Das Berliner Human Rights Film Festival zeigt eine aktualisierte Fassung des Dokumentarfilms „Ghosts of Afghanistan“. Er hat die jetzige Tragödie haarklein vorausgesehen. und schildert auf bedrückende Weise, wie nicht zuletzt die Frauen des Landes im Stich gelassen werden.
Berlin - Die kanadischen Soldaten, die Graeme Smith als Kriegsreporter begleitete, haben selten einen Taliban gesehen. „Geister“ wurden sie in der Truppe genannt, da sie aus dem Verborgenen heraus operierten und Leichen ihrer Kämpfer meist schon beseitigt hatten, als die alliierten Truppen nach Gefechten vorrückten. Es sind nicht die einzigen „Ghosts of Afghanistan“, denen Smiths Dokumentarfilm nachspürt. Die Geister der Toten, die in den Köpfen der noch Lebenden herumspuken, beschäftigen ihn genauso. „Sie verfolgen uns alle, die in Afghanistan gewesen sind“, sagt er. Zu den ergreifendsten Szenen gehört denn auch ein Besuch bei der Familie eines Freundes, der von den Taliban nur deshalb geköpft wurde, weil er Smith, dem Mann aus dem Westen, geholfen hatte.
Es ist eine filmische Rückkehr. Der Journalist, der zwischen 2006 und 2009 von den Kämpfen um Kandahar berichtete, für „Talking to the Taliban“, einen aus Handyvideos zusammengeschnittenen Streifen, einen Emmy erhielt und von 2015 bis 2018 für die Afghanistan-Mission der Vereinten Nationen arbeitete, wollte „wissen, wie alles so schieflaufen konnte“ – und kehrte im Herbst 2019 mit einem Kamerateam zurück. Die Antworten, die er schon damals bekam, sind besser als all jene, die die Regierungen in Washington, London oder Berlin bis heute geben können. Auch wenn Smith demütig bekennt: „Die Geschwindigkeit, mit der die Taliban wieder die Macht übernehmen würden, habe auch ich unterschätzt.“
Die Taliban mussten nur warten
Die Zutaten für das Desaster aber liegen im schon lange abgedrehten Film offen zutage. Die Kamera fährt an Luxusvillen vorbei, bezahlt von westlichen Entwicklungshilfegeldern, die eigentlich gerade Menschen außerhalb der Städte eine Perspektive ohne die Taliban eröffnen sollten. Einer ihrer Kämpfer gibt vermummt Auskunft darüber, wie sie von Dorfbewohnern, aber auch lokalen Sicherheitskräften Informationen zugespielt bekommen. Da erzählen Menschen, wie Woche für Woche Hunderte Angehörige von Armee und Polizei, die es nicht mit den Gotteskriegern halten, systematisch unter Druck gesetzt oder exekutiert werden.
Und da ist Hamdullah Mohib, der junge nationale Sicherheitsberater des Präsidenten. Er sieht zum damaligen Zeitpunkt zwar „einen militärischen Weg“, prophezeit aber auch, dass in der Truppe die „Moral weg“ sein werde, falls die USA den Islamisten den Abzug ohne konkrete Zusagen zur innerafghanischen Zukunft garantierten. So kam es unter Donald Trump wenige Monate später auch. Die Taliban, die schon damals die Provinz zurückeroberten, mussten nur warten. Nicht wenige haben mit ihnen gewartet. Der Friedensaktivist Bismillah Watendost erzählt, warum es für viele keinen Unterschied mehr macht, ob ihre Liebsten durch Taliban, Amerikaner oder Regierungstruppen sterben. Ein Mädchen auf dem Lande, das Gesicht schon wieder hinter einer Burka versteckt, sagt, sie habe kein Problem mit den Taliban – Hauptsache, der Krieg ende. Nun ist der blutigste Konflikt auf dem Planeten wirklich vorbei, Sieger sind die Taliban.
