Teil der Marke Berlinale: Dieter Kosslick mit Schal und Hut. Foto: dpa-Zentralbild

Dieter Kosslick rollt zum 17. Mal den Teppich für die Berlinale aus: Ein Gespräch über den Sinn von Elend auf der Leinwand, Verletzungen durch Kritik und die Notwendigkeit von Humor.

Berlin - Dieter Kosslick hat die Berlinale in 17 Jahren zu einem Festival gemacht, das politischer ist als jedes andere. Ein Gespräch über den Sinn von Elend auf der Leinwand, Verletzungen durch Kritik und die Notwendigkeit von Humor.

Herr Kosslick, wir erleben gerade diesen trübsten aller Winter. Da wünscht man sich Lichtspiele wie kaum was anderes. Gibt es in Ihren Filmen viel Sonne?
Immerhin ist das Wort Lichtspiele ist schon mal eine tröstliche Sache. Und ja, es gibt im Wettbewerb viel Licht. Einige Filme spielen an Orten, wo die Sonne strahlend hell scheint, was aber ja, wie wir wissen, nichts heißen muss. Auf Sardinien zum Beispiel spielt der Wettbewerbsbeitrag der Italienerin Laura Bispuri, „Meine Tochter“. Wobei das Wetter nicht der psychischen Konstellation der Hauptfiguren entspricht. Und der Wettbewerbsbeitrag „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ ist in Jahreszeiten gedreht, da kann man mitten im Februar einen wunderschönen Sommer sehen. Unter anderem. Und dann darf man den allerletzten Film der Berlinale auf gar keinen Fall verpassen. „Aga“ spielt im ewigen Schnee, es scheint die Sonne, wie wir sie nie gesehen haben. Der ganze Plot kondensiert in der letzten Minute, in einem einzigen Bild. Erst da verstehen wir, was wir die ganze Zeit gesehen haben.
Wie man Sie kennt, gibt es während des Festivals auch viel Schatten im Kino?
Ja sehr viel, natürlich mehr als Licht. Ein Film, den ich als Meisterwerk bezeichnen würde, ist „Transit“ von Christian Petzold. Es ist ein Film, neu interpretierter Klassikerüber Flüchtlinge, die Verfilmung des Romans von Anna Seghers Roman. Man hat das Gefühl, es ist eine Geschichte von heute, obwohl es eine Geschichte von damals ist. Man hat das Gefühl, es ist sowohl ein Dokumentarfilm als auch ein Spielfilm.
Die Situation der Flüchtlinge scheint zum Dauerthema der Berlinale zu werden.
Ja, deren Elend werden wir an verschiedenen Stellen sehen. In „Styx“, dem Eröffnungsfilm des Panorama Special um Beispiel. In dem Essayfilm „Eldorado“ vergleicht der Regisseur seine persönliche Geschichte nach dem zweiten Weltkrieg in einem italienischen Flüchtlingscamp in der Schweiz mit der Situation heute. Der Film macht da weiter, wo der Bärengewinner „Fuocoammare“ aufhört – wenn die Menschen von den Booten an Land kommen. Es ist ein Einblick in die Apokalypse. Der Filmemacher zeigt die Lager auf Sizilien, wo Flüchtlinge leben und ausgebeutet werden und für Hungerlöhne auf den Tomatenplantagen arbeiten. Am Schluss werden die Tomaten nach Afrika gebracht mit Geldern der Europäischen Union, weshalb es nichts bringt, in Afrika die Tomaten anzubauen, weshalb die Menschen verarmen und sich nach Europa aufmachen.
Eine Geschichte, wie wir sie aus Alejandro Inarritus „Biutiful“ von 2010 kennen. Seitdem ist nichts besser geworden. Denken Sie manchmal darüber nach, wie sinnlos auch die eindringlichsten Filme sind?
Ja, aber dann kommt meine Mutter aus Ispringen bei Pforzheim vor mein inneres Auge und sagt: Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.
Aber wir gehen ins Kino, schauen das Elend an und gehen wieder raus.
Ja, ich weiß. Ich weiß auch, dass wir offensichtlich Menschen zu Versuchszwecken Autoabgasen aussetzen. Das kann man nicht mehr kognitive Dissonanz, sondern nur noch verrückt nennen. Aber trotzdem sind die Filme nicht sinnlos. Wir zeigen sie und eben nicht etwas anderes, wir treffen eine Entscheidung, wir stellen Öffentlichkeit her, wir versuchen die Problematik zu diskutieren und zwar in Kontinuität. Ich will auch nicht am Schluss meiner 17 Jahre sagen: das war sinnlos. Ich habe mich auch immer gerne dafür kritisieren lassen, dass das Festival zu politisch sei.
Wo bringt diese Kontinuität was?
Ich nehme eine Beispiel, das nicht jeder gleich sieht: das Kulinarische Kino. Inzwischen – nach 12 Jahren - wird jedem deutlich, dass es hier nicht darum geht, sich die Bäuche vollzuschlagen. In diesem Jahr zeigt unser Ehrenpreisträger Fernando Solanas, wie er in diesen unglaublichen argentinischen Felder unterwegs war, auf die das Glyphosat ausgebracht wird. Wenn der Landwirtschaftsminister Christian Schmidt diesen Film gesehen hätte, würde ich mich wundern, ob er nochmal in Brüssel zustimmen würde, dass dieses Mittel weiter auf unsere Lebensmittelpflanzen gesprüht werden darf.

