Zwei deutsche Beiträge schmücken den Wettbewerb, Ovationen des Publikums rühren den Ehrenbären-Preisträger Steven Spielberg.
Die Internationalen Filmfestspiele in Berlin gehen in ihren Endspurt, und das deutsche Kino ist im Wettbewerb unverändert prominent vertreten. Als dritte einheimische Regisseurin schickte Angela Schanelec einen Film ins Rennen um den Goldenen Bären. Vor vier Jahren gewann sie für „Ich war zuhause, aber . . .“ den Regiepreis, nun legt sie ein noch interessanteres Werk vor.
„Music“ beginnt unter der Sonne Griechenlands: In den rauen Landschaften nicht weit vom Meer wird ein Baby gerettet, ein Mensch kommt ums Leben, ein junger Mann ins Gefängnis. Später befinden wir uns im Berlin der heutigen Zeit, der junge Mann (Aliocha Schneider), der irgendwann Vater wurde, ist nun Musiker, und erneut ist der Tod nicht weit.
Wer sich auf Schanelec einlässt, kann belohnt werden
Frei inspiriert vom Ödipus-Mythos sei die Geschichte, liest man auf dem Plakat zu „Music“; ein Hinweis, für den man als Zuschauer durchaus dankbar ist. Er hilft dann allerdings trotzdem nur bedingt dabei, den Film zu durchdringen. Schanelec ist es mit ihrem Plot-armen, elliptisch-hermetischen Erzählen noch nie darum gegangen, dem Publikum etwas zu erklären, und auch hier muss man sich selbst erschließen, wie viel Zeit zwischen einzelnen Szenen liegt oder worum es eigentlich geht.
Und Letzteres macht sie mitunter so schwer, dass man ihre Arbeit problemlos als schwer verständlich oder gar anstrengend abtun kann. Doch wer bereit ist, sich auf intellektuelle Interpretationsversuche oder auch nur das eigene Unverständnis einzulassen, wird in „Music“ mit einem faszinierenden Kinoerlebnis belohnt, das mehr denn je mit eindrucksvoll komponierten Bildern und eigenwilliger Atmosphäre besticht.
Vier junge Menschen und ihre Beziehungen
Genau wie Schanelec stammt auch Christian Petzold aus der Berliner Schule, wie man um die Jahrtausendwende jene Filmemacherinnen und Filmemacher zusammenfasste, die sich abseits des Mainstreams um kunstvoll-spröden Realismus bemühten. Dass er sich seither in eine andere, größtenteils zugänglichere Richtung weiterentwickelt hat, beweist sein neuer Film „Roter Himmel“, der am gestrigen Mittwoch auf der Berlinale seine Weltpremiere feierte – statt wie von Petzold angeblich erhofft in Cannes.
„Roter Himmel“ erzählt von vier jungen Menschen, deren Wege sich in einem Sommerhaus an der Ostsee kreuzen. Felix (Langston Uibel) will eine Bewerbungsmappe für die Kunsthochschule fertigstellen und sein bester Freund Leon (Thomas Schubert) seinen neuen Roman, doch eines der Schlafzimmer ist schon von Nadja (Paula Beer) belegt, die hier während der Saison als Eisverkäuferin jobbt und manchmal mit dem Rettungsschwimmer Devid (Enno Trebs) schläft.
Flirrend leicht und doch voller Tragik
Dass die nahe gelegenen Waldbrände, die nachts den Himmel erstrahlen lassen, deutlich gefährlicher sind als zunächst gedacht, bekommen sie gar nicht mit, so sehr sind sie mit sich selbst beschäftigt. Es wird geliebt, begehrt und nicht zuletzt im Kontext künstlerischer Selbstdefinition immer wieder die Beziehung zueinander hinterfragt, und Petzold macht daraus einen Film, der noch deutlich spannender und frischer ist als zuletzt „Undine“. Denn „Roter Himmel“ ist gleichzeitig von flirrender Leichtigkeit und doch voller Tragik, smart und belesen, ohne verkopft zu sein. Ein absoluter Höhepunkt im diesjährigen Wettbewerb!
Steven Spielberg ist gerührt
Noch mehr Begeisterung als die deutschen Filme löste allerdings der Berlinale-Besuch von Steven Spielberg aus. Am Mittwochabend wurde Hollywoods wohl berühmtestem lebendem Regisseur nach einer Laudatio von U2-Frontmann Bono der Goldene Ehrenbär verliehen, und das, obwohl er – wie er dem ihn minutenlang mit Ovationen im Stehen feiernden Publikum gerührt mitteilte – vor Bären deutlich mehr Angst habe als vor Haien.
Im Anschluss war dann im Berlinale-Palast „Die Fabelmans“ zu sehen, Spielbergs bislang persönlichster Film. „Die Coronapandemie hat mich derart mit Angst erfüllt, dass ich mich sehr viel mit dem Tod, dem Älterwerden beschäftigt habe“, gestand er nachmittags in der Pressekonferenz. „Und so begann ich im ersten Lockdown damit, diese Geschichte zu schreiben, die auf meinen verstorbenen Eltern sowie meiner eigenen erwachenden Liebe zum Filmemachen basiert.“ Dass das rührende und manchmal auch etwas rührselige Drama, das im kommenden Monat nicht nur in die deutschen Kinos kommt, sondern auch für einige Oscars im Rennen, ist, im Rest der Welt längst zu sehen war, störte die Berliner Festivalverantwortlichen ausnahmsweise nicht.
Um zumindest etwas von dem Glamour an den Potsdamer Platz zu bringen, der dem Wettbewerb in diesem Jahr spürbar fehlt, war die Berlinale in diesem Jahr überhaupt zu allerlei Kompromissen bereit. Am Donnerstag etwa gibt sich Cate Blanchett die Ehre, weil ihr neuer Film „Tár“ – auch dies ein Oscarkandidat – seine Deutschlandpremiere in der Reihe „Berlinale Special“ feiert. Dass das faszinierenden Dirigentinnen-Porträt von Todd Field seine Uraufführung allerdings bereits Ende August und ausgerechnet bei der großen Festivalkonkurrenz in Venedig hatte, mutet dann branchenintern doch ein wenig seltsam an.