist du so nah am Publikum, dass du merkst, wenn jemand in der dritten Reihe mit den Augen rollt. Das ist für Vorpremieren Gold wert. Da kannst du nicht mogeln. Entweder es funktioniert – oder du siehst sofort, wo’s hakt.
Was wünschen Sie sich, was das Publikum nach den Vorpremieren sagt und mit nach Hause nimmt?
Ich wünsche mir, dass die Leute am liebsten dableiben würden, weil es so schön war. Aber wenn sie rausgehen und denken: „So gelacht hab‘ ich schon lang nicht mehr“ – dann ist meine Mission schon fast erfüllt. Dass sie Freude hatten – und dass wir für ein oder zwei Stunden gemeinsam in einem Escape Room waren. Und wenn sie nebenbei noch den einen oder anderen Gedanken mitnehmen – umso besser. Aber in erster Linie soll’s ein lustiger Abend sein. Alles andere ist Bonus.
Bernd Kohlhepp
Der Künstler
Der Tübinger Bernd Kohlhepp ist Kabarettist, Schauspieler, Autor und Regisseur. Bekannt wurde er vor allem durch seine schwäbische Kultfigur Herr Hämmerle, mit der er seit vielen Jahren auf Bühnen im Südwesten und auch darüber hinaus erfolgreich ist. Er ist als Solokünstler, Autor und auch Theaterregisseur tätig.
Das neue Programm
Bernd Kohlhepps neues Programm „Escape Rooms – Alles im grünen Bereich“ feiert am Donnerstag, 26., und Freitag, 27. Februar, jeweils ab 20 Uhr Vorpremiere im Kesselhaus in Trossingen. Tickets für die beiden Previews gibt es an den bekannten Vorverkaufsstellen oder online unter www.tickets.vibus.de . Premiere ist dann am 7. März in Stuttgart.