Bergwandern mit Kindern Abenteuer in den Alpen für Anfänger
Kann man mit einem Grundschulkind auf einer Berghütte übernachten? Ohne Schnick und Schnack? Wer das kleine Abenteuer im Schweizer Kanton Uri wagt, will womöglich gar nicht mehr weg.
Die kleine Gondel schaukelt leicht in den Seilen hin und her, als wolle sie die Fahrgäste darin necken. Sie hat nur vier Plätze und in der Kabine hängt ein Telefon, für Notfälle. „Das braucht man aber wirklich höchst selten“, sagt Paul Zgraggen (80) und lächelt. Er muss es wissen, schließlich fährt er seit 50 Jahren mit dieser Gondel von Amsteg im Schweizer Kanton Uri hoch an den Arnisee. Denn dort oben auf dem sonnigen Plateau steht sein Ferienhaus. „Da bin ich als Rentner öfter.“ Als die Gondel an der Bergstation einfährt, entschuldigt er sich: Er will Pfifferlinge sammeln. Und das geht am besten in der Morgenfrische.
Wer die Berge erobern will, muss im Frühtau raus. Das gilt auch für Wanderer – wie die Familie, die mit Zgraggen zum See gegondelt ist und jetzt die Rucksäcke schultert. Sie wollen zur Sunniggrathütte wandern, einer kleinen Berghütte auf 1978 Metern mit einfachem Zustieg und fantastischem Ausblick.
Heidelbeeren am Wegesrand
Es ist der perfekte Ort für alle, die mal ausprobieren wollen, wie es ist, eine Nacht oben auf dem Berg zu schlafen – fernab vom Alltag, auf Augenhöhe mit den majestätischen Gipfeln der Zentralschweiz.
Der knapp acht Kilometer lange Aufstieg über die Alp Furt führt zuerst durch den Wald, dann über blumige Wiesen, immer entlang einen kleines Baches. Das Wasser springt munter über die Steine, rechts und links des Weges wachsen Heidelbeeren. Sie scheinen nur darauf zu warten, von Kindern vernascht zu werden. „Schau mal, auf meinem Fuß sitzt ein Schmetterling“, ruft ein Mädchen verzückt.
Kurz hinter der Alp Furt biegt der Weg ab und windet sich als schmaler Pfad den Berg hinauf. Je länger der Anstieg dauert, desto stiller wird das Mädchen. Als das Steilstück endlich geschafft ist, kommt der Hunger um die Ecke. „Wann machen wir endlich Picknick?“, fragt das Mädchen seine Eltern. Die lachen und ziehen aus ihren Rucksäcken Nüsse, Obst, frisches Brot, Wurst und Schokolade. Gestärkt sind die letzten Meter bis zur Hütte ein Klacks.
Die Sunniggrathütte ist schon von weitem zu sehen. Vor der Tür flattert eine gelbe Fahne, auf der Terrasse schaufeln hungrige Wanderer große Portionen goldbrauner Rösti in sich hinein. Während das Kind sofort Freundschaft mit dem Hüttenhund schließt, steigen die Eltern erst mal über eine schmale Stiege hoch zu den Schlafräumen.
24 Übernachtungsplätze hat die Sunniggrathütte, aufgeteilt in zwei Schlafsäle mit Betten im Doppelstock. Wer nachts auf Klo muss, muss rückwärts die schmale Stiege hinunterklettern und durch die kalte Bergluft rüber zum Toilettenhäuschen. „Warmes Wasser haben wir nicht, ebenso wenig wie Duschen oder W-Lan“, erklärt Claudia, die Hüttenwirtin. „Aber dafür könnt ihr hier oben den schönsten Sternenhimmel der Welt sehen.“
Seit fünf Jahren bewirtschaftet Claudia Gnos mit ihrem Mann Adi die Sunniggrathütte. „Jedes Jahr kommen mehr Menschen zu uns“, sagt sie. Die meisten Wanderer seien zwischen 30 und 50 Jahre alt. Aber sie hatte auch schon Übernachtungsgäste, die waren 83. Und andere erst 3.
