Heute ist noch der Grundriss der Klosterkirche in Hirsau zu erkennen. Foto: Günther Bayerl

Am 2. Mai 1091, vor 930 Jahren, wurde die Kirche des Benediktinerklosters in Hirsau geweiht. Auf dem heutigen Ruinengelände ist noch der Grundriss dieser Klosterkirche zu erkennen, die in neun Jahren Bauzeit entstanden war. Einen Überblick über die Geschichte geben die staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg.

Calw-Hirsau - Das alte Kloster auf der anderen Nagoldseite war noch dem heiligen Aurelius gewidmet, dessen Reliquien dort verehrt wurden. Zwar riss seine Verehrung nicht ab, doch gehörte dem neuen Kloster mit dem Namen der beiden Apostel die Zukunft: Hier wurden die ursprünglichen klösterlichen Ideale gelebt. Die Abtei zählte bald zu den bedeutendsten Reformklöstern im deutschen Südwesten.

Das erste Kloster in Hirsau wurde um 830 von dem Grafen Erlafried gegründet. Dessen Sohn Noting war Bischof im norditalienischen Vercelli und brachte die Überreste des heiligen Aurelius – ein armenischer Bischof, der 475 in Mailand gestorben war – nach Hirsau. Hier wurden die Reliquien in einer ihm geweihten Kirche verehrt. Im 10. Jahrhundert verfiel das Kloster und die Gebeine des Aurelius gingen verloren. Während eines Besuchs ordnete Papst Leo IX. 1049 an, die Gebeine des Heiligen zu suchen – mit Erfolg. Die Reliquien wurden gefunden. Zehn Jahre später begann der Wiederaufbau des Klosters.

Askese, Disziplin und unbedingter Gehorsam prägen den Alltag der Mönch

Der gewählte Bauort lag allerdings im Überschwemmungsgebiet der Nagold, was in den Folgejahren immer wieder zu Problemen führen sollte. Dennoch konnte die massive Klosterkirche mitsamt angeschlossenem Kloster am 4. September 1071 geweiht werden. Damals leitete der charismatische Abt Wilhelm (um 1030-1091) das Kloster, der mit der Reformbewegung von Cluny sympathisierte. Die Benediktinerabtei in der französischen Region Bourgogne stand für eine Erneuerung des Klosterlebens: Statt weltlicher Genüsse sollte die Regel des heiligen Benedikt wieder in den Mittelpunkt gerückt werden: Askese, Disziplin und unbedingter Gehorsam prägten den Alltag der Mönche. Abt Wilhelm hielt sich damit an das Vorbild von Cluny – und verschaffte seiner Abtei eine große Anziehungskraft.

Abt Wilhelm verfasste auch eine eigene Klosterregel, die "Constitutiones Hirsaugiensis", in Anlehnung an die Reformbewegung von Cluny. Das Aureliuskloster wurde rasch zu klein, ein modernerer Neubau auf einem geschützten Plateau oberhalb der Nagold sollte Abhilfe schaffen. 1082 begannen die Mönche mit dem Bau, am 2. Mai 1091 weihte Abt Wilhelm die Klosterkirche.

Das Herzstück bildet eine dreischiffige Basilika mit einer Länge von 70 Metern

Als namensgebende Heilige für das neue Kloster und dessen Kirche wurden Petrus und Paulus gewählt. Damit unterstrich die Hirsauer Abtei ihre geistige Zugehörigkeit zum Klosterverbund Cluny, in dem alle Kirchen den beiden Aposteln geweiht waren.

Die Fertigstellung des neuen Klosters in Hirsau 1092 durfte Abt Wilhelm nicht mehr erleben: Zwei Monate nach der Kirchenweihe starb der große Vordenker. Das Peter-und-Pauls-Kloster entwickelte sich in den kommenden Jahrzehnten zu einem Vorbild und Motor klösterlicher Erneuerung im Südwesten. Auch architektonisch war die Anlage eindrucksvoll. Das Herzstück bildete eine dreischiffige Basilika mit einer Länge von 70 Metern, an deren Westseite ab 1120 zwei Glockentürme standen. Sorgfältig geplante und angelegte Wohngebäude für die Mönche und die Laienbrüder gehörten ebenso zu dem Komplex wie verschiedene Wirtschaftsgebäude.

Die Klosterkirche St. Peter und Paul wurde aus rotem Buntsandstein errichtet. Durchweg wirkte der gesamte Bau sehr schlicht und hatte lediglich Würfelkapitelle, deren obere Zone mit Schuppenmustern verziert war.

In ihrem konsequenten Verzicht auf Malerei und figürlicher Plastik spiegelte die Klosterkirche die Hinwendung der Hirsauer Mönche zu den ursprünglichen Idealen des Christentums wie Armut, Spiritualität und Frömmigkeit wider und wurde so zum Vorbild für etwa 120 weitere Klöster.

Eine Vorkirche und eine Doppelturmanlage bildeten den Abschluss der Kirche nach Westen. 1692 wurden die Gebäude der Klosteranlage durch französische Truppen im Pfälzischen Erbfolgekrieg zerstört. Lediglich der nördliche Glockenturm, genannt Eulenturm, ist heute noch erhalten.

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