Verlierer sind die Frauen
Verlierer sind die Frauen, gerade in den Städten, die erst ganz zum Schluss an die Islamisten fielen. Der Film macht aber auch schmerzlich bewusst, welchen Beitrag das abnehmende Interesse in den westlichen Bevölkerungen geleistet hat. So war eine private Mädchenschule bereits im Herbst 2019 wegen des geringeren Spendenaufkommens von einstmals 2000 auf nur noch 200 Schülerinnen geschrumpft – inzwischen ist sie geschlossen, und der Zukunftstraum eines Kindes zerstoben, den Graeme Smith auf Film gebannt hat. Im Gegensatz zu Shaharzad Akbar, der noch immer auf Twitter aktiven Vorsitzenden der afghanischen Menschenrechtskommission, ahnten sie nicht, was auf sie zukommt.
Für das Human Rights Film Festival, das an diesem Donnerstag beginnt, hat Smith sein Werk, das im Juni schon einmal kürzer im ZDF lief, neu geschnitten. Es ist nun an die Vollendung dessen angepasst, was der Film ohnehin schon vorweggenommen hatte. In der Nachbearbeitung des Drehmaterials muss auch Roya Sadat viel von der Hoffnung tilgen, die ihre Kamera einfing. Ihr Film „The Short Age of Peace“ ist noch nicht ganz fertig. Die afghanische Regisseurin, die ihre Filmhochschule im Mai Richtung USA verließ, wird aber im Rahmenprogramm des Festivals davon erzählen.
Im Gespräch stockt ihr die Stimme
Es ist eine Hommage an die vier afghanischen Frauen, die bei den innerafghanischen Friedensgesprächen in Doha ihren früheren Peinigern am Verhandlungstisch gegenübersaßen – bis die Taliban das Land überrannten. „Es war sehr emotional für diese Frauen, über das zu sprechen, was sie unter dem ersten Taliban-Regime erlitten, wie sie zu Hause eingesperrt durchzuhalten versuchten“, erzählt Sadat, selbst Opfer der Taliban und tief misstrauisch gegenüber deren angeblicher Wandlung. Im Gespräch stockt ihr immer wieder die Stimme, wenn sie davon berichtet, wie die Verhandlerinnen sich während des Umsturzes in Kabul um ihre Familien zu Hause sorgten, die dann doch noch in letzter Minute evakuiert werden konnten. Mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort ist sie noch im Austausch, helfen kann sie vorerst nur noch mit der Geschichte, die sie erzählt. „Die Lage ist sehr kompliziert und traurig“, sagt Roya Sadat: „Speziell Kunst und Kultur sind den Taliban ein besonderer Dorn im Auge.“
Human Rights Film Festival – in Berlin und am eigenen Bildschirm
Filmfestival
Zum vierten Mal widmet sich das Human Rights Film Festival Berlin dem Einsatz für die Menschenrechte. „Jeder einzelne Dokumentarfilm, den wir zeigen, trägt diese unglaubliche Wirkung in sich, die Welt im Kleinen oder im Großen verändern zu wollen“, sagt die Festivaldirektorin Anna Ramskogler-Witt.
Highlights
40 Filme sind im Programm. „Sabaya“ etwa erzählt von Jesidinnen, die von der Terrormiliz IS entführt wurden. „The Ants and the Grasshopper“ erzählt vom Kampf für Klimaschutz in Malawi. Eine Retrospektive blickt auf das Leben von Benjamin Ferencz zurück, einem der Chefankläger der Nürnberger Prozesse.
Tickets
Das Festival beginnt an diesem Donnerstag und läuft bis 25. September. Karten für Vorführungen vor Ort in Berlin oder online am eigenen Bildschirm gibt es unter www.hrffb.de/programm-2021 zu kaufen. Der Netzzugang für den jeweiligen Dokumentarfilm kostet 5,50 Euro und ist danach 72 Stunden gültig.