Früher wurden Frauen am Berg noch als „ungepflegte Zottelhexen“ beschimpft. Heute sorgen Frauen wie nie zuvor in der Geschichte des Bergsteigens für Schlagzeilen. Auch Gentiana Zyba und Sandra Christen zeigen es der Männerwelt.
Wenn man die zwei so sieht, könnte man meinen, dass man sie am ehesten im Nachtleben von Zürich antrifft. Und tatsächlich: „Wir lieben es, uns durch die Nacht treiben zu lassen“, sagt Sandra Christen, Pflegefachfrau im Kantonsspital Obwalden. „Wir kennen uns aus“, ergänzt Gentiana Zyba, Traderin bei einer Schweizer Großbank, „sowohl in der Bar- als auch in der Bergszene.“
Denn selbst nach mancher Party erklimmen die beiden 32-Jährigen am nächsten Tag mal schnell einen Viertausender wie den Weissmies oder den Alphubel in den Walliser Alpen. Aber irgendwann wollten sie mehr als nur alle 48 Viertausender der Schweiz besteigen: 2020 gründete Christen die „Swiss Alpine Girls“ (SAG), um „noch mehr Frauen für die Berge zu motivieren“.
Falls das überhaupt noch nötig ist. Billi Bierling, die als Chefin der Himalaja-Datenbank in Kathmandu alle wichtigen Besteigungen in Nepal festhält, stellt fest: „Die Frauen sorgen wie noch selten in der Berg-Historie für Schlagzeilen.“
Als ein Beispiel nennt sie die Norwegerin Kristin Harila. Deren Vorhaben, in Rekordzeit alle 14 Achttausender der Welt zu besteigen, scheiterte nur daran, dass sie die behördliche Zulassung für den Cho Oyu und den Shishapangma nicht rechtzeitig erhielt.
Und auch Adriana Brownlee aus London ist auf Rekordkurs: Sie will mit ihren 23 Jahren bald auch alle 14 Achttausender in den Büchern stehen haben. Noch fehlen der Junior-Kraxlerin vier Stück.
Heidi oder Hexe?
Lange war das weibliche Geschlecht von der männlich dominierten Bergwelt ausgeschlossen. Der Mann bezwang, beherrschte und erstürmte Gipfel, resümiert die Schriftstellerin Florence Hervé, den Frauen blieb die Rolle „der Heidi, der Bäuerin, der Kuhhirtin und der Hexe“.
Erst 1997 nahm die letzte Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) Frauen als vollwertige Mitglieder auf. Lange mussten sich Frauen, die auf die Berge wollten, jede Menge verächtlichen Quatsch anhören. Männer beklagten einen „Weiblichkeitsverlust“, nannten die Frauen „wilde Bergweiber“ und „ungepflegte Zottelhexen“.
Noch 1969 behauptete der Autor Karl Lukan unter der Überschrift „Eine Frau ist zart, eine Frau ist schwach“, dass das Bergsteigen der Schönheit einer Frau ernsthaft schade. Wenn sich ein Mann schinde, bekomme er davon ein markantes Nordwandgesicht. Einer Frau blieben „hässliche Falten“.
Heutzutage gibt es außer den schon genannten viele weitere herausragende Athletinnen am Berg. Wie Tamara Lunger aus Südtirol oder die spanische Ausnahme-Bergsteigerin Edurne Pasaban. Und natürlich die 1,57 Meter kleine Lynn Hill, die als erster Mensch „The Nose“ im Yosemite-Nationalpark ohne Hilfsmittel hinaufkletterte. Senkrecht zog sie sich die über 1000 Meter hohe, steile Wand bis nach oben. Als sie dort ankam, sagte sie nur: „Es geht, Jungs!“
Die Bozener Autorin Ingrid Runggaldier schreibt: „Alle berühmten Bergsteiger, die ich kannte, waren Männer.“ Frauen seien zwar von Anfang an dabei gewesen, man kenne nur ihre Namen nicht.
Als Grund nennt Runggaldier die falsche Selbsteinschätzung der Frauen. Sie hätten viel weniger Spuren hinterlassen, weil sie „viel weniger über sich selbst und ihre Leistungen geschrieben“ hätten.
Und deswegen schreiten Sandra und Gentiana, die beiden aus Zürich, voran. Zuletzt wanderten sie eine Woche lang durch das Himalaja-Gebiet, um dann auf den Lobuche zu steigen, 6119 Meter hoch, 30 Kilometer südwestlich des Mount Everest.
Für die Tour hatten sie sich den wohl besten Bergführer der Welt ausgesucht: Nirmal Purja, Ex-Mitglied des „Special Boat Service“, einer Eliteeinheit der britischen Marine. Der 39-Jährige, mittlerweile Chef des Expeditionsveranstalters „Elite Exped“, hat innerhalb von sechs Monaten und sechs Tagen alle 14 Achttausender erklommen. Das gibt Selbstvertrauen. „Ich mache Dinge möglich, die vielen Menschen unmöglich erscheinen.“
Angespornt durch ihren Bergführer, nahmen Gentiana und Sandra nach dem Lobuche noch die bekannte Ama Dablam in Angriff, einen 6814 Meter hohen Berg. Bis Lager III lief alles reibungslos, dann wurde es furchtbar kalt und windig. „Ich habe gedacht, dass wir samt dem Zelt einfach vom Berg weggefegt werden und wir für immer verloren sind“, erzählt Gentiana. Und Sandra erinnert sich: „Noch nie habe ich so in meinem Leben gefroren.“ Es war so kalt, dass sie befürchtete, einer ihrer Zehen könnte abfrieren. Die Befürchtung war berechtigt, wie sich herausstellte.
Am Gipfeltag, es war der 10. November 2022, machten sich die beiden Bergsteigerinnen um 6 Uhr auf. Gegen halb zwölf mittags standen sie auf der Spitze der Ama Dablam, die wegen ihrer Form als das „Matterhorn Nepals“ bezeichnet wird.
„Das größte Abenteuer, das ich je erlebt habe“
Allerdings war der Abstieg eine Tortur. Spät dran, mit ihren Kräften am Ende, gerieten die beiden Frauen in die Dunkelheit. Das bedeutete: Sie mussten sich im Licht ihrer Stirnlampen Meter für Meter abseilen. So lange, bis sie um halb neun abends in Lager I ankamen. Erst am nächsten Tag stiegen sie zu den anderen ins Basislager ab.
Dennoch sagt Gentiana, die einst als Flüchtlingskind aus dem Kosovo in die Schweiz kam: „Die Reise war das mit Abstand schönste und größte Abenteuer, das ich jemals erlebt habe.“ Im Moment auf dem Gipfel habe sie sich losgelöst von der ganzen Welt gefühlt. Eins mit sich und dem Berg.
Mit Pelzboa und Champagner auf den Gipfel
Die Planung für die neue Bergsaison hat bei den Schweizerinnen schon begonnen. Über ihr neues Ziel wollen sie aber noch nicht sprechen. Eigentlich wäre der erste Achttausender an der Reihe. Bergführer Nirmal Purja traut es ihnen auf jeden Fall zu.
Vielleicht hätten mehr Geschichten wie jene von Henriette d’Angeville dazu beigetragen, dass sich Frauen schon früher in die Berge trauten. Sie stand 1838 mit einem Glas Champagner auf dem Gipfel des Montblanc. Bei der Besteigung trug sie eine Pelzmütze und Pelzboa. Mit dem Stock soll sie in den Schnee geschrieben haben: „Wollen ist Können“.