Die zehnjährige Sofiia beeindruckt durch ihre Rezitation des Gedichts "Kann man das verzeihen?", bei der sie vom Pianisten Bafi begleitet wird. Foto: Tröger

Gechingen ist einfach Klasse! Das darf mit Fug und Recht nach dem Benefizkonzert für die Ukraine behauptet werden.

Gechingen - Die Mischung aus feiner Chormusik, exzellenten Piano-Soli, eindrücklicher Rezitation und Situationsberichten sorgte für vielfältige Emotionen und hat am Samstagabend keinen der vielen Besucher in der Gemeindehalle unberührt zurückgelassen.

Corona macht Pläne mehrmals zunichte

Die Idee eines gemeinsamen Konzerts hatten die beiden Veranstalter – der Internationale Kulturverein (IKV) und der Chor TonArt im Liederkranz – schon länger, aber immer kam was dazwischen, zuletzt mehrfach Corona. Die aktuelle Situation mit dem Krieg in der Ukraine und Flüchtlingen, die auch in Gechingen eine Heimat auf Zeit gefunden haben, brachten Gerhard Mörk, den Vorsitzenden des IKV, auf die Idee eines Benefizkonzerts. Die Idee wurde konkret, fand offene Ohren und brachte jetzt zum Konzert TonArt, das Frauen-Quartett "Gäutastics", den Kirchenchor Neuhengstett-Ottenbronn sowie die Klavier-Solisten Swetlana Kramskaya aus der Ukraine und den Iraner Nima Farahmand Bafi zusammen.

"Prayer for Ukraine" wird zur geistlichen Hymne

TonArt präsentierte "eine kleine Auswahl unserer Lieblingsstücke", wie Bettina Schöttmer, TonArtlerin und Vorsitzende des Freundeskreis Asyl in Gechingen, in ihrer Moderation ankündigte: "Stand by me", "Make you feel my love", "Viva la vida" zum Beispiel und "Tears in Heaven". Lieder, in denen es um Lebensfreude, Gemeinschaft und Zusammenhalt ging. Die "Gäutastics" sangen das als patriotisches Lied 1885 erschienene "Prayer for Ukraine" in der Originalsprache. Es wurde bald zum Kirchenlied und zur geistlichen Hymne der Ukraine.

Pianist widmet seine Eigenkomposition den Frauen im Iran

Der Pianist Nima Farahmand Bafi lebt heute in Althengstett, er hat akademische Abschlüsse in Physik und Musik. Beim Konzert begleitete er TonArt und "Gäutastics" am Flügel. Sein Solo, die sinnliche Eigenkomposition "Persische Fantasie", widmete er auch den Frauen in seinem Heimatland, die derzeit für ihre Menschenrechte kämpfen.

Die ukrainische Pianistin Swetlana Kramskaya kam mit ihrer Familie in Neuhengstett unter. Im dortigen Kirchenchor hat sie eine neue musikalische Heimat gefunden, begleitet den Chor, komponiert und tritt als Solistin auf. Sie präsentierte ihre facettenreiche Eigenkomposition "Erinnerung".

Stimmgewaltiges Finale

"Friedenslieder" war die Überschrift über dem Auftritt des Kirchenchors Neuhengstett-Ottenbronn, den Kramskaya begleitete. "Liebe bist du, die stark und ewig liebt und überfließt auf den, der dich betrübt", heißt es im Lied "Lob, Anbetung, Ruhm und Ehre". Die wunderschöne Ballade "Gabriellas Lied" aus dem schwedischen Film "Im Himmel" sang der Chor unter Leitung von Evelyn Kurzmann auch für die Frauen im Iran, die derzeit für ihre selbstbestimmte Freiheit kämpfen. Die Hymne der Schwarzen- und Friedensbewegung aus den 1960er- und 1970er-Jahren sang der Chor gemeinsam mit dem ganzen Saal und zum "Irish Blessing", dem irischen Segen, gesellte sich TonArt zum Kirchenchor auf die Bühne – ein wahrlich stimmgewaltiges Finale des überaus kurzweiligen Konzertabends.

Zehnjährige Ukrainerin sorgt für Gänsehautmomente

Eingebettet in die Auftritte der Chöre und der Solisten war der Auftritt der zehnjährigen Sofiia Voloshyna, die mit ihrer Mutter in Gechingen eine neue Heimat gefunden hat, der emotionale Höhepunkt des Benefizkonzerts. Soffiia hat ein Gedicht der Grundschullehrerin Tatjana Strokach vorgetragen. Sie sammelte seit dem Beginn des Krieges Aussagen, Gefühle und Geschichten der Schulkinder und verarbeitet sie in ihren Werken. Sofiia liebt Literatur und Gedichte und sie lebte förmlich die Aussagekraft des Gedichts "Kann das vergeben werden?", das sie in ihrer Muttersprache vortrug: "Du hast mein Haus genommen. Ich werde nie wieder lächeln, weil es keine Mutter und keinen Vater gibt…Kann man das verzeihen?"

Derzeit 25 ukrainische Flüchtlinge im Ort untergekommen

Der Anlass des Benefizkonzerts war jedenfalls kein fröhlicher, ganz sicher nicht. Krieg, Flucht, Tod und Verwüstung sind aktuell Themen, die die Herzen vieler Menschen schwer machen. Jedoch setzte der Abend auch Zeichen von Hoffnung, von gutem Miteinander, von Hilfe in der Not. Bettina Schöttmer berichtete von ihren Erlebnissen in der Begleitung der derzeit 25 ukrainischen Flüchtlingen, die in Gechingen untergekommen sind und kommt zum Resümee: "Gechingen ist einfach Klasse!", weil den Neuankömmlingen viel spontane und unkomplizierte Hilfe von Seiten der Bevölkerung und der Gemeindeverwaltung entgegengebracht werden.