Das Haus Fehlatal in Burladingen. Im Jahr 2020 ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen zwei Mitarbeiterinnen und stellte ein Jahr später aber das Verfahren ein. Foto: Rapthel-Kieser

Nachdem die Heimaufsicht des Landratsamtes Tübingen über das BeneVit-Pflegeheim Blumenküche in Mössingen einen Aufnahmestopp verhängte, meldete sich jetzt eine Burladingerin, die wegen Missständen im Haus Fehlatal schon 2020 Anzeige gegen zwei Pflegekräfte erstattete.

Burladingen/Mössingen - Ihre Mutter litt damals an einer schweren Lungenkrankheit und war auf ein Sauerstoffgerät angewiesen, erzählt sie unserer Redaktion. Die Mutter hatte zudem Diabetes und war zunehmend verwirrt. Die Seniorin starb im Alter von 76 Jahren im Januar 2020. Die Tochter, selber im Pflegebereich beschäftigt, wandte sich aber wegen fahrlässiger Tötung und unterlassene Hilfeleistung zuerst an die Polizei und dann an die Heimaufsicht.

"Tod nicht sicher vermeidbar"

Der Vorwurf: Das verantwortliche Pflegepersonal im Haus Fehlatal hätte fahrlässig gehandelt, habe die Mutter, die in einem sehr kritischen Zustand war, zu spät ins Krankenhaus einweisen lassen. Dass der Notarzt zu spät hinzugezogen worden war, wurde von der Staatsanwaltschaft Hechingen teilweise bestätigt.

Trotzdem wurde das Verfahren gegen die beiden zuständigen Pflegekräfte nach langen kriminalpolizeilichen Ermittlungen im Mai 2021 eingestellt. Die Begründung: "…der Tod wäre auch bei einer früheren Verständigung des Arztes und einem früheren Therapieansatz nicht sicher vermeidbar gewesen".

Pflegedokumentation ergab gravierende Mängel

Die Heimaufsicht des Landratsamtes kommentierte damals nach ihrer Überprüfung: "Die Auswertung der Pflegedokumentation ergab aber zum Teil gravierende Mängel. Es sind Mängel in der Dokumentation festzustellen und darauf ist auf ein nicht immer situationsgerechtes und konsequentes Handeln des Pflegepersonals zu schließen".

Was die Heimaufsicht feststellte, war, dass das Sauerstoffgerät, auf das die Seniorin angewiesen war, wohl nicht oft und lange genug angeschlossen worden war, dass wohl auch weder Gewicht noch Blutzuckerwerte regelmäßig überprüft worden waren. So wurde laut Pflegedokumentation 14 Tage lang kein Blutdruck gemessen, zwei Monate lang kein Gewicht erfasst. Auch die Pulsmessung und die Insulinvorgaben sollen nicht immer den ärztlichen Vorgaben entsprochen haben.

Nicht immer war die Präsenzkraft da

Hinzu kommt, dass im Haus Fehlatal im Januar 2020 die personelle Besetzung wohl auf Kante genäht war. Die Heimaufsicht stellte fest: "Die Fachkraftquote lag im Januar 2020 nur knapp über 40 Prozent. Die Dienste der Pflegekräfte konnten im Januar und Februar nur ausreichend besetzt werden, da die Pflegedienstleitung mit in der Pflege beschäftigt war. Die Wohnungen waren im Januar nicht durchgehend alle mit einer Präsenzkraft besetzt. Überwiegend im Strickerstüble waren einzelne Dienste nicht besetzt". Im Februar 2020 habe die Fachkraftquote dann wieder bei den gesetzlich vorgeschriebenen 50 Prozent gelegen.

Oft stark durchnässt mit Urin

Auch mit der Tagespflege der BeneVit im Ärztehaus, die das Unternehmen inzwischen aufgegeben hat, war die Tochter der verstorbenen 76-Jährigen nicht sehr zufrieden. Dort war ihre Schwiegermutter untergebracht. Die Familie beschwerte sich über Missstände, unter anderem, dass die Mutter oft stark durchnässt mit Urin nach Hause gebracht worden sei. "Auf Nachfrage, wie es denn sein kann, dass bei einer Packung Windeln mit 24 Stück, die ich im August 2020 für sie abgegeben habe, bis im Juli 2021 noch keine neue Packung bei uns angefordert wurde, obwohl sie mindestens vier bis fünf täglich benötigt, bekamen wir nach zweimaliger Beschwerde die Kündigung für den Tagespflegeplatz mit der Begründung sie wäre zu aufwendig in der Pflege".

Das sagt Benevit zu den Vorwürfen

Auf Anfrage unserer Redaktion betont das Unternehmen BeneVit, es habe im Winter 2020 alle Unterlagen, die zur Aufklärung beitragen konnten, der Heimaufsicht sowie der ermittelnden Polizei zur Verfügung gestellt und jede Unterstützung zur Aufklärung der Sachverhalte gewährt und es verweist darauf, dass die polizeilichen Ermittlungen eingestellt wurden. Weiter heißt es in der Stellungnahme: "Alle Häuser der BeneVit Gruppe werden in der Regel in einem sechswöchentlichen Turnus durch unser internes Qualitätsmanagement geprüft. Hinzu kommen Prüfungen durch Heimaufsichten, medizinischen Dienste der Krankenkassen, Gesundheitsämter, Lebensmittelüberwachung, Berufsgenossenschaft und so weiter. Die sich daraus ergebenden Maßnahmen wurden und werden umgesetzt, seien dies zusätzliche Schulungen, notfalls aber auch personalrechtliche Konsequenzen". Neben der Auflistung kleinerer Mängel hätten die prüfenden Instanzen der BeneVit Gruppe festgestellt, dass der Personaleinsatz eingehalten wurde und die Bewohner gut versorgt waren. Die Kritik der Behörden beziehe sich vornehmlich auf eine in Teilen nicht vollständige Dokumentation. Die Mitarbeitenden seien in diesem Bereich deshalb nachgeschult worden.

INFO

Im September hatte die Heimaufsicht des Landratsamtes Tübingen für das Mössinger Haus Blumenküche der BeneVit einen Aufnahmestopp verhängt um die Zahl der Senioren und Seniorinnen auf 50 zu beschränken. Dort hatten sich Angehörige massiv über unhaltbare Zustände beschwert. Bei teilweise unangekündigten Kontrollen der Heimaufsicht wurde unter anderem festgestellt, dass eine Bewohnerin wegen eines Wasserschadens im Erdgeschoss bei 39 Grad Hitze unter dem Dach ohne Wasser und Klingel einquartiert worden war. Bei anderen Begehungen kritisierten die Kontrolleure dreckige Bettwäsche, Fenster, die sich nicht öffnen ließen, fehlende Klingelknöpfe und durchgesessene Möbel. Den Bewohnern wären zudem zuwenig Vollkornprodukte, kaum Hülsenfrüchte oder Obst und Gemüse angeboten worden, die Portionen seien zudem zu klein gewesen. Bei Diabetespatienten wurde der Blutuckerspiegel nicht regelmäßig kontrolliert.