Zwölf Bücher hat Walter Caroli bisher veröffentlicht. Im nächsten Buch geht es um die Geschichte von Burgheim. Foto: Baublies

"Politik war nie alles", sagte Walter Caroli einmal über sich selbst. Nach einer Krankheitsphase ist er wieder so aktiv und engagiert wie eh und je. Am Dienstag wird der frühere Landtagsabgeordnete und Stadtrat 80 Jahre alt.

Herr Caroli, Sie waren Lehrer und Politiker, Sie engagieren sich für den Naturschutz und sind ungeheuer fleißig als Autor und Lokalhistoriker. Außerdem sind oder waren Sie Vorsitzender mehrerer Vereine. Woher kommt diese Energie?

Das ist schwer zu sagen. Sie ist erst nach dem 20. Lebensjahr gekommen. Seither bin ich sehr umtriebig. Ich bin ein Mensch, der frühmorgens aufsteht, spät ins Bett geht und den ganzen Tag Pläne verwirklicht. Es muss bei mit immer etwas los sein, es muss stets Aktivität da sein. Es ist mein Lebenselixier, dass ich den ganzen Tag verplane. Vielleicht bin ich auch deshalb relativ jung geblieben, jung im Geiste.

Woher kommt das breite Interesse?

Man kann sagen, dass mir manche Dinge zugeflogen sind. Dass ich mich für etwas interessierte und das Interesse dann so groß war, dass ich dabeigeblieben bin. Nach einer gewissen Zeit ist dann immer eine Art Gewöhnung eingetreten, dann musste etwas Neues her. Das gilt auch für den Beruf. Von 1964 bis 1992 war ich mit Leidenschaft im Schuldienst und liebte diesen Beruf. Jedoch nach vielen Jahren merkte ich, das ist ja immer das gleiche, was ich da mache. Deshalb war der Abgang in die Politik sehr wohl gewollt. Aber auch dort ereilte es mich. Nach 18 Jahren im Landtag dachte ich: Eigentlich kennst du das alles schon. Dann kam das Engagement für den Naturschutz, und parallel dazu habe ich das aufgegriffen, was mich schon immer bewegte, nämlich das Schreiben historischer Bücher. Ganz wichtig war und ist mir das Engagement für Menschen mit Behinderungen. Seit mehreren Jahrzehnten setze ich mich für das Miteinander auf Augenhöhe zwischen Behinderten und Nichtbehinderten ein.

Wie sind Sie zur Politik und zur SPD gekommen?

Ich war beeinflusst von der Studentenbewegung der 1968er-Jahre. Ein gewisser Gerechtigkeitssinn war da, auch schon früh ein Engagement für die Umwelt. Ich habe in der SPD die Partei gesehen, die drei Säulen miteinander verbinden kann: Ökonomie, Ökologie und Soziales. Von 1964 bis 1970 war ich Lehrer in Kippenheim, und als ich 1970 wieder nach Lahr in die alte Heimat gekommen bin und beruflich zur Realschule wechselte, trat ich sofort in die SPD ein. Kurz danach hatte ich das erste politische Amt. 1972 wurde ich stellvertretender Ortsvereinsvorsitzender, und dann ging es Schlag auf Schlag.

Welche Schwerpunkte haben Sie in der Landespolitik gesetzt?

Die Umwelt- und die Bildungspolitik waren mir besonders wichtig. Aber auch die Politik für den ländlichen Raum, die ich hier im Wahlkreis intensiv betrieben habe. Das war mit Sicherheit auch zum Wohl der Schwarzwaldtäler, für die mich sehr engagiert habe, im Schuttertal, im Kinzigtal, im Gutachtal oder im Wolftal. Auch der Naturschutz war wichtig. Ich war der naturschutzpolitische Sprecher der Landtagsfraktion, ich war im Landesnaturschutzbeirat und im Landtag der allgemein geachtete Ansprechpartner für dieses Thema. Mein besonderes Metier war die Umweltpolitik, bei der ich unter anderem als Vorsitzender des Umweltausschusses Akzente setzen konnte.

Sie waren 45 Jahre im Gemeinderat. Was hat sich verändert im Vergleich zwischen 1975 und 2020?

Im Gemeinderat ist es wesentlich ruhiger geworden, sittsamer. In meinen ersten Jahren nach 1975 ersten Jahren sind die Fetzen geflogen, da war richtig etwas los. Ich erinnere an die gerichtliche Auseinandersetzung zwischen mir und dem CDU-Fraktionsvorsitzenden Josef Rieger und Rainer Haungs. Es ging um Beleidigung: Jeder hat einen Anwalt genommen, das ging bis vors Landgericht. Heute finde ich das seltsam, aber damals hat es Aufsehen erregt. Dabei verstand ich mich mit den Kontrahenten, mit denen ich vor Gericht gestanden bin, persönlich ziemlich gut. Mit Rainer Haungs war ich fast befreundet, und mit Josef Rieger hatte ich ein außerordentlich gutes Verhältnis, geprägt von gegenseitigem, höchstem Respekt. Ich mochte Leute, die kantig sind und sich voll für ihre Ideen eingesetzt haben, direkt heraus, forsch und aggressiv waren – das reizte mich zur Auseinandersetzung. Im persönlichen Bereich konnte ich mit denen durchaus gut auskommen.

Wie haben Sie die Oberbürgermeister in Ihrer Zeit als Stadtrat erlebt?

