Die baden-württembergische Justizministerin Marion Gentges (links) überreichte in Müllheim im Namen von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland an das Ehepaar Inge und Rolf Schuhbauer. Foto: Dorothee Philipp

Die baden-württembergische Justizministerin Marion Gentges hat dem Ehepaar Inge und Rolf Schuhbauer aus Müllheim den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland überreicht.

Bürgermeister Martin Löffler begrüßte am Donnerstagabend die Gäste im Markgräfler Museum Müllheim und lenkte den Blick auf die „außerordentlichen Verdienste“ des Ehepaars für die Stadt und darüber hinaus.

 

Das Lebenswerk der Schuhbauers umfasst über fünf Jahrzehnte Einsatz für Mitmenschen auf vielen Gebieten. Einzigartig ist dabei die Leistung, die mit der Erforschung und Dokumentation der Lebensgeschichten der von den Nazis verschleppten und ermordeten jüdischen Einwohner Müllheims verbunden ist. Schon vor dieser Ehrung würdigte das Land Baden-Württemberg das Wirken des Ehepaars im Jahr 2005 mit der Staufermedaille und die Stadt Müllheim 2023 mit dem Ehrendekanter, der höchsten Auszeichnung, die sie zu vergeben hat.

Gentges überbrachte die Auszeichnung im Namen von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. In ihrer Laudatio wurde deutlich, dass hier das Wort Lebenswerk wirklich das ganze Leben der Geehrten betrifft, die neben ihren Berufen als Erzieherin und Kita-Leiterin sowie Gymnasiallehrer und später stellvertretender Direktor am Markgräfler Gymnasium Privatleben und Freizeit in den Dienst dieser selbst gewählten Aufgaben gestellt haben.

Mit viel Fingerspitzengefühl

Gentges würdigte Inge Schuhbauers Einsatz für Obdachlose in Freiburg, für Exilflüchtlinge aus Osteuropa, als langjährige Leiterin des Altenwerks und als Lernpatin für benachteiligte Grundschulkinder. In der Unterkunft für ausgewanderte Russlanddeutsche am Zielberg war sie jahrelang eine wichtige Ansprechpartnerin, organisierte Leseabende und Vorträge, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Als der damalige Bürgermeister Hans-Peter Sänger 1984 beschloss, ehemalige jüdische Mitbürger, die die Shoa überlebt hatten und in viele Länder ausgewandert waren, sowie ihre Nachkommen nach Müllheim einzuladen, stand das Ehepaar Schuhbauer in vorderster Reihe des Vorbereitungskreises, dessen Arbeit mit einem erfolgreichen ersten Treffen dieser Familien 1987 in Müllheim belohnt wurde.

Begleitend dazu gab es eine Ausstellung, Fahrten zu jüdischen Institutionen und eine Vortragsreihe. Viel Fingerspitzengefühl war notwendig, um Vertrauen zu diesen Menschen aufzubauen, deren Lebensgeschichte so brutal zerrissen worden war.

Ein Standardwerk in der Forschung geschaffen

Die Recherchen und Erkenntnisse aus diesem Projekt fanden dann ihren Niederschlag in dem von Rolf Schuhbauer mit akribischer Sorgfalt und großer Empathie zusammengestellten Buch „Nehmt dieses kleine Heimatstück“, das inzwischen laut Gentges zu einem unverzichtbaren Standardwerk in der Forschung zur Geschichte der Juden in Deutschland in den Jahren 1933 bis 1945 geworden ist.

„Sie haben die Opfer aus der Anonymität geholt und ihnen Namen, Geschichte und Biografien wiedergegeben“, sagte Gentges. Es habe in Müllheim auch Leute gegeben, die die Schuhbauers deswegen dagegen angegangen haben, stellte Gentges fest.

Zu der Feierstunde war auch François Blum gekommen, der Vorsitzende des Vereins „Nachkommen, Verwandte und Freunde der Mitglieder der ehemaligen israelitischen Gemeinde Freiburg“. „Mit dem Gedenken wird ein Stück verloren gegangene Heimat gewürdigt“, sagte Blum in seinem Grußwort.

Er erinnerte auch an den 2012 verstorbenen Günter Boll, den langjährigen Freund von Inge und Rolf Schuhbauer, der mit ihnen zusammen über viele Jahre hinweg intensiv die Geschichte der ausgelöschten jüdischen Gemeinde in Müllheim rekonstruiert hatte.

Engagement für Zivi-Haus

Blum erinnerte auch daran, dass ohne das Engagement der Schuhbauers das so genannte Zivi-Haus in Müllheim schon zerstört wäre, nach dem Abriss der Synagoge 1968 das einzige Gebäude in Müllheim, das an die jüdische Bevölkerung erinnert. Inzwischen gibt es Pläne, das Zivi-Haus als Gedenkort wieder zugänglich zu machen.

Ein Grußwort sprach auch Hans-Georg von Rantzau, ein ehemaliger Schüler Rolf Schuhbauers aus der Mosbacher Zeit. Aus Baden-Baden eigens angereist war auch René Lohs, von 2003 bis 2011 Bürgermeister in Müllheim, in dessen Amtszeit das Projekt der Stolpersteine begonnen wurde.