Christian Fleischhaker ist seit 2020 kommissarischer Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Foto:  

Für den Neubau der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Freiburg hat das Land Baden-Württemberg 40 Millionen Euro bereit gestellt.

Die baden-württembergische Landesregierung hat Ende vergangenen Jahres 40 Millionen Euro aus dem Sondervermögen des Bundes für den Neubau der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Freiburger Uniklinik zur Verfügung gestellt. Deren kommissarischer Ärztlicher Direktor Christian Fleischhaker betont im Gespräch mit unserer Redaktion, dass es mit dem Geld allein nicht getan sei. Der Bau müsse auch schnellstmöglich umgesetzt werden.

 

Herr Professor Fleischhaker, 40 Millionen vom Land sind ein starkes Signal. Die Not in Freiburg ist schon länger bekannt. Warum kam das Geld nicht schon vorher?

Wir sind tatsächlich sehr dankbar, dass das Land die Not hier im Breisgau jetzt anerkannt hat und auch etwas unternimmt. Aber das ist nur ein erster Schritt. Jetzt müssen wir zusehen, dass wir nicht so lange brauchen, wie zum Beispiel bei der neuen Kinder- und Jugendklinik der Uniklinik, die nach langem Vorlauf und sechs Jahren Bauzeit 2024 in Betrieb genommen wurde. Wir brauchen eine schnellere Umsetzung.

Ein Grund für die Eile ist sicher die massive Zunahme psychischer Probleme bei Kindern und Jugendlichen?

Wir haben überall im Land eine drastische Zunahme der Fallzahlen, vor allem bei Depressionen, Angst- und Essstörungen. In Freiburg haben wir derzeit eine Warteliste mit rund 130 Kindern und Jugendlichen, die eine teilstationäre oder stationäre psychiatrische Behandlung benötigen. Gleichzeitig verfügt Freiburg über die am schlechtesten ausgestattete Spezialklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Baden-Württemberg.

Warum ist das so?

Das ist historisch gewachsen. Als ich vor knapp 30 Jahren aus Hessen hierherkam, war ich überrascht, dass hier nur etwa halb so viele Ressourcen für Jugendliche unter 18 Jahren in der psychiatrischen Versorgung zur Verfügung standen wie in Hessen. Ein Problem ist sicher, dass wir als Uniklinik für Bauvorhaben auf Mittel aus dem Finanzministerium angewiesen sind. Dort konkurrieren viele Projekte miteinander, und der Bau- und Sanierungsstau ist enorm.

Man sagt, dass mittlerweile 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland von psychischen Störungen betroffen sind. Warum?

Die Fallzahlen sind in den vergangenen fünf bis zehn Jahren regelrecht explodiert. Als ich vor 35 Jahren im Fach Kinderpsychiatrie anfing, hatten wir vielleicht zwei Fälle von schwer depressiven Jugendlichen pro Jahr. Heute sind es dauerhaft rund 15. Dafür gibt es viele Ursachen: Kinder und Jugendliche sorgen sich zunehmend um ihre Zukunftsperspektiven. Dazu kommen Krieg in Europa, Umweltveränderungen und -katastrophen sowie als Brandbeschleuniger die digitalen Medien. Auch Familien- und Schulstrukturen haben sich stark verändert.

Welche Rolle spielen die Folgen der Corona-Pandemie?

Es gibt eine Vielzahl von Risikofaktoren, psychisch zu erkranken. Die Covid-Zeit hat das bestätigt. Kinder aus wirtschaftlich schwachen Familien mit geringen Ressourcen, hatten ein deutlich höheres Risiko, an einer psychischen Störung zu erkranken. Wenn zusätzlich ein positives, wertschätzendes Familienklima fehlte, verstärkte das die Belastung enorm. Das kann sich angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise noch verschärfen. Für andere Kinder war die Corona-Zeit dagegen weniger schwierig: Manche mit leichten sozialphobischen Tendenzen haben eher profitiert.

Über die möglichen negativen Folgen von sozialen Medien wird viel diskutiert. Welche Gefahren sehen Sie für die seelische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen?

Ich finde, was die Australier jetzt versuchen umzusetzen, ist ausgesprochen vernünftig, nämlich Social-Media-Plattformen für unter 16-Jährige zu verbieten. Wir müssen vor allem im schulischen Kontext viel mehr tun, denn dort gibt es beispielsweise durch Mobbing große Risiken.

Zur Person

Christian Fleischhaker
wurde 1964 im hessischen Darmstadt geboren und studierte von 1985 bis 1992 Medizin in Marburg. Dort begann auch seine Karriere in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik. 1998 wechselte er nach Freiburg, seit 2020 ist er kommissarischer Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören unter anderem die Diagnose und Therapie von Essstörungen, Psychosen und ADHS. Außerdem forscht er zu Themen wie Depressionen und Borderline-Erkrankungen.