Jeder war anders und auf die jeweilige Art recht interessant. Bei Philipp Brucker und Werner Dietz gab es eine Gemeinsamkeit: Wenn man sie besuchte, kam man nicht weiter als bis zu einem halben Satz. Danach haben die beiden selber weitergesprochen. Sie wussten aber auch sofort, was man wollte, ob es stimmte oder nicht. Man kam jedenfalls schlichtweg nicht zu Wort. Das war bei Wolfgang G. Müller anders. Aber ob man mit seinem Ansinnen auch tatsächlich gelandet ist, ist eine ganz andere Frage.

Bereuen Sie es, dass Sie im Gemeinderat nicht mehr mitmischen können? Es juckt Sie manchmal wahrscheinlich schon.

Ich spüre, dass ich, wenn ich jetzt noch im Gemeinderat wäre, sehr wohl dazugehören würde und noch wesentliche Beiträge leisten könnte. Nur finde ich es absolut richtig, dass ich rausgegangen bin: Man wird irgendwann zum Klugscheißer. Im Klartext: Jeder weiß, der ist schon ewig dabei und kennt sich sehr gut aus. Das führt zu Hemmungen und zu Aggressionen vor allem dann, wenn man lange Ausführungen macht. Ich finde die jetzige Situation gar nicht schlecht, von außen die Dinge zu beobachten und ab und zu auch Impulse zu geben.

Wie sind Sie zum Naturschutz gekommen?

Die Zukunft der Erde hängt auch davon ab, dass wir die Artenvielfalt bewahren und im Einklang mit der Natur leben. Das war eine frühe Erkenntnis, die ich hatte und mich von Anfang an, auch in der Politik, begleitet hat. Ich erinnere mich an das erste Kommunalwahlprogramm, das ich mitgeschrieben haben. Ich bin 1971 in die SPD eingetreten und wurde 1975 zum ersten Mal in den Gemeinderat gewählt. Ich habe am damaligen Kommunalwahlprogramm mitgestrickt, eine wichtige Forderung dabei: "Hände weg vom Schutterlindenberg!". Da wollten einige mitten in ein Wäldchen hineinbauen. Schon damals habe ich versucht, Natur und Landschaft zu schützen und in Einklang mit sozialen und ökonomischen Fragen zu bringen.

Wie viele Bücher haben Sie inzwischen geschrieben?

Zwölf sind es bisher, zuletzt ist der Text-/Bildband über den Langenhard erschienen. ich bin gerade am 13.

Verraten Sie uns das Thema?

Es geht um die Geschichte von Burgheim. Das ist besonders interessant, denn Burgheim ist wie der Storchenturm eine Keimzelle von Lahr. Im Bürgerbuch von 1356 ist nach Gott mit "Heinrich der Schenk" ein Burgheimer der wichtigste Bürger von Lahr. Bis 1492 gingen die Lahrer nach Burgheim hinauf in die Kirche und wurden auch dort beerdigt. Diesen umfassenderen Ansatz einmal richtig aufzuarbeiten und sich nicht nur zu fokussieren auf die Ausgrabungen in der Burgheimer Kirche und auf die Geschichte dieses uralten Kirchleins, sondern den ganzen Ort in den Blick zu nehmen, das fasziniert mich im Augenblick. In etwa zwei Jahren soll das Buch erscheinen.

Welchen Stellenwert hat für Sie Familie?

Die Familie – Ehefrau, Kinder, Enkel, Urenkelin – ist mir sehr wichtig. Ohne meine Frau hätte ich meine vielen Projekte gar nicht verwirklichen können. Sie war und ist für mich ein kritisches Pendant und als eigenständige Persönlichkeit die wichtigste Beraterin an meiner Seite. Auch Freundschaften spielen eine große Rolle. Besonders erwähnt sei die seit "undenklichen Zeiten" unverbrüchliche Freundschaft mit Roland Hirsch.

Sie sind nicht zuletzt als Sportler bekannt.

Ja, als Tischtennisspieler für den TV Lahr. Der größte Erfolg war 2019 die baden-württembergische Vizemeisterschaft im Einzel der Senioren. Kurz darauf wurde ich krank. 2019 bis 2022 waren die bittersten Jahre bislang, da war ich gesundheitlich im Tal. Aber jetzt bin ich wieder beim Aufstieg aus dem Tal in die Höhe und genieße die Aussicht. Das Tischtennistraining habe ich wieder aufgenommen. Nach der beruflichen und der politischen Phase kam die schriftstellerische Phase. In der befinde ich mich und fühle ich mich sehr wohl. Neben der verstärkten Pflege des Familienlebens will ich mich auch in den nächsten Jahren intensiv der historischen Forschung und dem Naturschutz widmen.

Zur Person

Walter Caroli wurde am 22. November 1942 in Lahr geboren. Nach dem Abitur studierte er in Heidelberg, Freiburg und Konstanz. 1969 wurde er Realschullehrer, 1977 promovierte er in Konstanz. 1983 wurde er Realschulkonrektor. Von 1975 bis 2020 gehörte er dem Gemeinderat an, von 1978 bis 1988 war er Vorsitzender der SPD-Fraktion. 1988 wurde Caroli in den Landtag gewählt, dem er bis 2006 angehörte. Mehrere Jahre war er Kreistagsmitglied. Von 2004 bis 2020 fungierte Caroli als ehrenamtlicher OB-Stellvertreter. Von 2007 bis 2010 war er stellvertretender Nabu-Landesvorsitzender.