Reizthemen wie Metoo-Debatte und Nachfolgersuche

Ein Thema, das die Berlinale vermutlich begleiten wird, ist die #metoo-Debatte. Sind Sie in der Realität eines Festivals mit dem Thema konfrontiert?

Die durch den Weinstein Skandal ausgelöste Debatte ist wichtig und hat zur #metoo-Bewegung geführt. Über die sexualisierte Gewalt hinaus führt uns die Debatte grundsätzlich zur Hinterfragung gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Das Thema ist auch bei der Berlinale 2018 präsent. Mit den Events die wir bei der Filmfestspielen präsentieren, möchten wir auch zu einer Veränderung innerhalb der Branche beitragen. Wir unterstützen zum Beispiel die Initiative Speak Out von Daniela Elstner, die eine Website und Hotline gegen sexuelle Belästigung im Filmgeschäft launchen möchte. Darüberhinaus veranstalten wird selbst Panels rund um das Thema.

Für mich gilt, was Catherine Deneuve nach ihrer ersten Erklärung zum Thema gesagt hat: wenn jemand etwas gegen seinen Willen aufgezwungen bekommt, dann ist das ein Verbrechen. Das ist eine klare Linie und klingt einfach, und die wäre ja auch im Fall der Anschuldigungen gegen Dieter Wedel eindeutig überschritten. Aber ich kann mir überhaupt gar nicht vorstellen, dass jemand heutzutage an den Set geht und so etwas tut. Irgendjemand würde doch hoffentlich sofort eingreifen.

Was denken Sie denn, wo hat man in diesem Geschäft eine Verantwortung?
Was ich gelernt habe: man muss seine Sprache zügeln. Es ist relativ leicht, verbal grenzwertig zu werden. Wenn ich zum Beispiel zehn Tage lang auf dem roten Teppich stehe und small talk mache, dann mache ich vielleicht auch die ein oder andere missverständliche Bemerkung. Wir sprechen in drei verschiedenen Sprachen auf diesem Festival mit allen semantischen Unterschieden, da muss man sehr vorsichtig sein. Und ja: vor dem Hintergrund der Debatte haben wir tatsächlich über solche Fragen geredet wie: darf man jetzt Leute auf dem Roten Teppich umarmen und abbusseln?
Und welche Antwort geben Sie sich?
Ja, wenn es einvernehmlich ist, schon. Aber das ist natürlich bei 3400 Leuten, die zur Eröffnung kommen, nicht einfach. Es ist vielleicht eine viel zu große Sache insgesamt um sie an so einem kleinen Punkt zu diskutieren.
Sie sprechen über die Nachfolgediskussion, weil Sie nach der Berlinale 2019 aufhören und jetzt Ihre Arbeit kritisiert wird. Wie blicken Sie auf diese 17 Jahre? Was würden Sie sagen, haben Sie gut hingekriegt?
Ich glaube, was ich ganz gut geschafft habe, war die Darstellung schwieriger Themen mit ausreichend Humor vorzutragen. Und den Erfolg messe ich am Publikum. Denn es ist ein großer Erfolg, dass hhier so viele Leute kommen, für die wir das machen. Das sollte man erhalten.
Was ist eine Kritik, die Sie annehmen?
Natürlich muss man Kritik ernst nehmen, doch aktuell erlebe ich nur eine personalisierte Debatte.
Sie beziehen sich auf Journalisten, die jetzt über ihre Nachfolge schreiben. Sie klingen verletzt.
Ja. Mich verletzen gewisse Unhöflichkeiten. Da gibt es grenzüberschreitende Kritikrituale, die man sich in meinem Alter nicht mehr richtig erklären kann. Es geht offensichtlich nur um die Provokation.
Was würden Sie Frau Kulturstaatsministerin Grütters für die Suche nach Ihrer Nachfolgerin oder einem Nachfolger denn raten?
Man kann erst jemanden suchen, wenn man weiß, was für eine Berlinale man möchte.
Worauf freuen Sie sich?
Wie immer darauf, dass es los geht. Wir werden grandiose Filme haben – auch einen feministischen Western. „Damsel“, muss man sehen. Es ist die audiovisuelle Antwort auf metoo.
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