Benjamin Alexander ist mit 38 Jahren das erste Mal bei Olympia. Foto: AFP/SAVO PRELEVIC

Benjamin Alexander hat einen Traum vom Start bei den Winterspielen, dafür nimmt er vieles auf sich – und verärgerte sogar den österreichischen Verband.

Yanqing - Der Mann hat keinen Trainer. Er gehört zu keiner Mannschaft im Alpin-Zirkus. Er ist als DJ „Restless Soul“ bekannt. Er ist in Großbritannien aufgewachsen und weiß erst seit sechs Jahren, wie man auf Skiern unfallfrei zu Tal fährt. Er lebt seit Jahren in den USA, er heißt Benjamin Alexander – und als ob das alles nichts bedeuten würde, wird der Mann an diesem Sonntag (3.15 und 6.45 Uhr/ARD) bei den Olympischen Spielen im Riesenslalom an den Start gehen. Unter jamaikanischer Flagge.

 

Bei nationalen Meisterschaften wurde er jeweils Letzter

Jamaika, da war doch was. Der Karibikstaat wird allmählich bekannt dafür, sich auf ein Terrain zu wagen, wo Menschen aus subtropischen Gefilden eher die Ausnahme, denn die Regel darstellen. Den Startschuss zu dieser Erkundung des kalten Unbekannten gab Dudley Stokes, als er 1988 im Jamaika-Bob bei den Spielen in Calgary als Pilot an den Steuerseilen seine ersten Kilometer in einer Eisrinne zurücklegte. Stokes, mittlerweile 59 Jahre alt und in Jamaika so bekannt wie Andreas Gabalier in der Après-Ski-Szene, hat Benjamin Alexander inspiriert, erster Olympia-Starter im Alpinski für Jamaika zu werden. „Dudley, ein lieber Freund, sagte mir am Anfang, dass er viel Entschlossenheit, die Fähigkeit zu kämpfen, leiden und durchhalten würde, um nach Peking zu gelangen“, erzählte der 38-Jährige, „wenn ich auf die letzten 18 Monate zurückblicke, geht es in meiner Geschichte darum – um Widrigkeiten.“ Benjamin Alexander, ein von englischem Regen gestählter Brite aus Wellingborough, dessen Vater aus der Karibik stammt, musste sich für die Winterspiele erst qualifizieren, was erwartungsgemäß ein Problem darstellte. Erst einmal benötigte er ein Budget, er machte knapp 90 000 Euro locker, wobei er hofft, über Sponsoren einen Teil der Summe zu refinanzieren. Das war aber nur das erste Tor zu den Spielen, das zweite zu erwischen, war deutlich komplizierter.

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Um sich für Olympia zu qualifizieren, muss ein Skifahrer in der Fis-Rangliste unter 160 Punkten liegen. Der Wert setzt sich aus Rennpunkten aus mindestens fünf Starts bei von Ski-Weltverband Fis zugelassenen Rennen sowie dem platzabhängigen Zuschlag zusammen. Also veranstaltete der jamaikanische Verband in Liechtenstein (mit den Kapverden) nationale Meisterschaften. Alexander erreichte in den vier Rennen stets die Top Ten; dass maximal zehn Fahrer am Start waren, spielt für die Fis keine Rolle. „Diese Rennen waren völlig normal und äußerst fordernd“, erzählte Exoten-Skifahrer Hubertus von Hohenlohe, „ein paar Läufer brauchten noch ein Ergebnis, der aus Jamaika brauchte noch alle vier Ergebnisse. Er wurde jeweils Letzter.“ Aber Benjamin Alexander hatte damit alle Regularien beisammen, um einen Startplatz bei Olympia zu beanspruchen. Übrigens: Der 62 Jahre alte Jetset-Promi von Hohenlohe ist in Peking im Alpinsport als Nachrücker für Mexiko gemeldet.

Die Filmrechte an der Geschichte sind bereits verkauft

Für die einen ist das eine wunder bare Geschichte, für solche, die den Leistungsgedanken leben, eine Farce. In Österreich schäumten ein paar Menschen nicht vor Begeisterung, sondern vor Wut. „Die Experten sind sich einig, dass es da nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann“, wetterte Toni Giger, der Sportdirektor des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV), weil Alexanders Startplatz eine Einbuße für dessen Verband bedeutet hätte. Hätte, denn Weltverband Fis ließ mit sich reden und bei Felix Austria schien wieder die Sonne über den Pisten.

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Dudley Stokes war währenddessen auch nicht faul am Strand gelegen, er hat die Filmrechte verkauft und die Werbetrommel gerührt, Anfang Februar traf er sich mit seinem Schützling in London, um letzte Details zu besprechen. „Ich komme 20 Sekunden hinter dem Sieger ins Ziel. Aber die Teilnahme ist meine Goldmedaille“, sagte der jamaikanische Entdecker der alpinen Welt, der sich fühlt wie Roald Amundsen auf dem Weg zum Südpol. „Ich bin wie der Vogel am Anfang des Schwarms, der den Gegenwind aufnimmt, damit die anderen es einfacher haben“, sagte Benjamin Alexander. Mal sehen, ob noch andere Vögel aus Jamaika ins Winterquartier fliegen.