Foto: dpa

Kirsten Heisig seit Tagen vermisst - Juristin kämpft für schnelle Verfahren gegen junge Straftäter.

Berlin - Im Berliner Problembezirk Neukölln gilt Richterin Kirsten Heisig als unnachgiebige Kämpferin gegen Jugendkriminalität. Damit hat sie sich weit über die Grenzen der Hauptstadt hinaus einen Namen gemacht - aber auch Feinde.

Seit vier Tagen schon ist sie wie vom Erdboden verschluckt. Kirsten Heisig erschien zu Wochenbeginn nicht in ihrem Büro am Amtsgericht Tiergarten. Die Mutter zweier Mädchen gilt als vermisst. Die Familie schweigt. Die Kollegen im Amtsgericht sind in heller Aufruhr. "Was, wenn sich hier einer rächt, der von ihr verurteilt worden ist?"

Die Polizei will offiziell nicht bestätigen, dass es sich bei der vermissten Frau um die Richterin handelt. Seit Mittwoch, 17 Uhr, durchkämmen Fahnder mit Hilfe von vier Leichenspürhunden das weitläufige Waldstück im Reinickendorfer Stadtteil Heiligensee im Norden der Stadt. Auch Hubschrauber mit Wärmebildkameras seien im Einsatz. "Das heißt jedoch nicht, dass wir davon ausgehen, dass die vermisste Person tot ist", betonen die Ermittler. "Wir haben das verlassene Fahrzeug der Frau hier gefunden und versuchen nun, ihre Spur aufzunehmen." In dem Auto waren persönliche Dinge Heisigs, darunter ihr Ausweis. Der Wagen war verschlossen und ordentlich geparkt.

Angaben zur Person wurden an alle Flughäfen und Grenzkontrollpunkte weitergegeben. Weitere polizeiliche Maßnahmen oder Ermittlungen im beruflichen Umfeld der Richterin gäbe es zurzeit noch nicht, heißt es. Die Polizei habe keine Anhaltspunkte für eine Entführung.

Die Richterin hat sich der Bekämpfung von Jugendkriminalität verschrieben und sich mit ihrem harten Kurs gegen junge, zumeist türkisch- oder arabischstämmige Kleinkriminelle im sozialen Brennpunkt Berlin-Neukölln vermutlich viele Feinde gemacht. Mitte Mai hatte Heisig gegenüber dieser Zeitung von ihrer Arbeit berichtet - wie sie junge Straftäter "mitleidlos" ins Gefängnis schickt und nicht müde wird, den Heranwachsenden und deren Eltern ins Gewissen zu reden.

Unnachgiebig bei Gewalttaten auf der Straße

Die gebürtige Westfälin studierte Jura in Berlin und arbeitet dort seit 15 Jahren als Jugendrichterin. So zierlich die Richterin ist, so unnachgiebig verhandelt sie über Gewalttaten auf der Straße, im Personennahverkehr und in Schulen. Das sogenannte Neuköllner Modell geht maßgeblich auf ihr Konzept zurück. Danach sollen kriminelle Jugendliche bei kleineren Delikten binnen zwei Wochen verurteilt werden und nicht erst Monate später. Seit Juni wird das schnelle Richten stadtweit versucht.

Am 13. September will der Herder-Verlag Heisigs Buch auf den Markt bringen. Es heißt "Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter". Es ist ein Plädoyer für das Neuköllner Modell. "Wenn schon die großen Brüder im Knast sitzen, schreckt es die jüngeren Geschwister nicht ab, wenn sie für ihre eigenen Straftaten Monate oder Jahre später zur Rechenschaft gezogen werden", sagt Heisig.

Wichtig seien schnelle Verfahren auch für Polizisten: "Die begegnen den jungen Straftätern immer wieder und fragen sich, warum sie die überhaupt festnehmen, wenn der Richter sie sowieso wieder schnell laufen lässt." Die Richterin möchte, dass die Polizeibeamten am Tatort entscheiden, welche potenziellen Strafverfahren besonders zügig bearbeitet werden können - also wo die Beweislage eindeutig ist. "Die wissen auch, ob hier möglicherweise ein Serientäter heranwächst, der früh in die Schranken gewiesen werden sollte."

Weil Heisig als Jugendrichterin des Amtsgerichts Tiergarten darüber hinaus für das Schulgesetz zuständig ist, verurteilt sie Schul-Dauerschwänzer auch schon mal zu Bußgeldern - oder einer Woche Haft. Das tut vor allem jenen Familien weh, die ohnehin nur Hartz-IV-Leistungen beziehen. Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) ist bekennender Heisig-Fan und unterstützt ihren Kurs. Umso größer ist seine Sorge um das Schicksal der Richterin.

Berlins Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) weiß, dass mit jedem Tag die Hoffnung auf ein gutes Ende schwindet. Dennoch betont ihr Sprecher gegenüber dieser Zeitung: "Bislang liegen uns Hinweise für eine Straftat nicht vor." Nicht weniger tragisch allerdings wäre ein persönliches Motiv für das Verschwinden der Richterin. "Am schönsten wäre ein Anruf von ihr von Mauritius, dass sie einfach nur eine Auszeit braucht."

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: