Auf einem Ausflugsboot mit 50 Jugendlichen an Bord gibt es unterschiedliche Reaktionen auf ein Missgeschick. Ein weiterer Teil unserer Serie „Lauschangriff“, in der wir Gespräche von Fremden aufschnappen.
Es gibt Momente, in denen kann man gut nachvollziehen, warum manche Leute klaustrophobisch werden. Unser Kammerspiel trägt sich auf einem Ausflugsboot im französischen Straßburg zu. Das Boot ist rundum verglast, doch ohne Fenster, die zu öffnen wären. Wir schippern schamlos touristisch durch die Kanäle, zusammen mit 50 deutschen Schülern auf Klassenfahrt und einigen Familien. Das Boot passiert den malerischen Stadtteil Petite France, wo die Schüler erfahren, dass dieser nach der Geschlechtskrankheit Syphilis benannt ist, als plötzlich zwei Reihen vor uns ein kleiner Tumult entsteht. Eine Mutter springt mit einem Kind an der Hand auf, das pubertäre Gekicher über die Syphilis verstummt, zwei Jugendliche kreischen. Ohne zu sehen, was los ist, entsteht schnell ein olfaktorisch eindeutiger Eindruck: Ein Jugendlicher hat sich auf seinem Platz übergeben.
Kaum einer kann sich noch auf Petite France konzentrieren
Blöd, denn diese Schiffsreise hat soeben erst begonnen, Zwischenhalte sind nicht möglich, und die Fahrt dauert noch eine gute Stunde. Die Passagiere halten sich die Nasen, schauen sich um. Leider lässt sich nicht lüften. Das ist der Moment, in dem die klaustrophobischen Gedanken aufkommen könnten. Blicke gehen nach hinten, dort gibt es eine einzige Behelfstoilette für 130 Passagiere.
„Hier, nehmen Sie“, sagt eine Frau zu den Eltern des von Übelkeit geplagten Jugendlichen, er gehört nicht zur Schülergruppe. Die Frau reicht dem Vater ein Päckchen Taschentücher. „Nicht hingucken!“, sagt eine Mutter ihrem Kind, „einfach nicht hingucken.“ Beider Blick geht steil durchs Fenster zum Vauban-Staudamm, der sich seit 1681 nicht beeindrucken lässt von menschlichen Unpässlichkeiten. Ein guter Anker für den Blick. „Die Barrage Vauban flutete 1870 während der Belagerung der Stadt die flussaufwärts gelegenen Viertel“, hört man und hört es nicht. „Patrick, bei dir alles okay?“, ruft eine Stimme laut über die Reihen, offenbar die der Lehrerin. Ein Junge mit Brille grinst, er sitzt direkt hinter dem Ort des Missgeschicks. „Ich bin schmerzfrei“, sagt Patrick. „Ich habe zwei Katzen, ich kenne das mit dem Kotzen.“
Schüler versprühen panisch ihr Deo im Boot
„Amelie, hinten gibt es ein Klo!“, schreit die Lehrerin dann, mit Blick auf ein sehr blasses Mädchen. „Bitte ins Klo gehen, wenn es euch schlecht wird. Ich putz heute nichts mehr!“ „Pfff“, hört man von weiter hinten. Einige Schüler versprühen Deo. „Jetzt ist es mal gut, dass ihr immer so viel Zeug dabei habt“, sagt die Lehrerin. Ein Kind rennt zur Toilette. „Oh nein, nicht der auch noch“, ruft wer.
Eine Mitarbeiterin der Bootsgesellschaft eilt herbei mit Tüchern und Plastiktüten. Ob man nicht doch irgendwo aufmachen könnte, fragt die Lehrerin, „ça pue vraiment fort“ – es stinkt sehr stark. Die Mitarbeiterin versucht, ganz hinten, zwei Scheiben doch ein wenig aufzuschieben, so geht Völkerverständigung.
„Wie widerlich, ich schwör!“
„Alter, das ist so übel. Kotz bitte in Laras Richtung“, sagt ein Schüler. „Wie widerlich, ich schwör!“ Ein Mädchen checkt unberührt ihr Instagram. In diesem Moment beginnt es zu regnen, man sieht nun gar nichts mehr durch die Wasserschlieren auf den Fenstern. Das Klo ist dauerbesetzt, bis kurz vor Ende der Fahrt, und als das Boot an den prachtvollen Jahrhundertwendehäusern der Neustadt vorbeikommt, sagt ein Mann, als wäre nichts: „Das ist sehr interessant, diese wilhelminische Neugestaltung.“
Lauschangriff In loser Folge erzählen wir in unserer Serie von Gesprächen aus dem Alltag, die nicht zu überhören sind.