An manchen Tagen kommt die kleine Hütte durch den Ansturm an den Rand ihrer Kapazitäten. „Dann steht man halt auch mal eine Viertelstunde am Klo an“, sagt Claudia. Doch sie kann die Menschen verstehen. „Auf einer Hütte zu übernachten ist immer ein kleines Abenteuer. Die Ruhe hier oben ist unbezahlbar. Vom Ausblick ganz zu schweigen.“
Vom Ausblick ist aber gerade leider nicht viel zu sehen. Der Regen hat die Sonne vertrieben, vom Tal ziehen dicke Nebelschwaden herauf. Aber im Aufenthaltsraum ist es schön warm, weshalb jetzt dort die Bergmenschen zusammenrücken. Sie trinken heißen Kaffee und kaltes Bier und lassen die Würfel über den Tisch rollen.
Bergluft macht müde
Um kurz vor halb sieben deckt Adi fürs Abendessen: Es gibt Gemüsebrühe, dann Nudeln mit zweierlei Saucen und Salat – und als Nachtisch Vanillepudding mit roter Fruchtmütze. Über den Raum legt sich ein hungriges Schweigen, man hört nur noch das Klappen der Löffel und Gabeln. „Mehr, bitte“ ruft ein Junge – und auch an den andere Tischen nimmt man beherzt Nachschlag. Nach dem Essen bringen alle ihre Teller in die Küche und wischen die Tische ab. Nicht immer funktioniere das reibungslos, sagt Claudia und lacht. „Manchen Gästen müssen wir erst mal das Hüttenleben erklären.“ Dass man seine Wanderschuhe vor der Türe auszieht, seinen Müll wieder ins Tal mitnimmt und sich das Abendessen mit den anderen Gästen teilt. „Es geht um Respekt“, sagt Claudia. „Gegenüber anderen Menschen. Aber auch gegenüber der Natur.“
Die Natur schickt jetzt netterweise noch mal ein paar Sonnenstrahlen über den Himmel. Und Claudia schickt alle, die noch Kraft in den Beinen haben, hoch auf den Gipfel des Sunnigrat. „So einen Rundumblick von einem Zweitausender, das gibt’s selten“, schwärmt sie. Und richtig: Vom Gipfel aus sieht man nicht nur den Bristen, den Bälmeten und den Oberalpstock, sondern auch die Ausläufer des Vierwaldstätter Sees. Es ist traumhaft schön.
Obwohl es noch lange hell ist, liegen die meisten Wanderer eine Stunde später in ihren Kojen. Draußen pfeift der Wind ums Haus, drinnen werden Pläne für die nächste Tour geschmiedet. Durch die dünnen Wände hört man jedes Wort. Doch die Bergluft macht müde, und pünktlich um 22 Uhr kehrt Ruhe ein. Und dann hat man in seinem Schlafsack wirklich das Gefühl, allein mit den Bergen zu sein.
Info
Anreise
Die Zugfahrt ab Stuttgart bis Amsteg im Schweizer Kanton Uri dauert circa sechs Stunden ( www.bahn.de ). Mit dem Auto braucht man von Stuttgart etwa vier Stunden. Von Amsteg aus fährt eine Gondel an den Arnisee, www.arnisee.ch .
Unterkunft
Die Sunniggrathütte ist eine kleine, gemütliche Berghütte mit netten Wirten und zwei Schlafräumen mit sechs bzw. 16 Plätzen. Perfekt für eine erste Übernachtungserfahrung. Übernachtung mit Halbpension ca. 75 Euro, Kinder zahlen 48 Euro, www.sunniggrathuette.ch/ .Tipp für den Anreisetag: In Altdorf im Hotel Höfli übernachten und am nächsten Tag mit dem Postbus nach Amsteg fahren. Das Hotel Höfli ist einfach, aber schön und hat eine angeschlossene Pizzeria – perfekt zum Ankommen! Familien-Zimmer inklusive Frühstück ab 295 Euro, www.hotel-hoefli.ch .Weitere familiengeeignete Hütten in der Schweiz: Sewenhütte, www.sewenhuette.ch ; Sustlihütte, www.sustlihuette.ch ; Albert-Heim-Hütte, www.albertheimhuette.ch ; Treschhütte, https://sac-albis.ch/huetten/treschhuette/ .
Allgemeine Informationen
www.andermatt-sedrun-disentis.ch , www.sac-cas.ch , www.myswitzerland.com