Sophie Glöckler-Tronnolone berät im Begegnungshaus am Lahrer Urteilsplatz Frauen aus dem Raum Lahr, die unter häuslicher Gewalt leiden. Die hat viele Formen, wie sie im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt.
Gewalt gegen Frauen hat zahlreiche Gesichter – und sie begegnet Frauen häufig daheim, in ihrer Ehe oder Partnerschaft. Die Gewalt beginnt dabei nicht erst mit Schlägen. Auch Bedrohungen, Beschimpfungen und Kontrolle sind Formen von Gewalt. Für alle, die darunter zu leiden haben, gibt es im Ortenaukreis eine Anlaufstelle: den Verein Frauen helfen Frauen Ortenau, der der Träger des Frauenhauses und der Fachberatungsstelle Häusliche Gewalt, Zwangsheirat und Stalking ist.
Eine der Beraterinnen des Vereins ist Sophie Glöckler-Tronnolone. Die 26-Jährige kommt einmal pro Woche nach Lahr, ins Begegnungshaus am Urteilsplatz, um Frauen zu helfen, die von ihren Männern misshandelt werden. Jeweils mittwochs von 8 bis 12 Uhr ist sie dort in einem Beratungszimmer zu sprechen, wobei sie darum bittet, sich vorher anzumelden (siehe Info). Es sei aber auch möglich, spontan vorbeizukommen.
Die Männer dürfen nichts von der Beratung erfahren
Das Mehrgenerationenhaus bietet den Vorteil, dass dort auch andere Beratungsstellen angesiedelt sind, somit Publikumsverkehr herrscht. Frauen können deshalb dort hineinschlüpfen, ohne dass es „Verdacht“ erregt, schließlich können mögliche Beobachter nicht wissen, weshalb sie das Haus betreten, erklärt die 26-Jährige. Frauen aus dem Raum Lahr, die trotzdem ganz auf Nummer sicher gehen wollen, dass ihre Männer nichts von ihren Kontakten erfahren, würden aber auch die Beratungsstelle des Vereins in Offenburg aufsuchen, Ortenberger Straße 2, so Glöckler-Tronnolone. Dort ist sie an den anderen Tagen außer Mittwoch zu sprechen.
Die Sozialarbeiterin, die auch den Beruf der Erzieherin gelernt hat, gehört den Mobilen Teams des Vereins Frauen helfen Frauen an. Denn sie berät nicht nur in Offenburg, sondern eben auch in Lahr sowie in anderen Städten und Gemeinden der südlichen Ortenau. Dafür trifft sie sich mit Frauen an verschiedenen Orten, zum Beispiel in einer Schule – ihre Gesprächspartnerin erzählt ihrem prügelnden Mann dann, dass sie zu einem Elterngespräch muss. Bisweilen verabredet sich Glöckler-Tronnolone mit einer hilfesuchenden Frau auch einfach zu einem Spaziergang. Dabei geht es stets darum, in einer verzweifelten Lage eine Stütze zu sein und Auswege zu eröffnen.
Wie herausfordernd es sein kann – und wie wichtig –, Frauen zu helfen, für die das Leben daheim zur Hölle geworden ist, erzählt Glöckler-Tronnolone in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Rund 100 Beratungsgespräche mit etwa 60 bis 70 Frauen habe sie im vergangenen Jahr im Begegnungshaus am Urteilsplatz geführt. So ein Gespräch dauere rund eine Stunde, wobei es zunächst um das Zuhören gehe. Die Themen? „Alles, was häusliche Gewalt betrifft.“ Zu ihr kämen Frauen, die daheim geschlagen, getreten oder gewürgt werden, die aber auch psychischer Gewalt ausgesetzt seien, etwa Demütigungen, Drohungen, Einschüchterungen. Die Kinder seien oft mitbetroffen.
Das Heimtückische an dieser Gewalt: Sie findet hinter verschlossenen Türen statt, im privaten Raum, und ist für andere meist unsichtbar. Die betroffenen Frauen haben außerdem häufig keine Chance, sich jemandem anzuvertrauen, da sie von ihren Männern auch sozial isoliert werden.
„Ich höre mir erstmal alles an, was die Frau zu sagen hat“, so Glöckler-Tronnolone. So ein Beratungsgespräch sei auch dazu da, damit die Frauen „ihre Gedanken sortieren“ können. Denn für die Betroffenen sei es häufig sehr schwierig, sich aus der Gewaltbeziehung zu lösen, erzählt die 26-Jährige. Was bei ihnen als Liebesbeziehung begann, habe sich mit der Zeit zu einem System von Gewalt und Abhängigkeit entwickelt. Manche Männer kontrollieren ihre Frauen per Handy-Ortung oder sperren ihnen die Konten, erklärt sie. Zu ihr kommen auch Migrantinnen, deren Familien sie zwingen, einen Mann zu heiraten, den sie nicht wollen.
Die 26-Jährige ist mit viel Leid konfrontiert
Die 26-Jährige ist bei ihren Gesprächen mit viel Leid konfrontiert. Eine Erfahrung, die auch für die Beraterin belastend sein kann. Aber sie sei Teil eines sehr guten Teams, in dem man sich gegenseitig unterstütze, erzählt Glöckler-Tronnolone. Außerdem biete der Verein seinen Beraterinnen therapeutische Hilfe an, wenn sie gebraucht wird.
Glöckler-Tronnolone freut sich natürlich, wenn sie helfen kann. In den Beratungsgesprächen gehe es etwa auch darum, ob die Polizei verständigt und ein Platzverweis gegen den prügelnden Partner erwirkt werden soll, erzählt sie.
Wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt, steht misshandelten Frauen das Frauenhaus des Vereins offen. Es hat 21 Zimmer, in denen Frauen und ihre Kinder miteinander leben, die vor den Familienvätern geflüchtet sind. Jede Frau bewohnt mit ihren Kindern dabei ein eigenes Zimmer mit Duschbad. Auf jedem Stockwerk gibt es eine gemeinsame Küche sowie Ess- und Wohnzimmer. Die betroffenen Frauen leben dort eigenverantwortlich, versorgen sich und ihre Kinder selbst, ist auf der Internetseite des Vereins nachzulesen. Es gebe Einzelgespräche und Gruppenangebote.
Betreut werden die Frauen von 20 Sozialarbeiterinnen und -pädagoginnen, erzählte eine Mitarbeiterin des Frauenhauses in der Vorwoche in Lahr. Anlass war der Besuch von Ute Leidig, Staatssekretärin im Stuttgarter Sozialministerium, die sich über die Mobilen Teams des Vereins Frauen helfen Frauen Ortenau informierte. Leidig war einer Einladung von Sandra Boser (Grüne), Staatssekretärin im Kultusministerium, in den Wahlkreis gefolgt. Die beiden Politikerinnen erfuhren, dass sich der Verein nun seit mehr als 40 Jahren der Beratung, Prävention sowie dem Schutz von Frauen und ihren Kindern, die häusliche Gewalt erleiden, verschrieben hat. Der Bedarf steige stetig, war zu hören. Das Frauenhaus sei immer voll belegt.
Kontakt
Die Ortenauer Fachberatungsstelle Häusliche Gewalt ist unter Telefon 0176/ 72 43 94 26 zu erreichen. Wer ein Beratungsgespräch mit Sophie Glöckler-Tronnolone wünscht, kann sich unter dieser Nummer mit ihr verabreden.