Mehr als elfeinhalb Jahre nach 9/11 sind die USA erneut Ziel eines Terroranschlags geworden. Die Bevölkerung ist schockiert und fragt sich: Kommen die Täter aus dem eigenen Land?
Boston - Weltweite Bestürzung nach dem Anschlag von Boston: Die Explosion zweier Bomben beim traditionsreichen Marathon der US-Ostküstenstadt hat gezeigt, wie erbarmungslos der Terror jederzeit zuschlagen kann. Die Sprengsätze hatten am Montagnachmittag drei Menschen das Leben gekostet, 176 weitere wurden verletzt. Täter und Tatmotiv waren am Dienstag noch unbekannt. Das Weiße Haus sprach von einem Terrorakt, die Ermittler gehen nach eigenen Worten „einem Berg von Hinweisen“ nach. Politiker und Sportler in der ganzen Welt reagierten betroffen.
Es handelte sich um den ersten tödlichen Bombenanschlag in den USA seit den Terrorangriffen vom 11. September 2001. Ums Leben kam auch ein achtjähriger Junge, dessen Mutter und sechsjährige Schwester schwer verletzt wurden. Insgesamt 17 Verletzte waren auch am Dienstag noch in kritischem Zustand. Ärzte am Massachusetts General Hospital fanden in den Beinen vieler Opfer „scharfe Objekte“ wie etwa Nägel. Es sei wahrscheinlich, dass die Objekte aus den Bomben stammten. Deutsche kamen nach Angaben des Auswärtigen Amtes nicht zu Schaden.
US-Präsident Barack Obama sprach von einer Tragödie und ordnete an, die Flaggen an öffentlichen Gebäuden im Land bis Samstagabend auf Halbmast zu setzen: „Wir finden heraus, wer das war. Wir werden sie zur Rechenschaft ziehen“, kündigte er in Washington an. Ein Sprecher des Weißen Hauses sagte: „Jeder Vorfall mit mehreren Sprengsätzen - wie es in diesem Fall erscheint - ist klar ein Terrorakt und wird als Terrorakt behandelt“. Noch geklärt werden müsse, ob der Angriff am Patriot's Day, einem Feiertag im Bundesstaat Massachusetts, auf das Konto ausländischer oder einheimischer Terroristen gehe.
Rick Deslauriers von der Bundespolizei FBI berichtete auf einer Pressekonferenz von „sehr aktiven“ Ermittlungen und betonte zugleich, dass es keine weiteren Bedrohungen gebe. Ermittlungsdetails wollte er nicht nennen. Auch zu Berichten, nach denen ein verletzter junger Student aus Saudi-Arabien verhört und im Krankenhaus von der Polizei bewacht werde, äußerte er sich nicht.
Die Sprengsätze waren um 14.50 Uhr Ortszeit detoniert
Nach Angaben des Gouverneurs von Massachusetts, Deval Patrick, wurden bei dem Anschlag über die beiden explodierten Bomben hinaus keine weiteren Sprengsätze gelegt. Zunächst hatte es in Medienberichten geheißen, dass möglicherweise zwei oder drei weitere Bomben entdeckt worden seien, die glücklicherweise nicht funktioniert hätten.
In TV-Sendern äußerten Experten die Vermutung, dass es sich wohl nicht um eine internationale Terroraktion gehandelt habe. So sei der Angriff augenscheinlich zwar sorgfältig geplant, aber die Sprengsätze seien nicht sehr ausgeklügelt gewesen. Sonst hätte es weitaus mehr Todesopfer gegeben.
Die Sprengsätze waren um 14.50 Uhr Ortszeit binnen 12 Sekunden in der Nähe der Ziellinie detoniert, die bereits Stunden vorher von den ersten Läufern überquert worden war. „Ich hörte zwei sehr laute Explosionen“, berichtete ein Augenzeuge. „Boston Globe“-Fotograf John Tlumacki sagte dem Sender CNN: „Ich sah abgerissene Beine, abgerissene Füße, Menschen auf Menschen getürmt.“ Die deutsche Marathonläuferin Sabrina Mockenhaupt aus dem Siegerland war zum Zeitpunkt der Explosion bereits 200 Meter entfernt vom Tatort im Hotel unter der Dusche. Sie sagte: „Unglaublich. Unfassbar. Ich bin total geschockt.“
Kurz nach den Explosionen schalteten die Behörden vorübergehend das Mobilfunknetz in Boston ab, um mögliche Fernzündungen weiterer Sprengsätze zu verhindern. Auch der Luftraum über der 625 000 Einwohner-Stadt wurde zwischenzeitlich gesperrt. In anderen größeren US-Städten wurden die Sicherheitsvorkehrungen ebenfalls verstärkt.
Weltweite Bestürzung über die Anschläge
UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte die „sinnlose Gewalt“. Kremlchef Wladimir Putin sprach von einem barbarischen Verbrechen und forderte eine aktive Koordination des weltweiten Anti-Terror-Kampfs. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte die Hoffnung, dass die Schuldigen bald zur Rechenschaft gezogen werden. Papst Franziskus sagte in Rom, er sei zutiefst traurig über die „sinnlose Tragödie“. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen, EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und der britische Premierminister David Cameron reagierten ebenfalls schockiert. An der Wall Street gab es kurz vor Öffnung der Märkte am Dienstagmorgen eine Schweigeminute.
Die pakistanischen Taliban bestritten jede Beteiligung. Der Sprecher der pakistanischen Taliban, Ehsanullah Ehsan, sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Wir wissen nicht, wer den Angriff ausführte und was die Absicht dahinter war.“ Die Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP hatte die Verantwortung für einen gescheiterten Autobombenanschlag auf dem New Yorker Times Square im Jahr 2010 übernommen und den USA mit Anschlägen gedroht.
Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 finden große Sportveranstaltungen in den USA unter strengsten Vorkehrungen statt. Der Boston-Marathon gehört zu den populärsten Rennen an der amerikanischen Ostküste. In diesem Jahr war die letzte Meile des Boston-Marathons den Opfern des Amoklaufs von Newtown gewidmet, wo im Dezember in einer Grundschule 20 Kinder und 6 ihrer Betreuer erschossen worden waren.
Für Deutschland sieht das Bundesinnenministerium keine erhöhte Terrorgefahr: Die Sicherheitslage sei unverändert, sagte ein Ministeriumssprecher, Deutschland stehe nach wie vor im Fadenkreuz des internationalen Terrors.
Die Organisatoren von Großveranstaltungen wie den Marathons in London und Berlin, der Leichtathletik-WM in Moskau oder den Olympischen Spielen 2016 in Rio kündigten eine Überprüfung ihrer Sicherheitskonzepte an. Sowohl in London als auch in Hamburg sind für kommenden Sonntag Marathonläufe angesetzt, die wie geplant stattfinden sollen.