Die Mehrzahl der Besucher feierten bei der Schwenninger Kulturnacht friedlich. Doch am Rande der Veranstaltung kam es zu heftigen Auseinandersetzungen. Foto: Rainer Bombardi

Ein wütender Mob mit bis zu 300 Aggressoren, Krawalle, Böllerwürfe und schwer verletzte Einsatzkräfte: Am Rande der Schwenninger Kulturnacht kam es zu hässlichen Szenen. Die Behörden hatten dazu bislang geschwiegen.

Als große Flanier- und Erlebnismeile hatte sich Schwenningen am ersten Juli-Wochenende präsentiert, 17 000 Besucher sorgten für Partystimmung in der Innenstadt. Doch am Rande des Events kam es zu schlimmen Szenen und heftiger Randale, bei denen Einsatzkräfte von einem massiven Mob angegriffen und schwer verletzt wurden.

 

So wird die Lage geschildert Recherchen unserer Redaktion hatten ergeben, dass die Stimmung bei der Kulturnacht teilweise sehr aufgeheizt war. Eine Vielzahl von Einsatzkräften und Securitys seien angegriffen und teilweise auch verletzt worden, es sei zu Böllerwürfen gekommen. Die Polizei habe Einsatzkräfte mit Hunden nachordern müssen. Als Problemzone hatte sich, so heißt es, der Bereich rund um die Janusz-Korczak-Schule sowie am C&A und an der Uhlandstraße herausgestellt – also eher am Rande der Kulturnacht. Hier war es bereits im vergangenen Jahr zu Auseinandersetzungen gekommen.

Augenzeugen schilderten im Nachgang der Kulturnacht gegenüber unserer Redaktion, dass in der Uhlandstraße offensichtlich verfeindete Gruppierungen aufeinandergetroffen seien und es zu Prügeleien kam. Frauen hätten sich insbesondere rund um das City-Rondell alleine nicht mehr sicher gefühlt. Ausgegangen waren die Probleme wohl zumeist von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, teils auch offensichtlich mit Migrationshintergrund.

Die Sicht der Stadtverwaltung Unsere Redaktion konfrontierte sowohl die Stadtverwaltung als auch die Polizei mit den geschilderten Krawall-Szenen, bat um entsprechende Stellungnahmen. Die städtische Pressesprecherin Madlen Falke bestätigt die Schilderungen, spricht davon dass es „im Bereich C&A und City-Rondell und der benachbarten Uhlandstraße zu „mehreren Auseinandersetzungen zwischen Einzelpersonen sowie Personengruppen“ gekommen sei.

Der Kommunale Ordnungsdienst (KOD) sei in voller Einsatzstärke vor Ort gewesen und hätte diese Gruppen in den Randgebieten des Veranstaltungsgeländes in den Randgebieten wahrgenommen. Aufgrund der „zunehmend aggressiven und provozierenden Stimmung“ sei die Streife verstärkt worden. Laut Falke kam es zwischen 22 und 0 Uhr „wiederholt zu Auseinandersetzungen“.

Gezielter Böllerwurf auf Einsatzkräfte

Gegen 23.30 Uhr mündeten die Provokationen und Aggressionen schließlich in einer Eskalation, wie die Stadt in ihrer Stellungnahme erklärt. In der Folge kam es zu heftigen und für die Einsatzkräfte dramatischen Szenen – denn zu diesem Zeitpunkt „warf eine Person gezielt einen Böller in Richtung der KOD-Kräfte“. Falke: „Dieser traf zunächst den Kopf eines Beamten und prallte in Richtung Brust eines weiteren Beamten ab. Dieser wehrte ihn mit einer Handbewegung ab und schlug ihn zu Boden, wo er schließlich explodierte.“

Damit war die Eskalation nach Auskunft der Pressesprecherin aber noch nicht beendet. In den darauffolgenden Minuten seien weitere Böller auf die Einsatzkräfte geworfen worden. „Urplötzlich“ seien der KOD sowie hinzugezogene Polizeikräfte einem aggressiven Mob gegenübergestanden – dieser habe aus bis zu 300 Menschen, so lauten Schätzungen, bestanden. In der Folge sei es zu der Festnahme einer Person gekommen, die Böller geworfen haben soll. Bei der Durchsuchung habe man weitere Knallkörper gefunden.

Fünf Kräfte werden teils schwer verletzt

Die Folgen für die Kräfte des KOD waren weitreichend, wie Falke eindrücklich schildert: „Fünf Kräfte des KOD wurden durch diesen Vorfall verletzt – sie litten unter Schwindel, Benommenheit, starkes Pfeifen im Ohr und Knalltrauma. Die anderen Kräfte des KOD wurden vor Ort vom DRK versorgt. Die Verletzungen wirkten sich bei einzelnen Mitarbeitenden bis über eine Woche hinweg aus.“

Für die Stadt ist klar, dass die Eskalation mit den Geschehnissen am Rande der Kulturnacht eine neue Dimension erreicht hat. Falke macht deutlich: „Die vielen Auseinandersetzungen, die aggressive Stimmung, die Angriffe auf die KOD-Kräfte stellten für uns eine neue Herausforderung dar.“

Stellungnahme der Polizei Das zuständige Polizeipräsidium Konstanz hatte sich gemeinsam mit der Stadt zu den Krawallen geäußert, spricht davon, dass für 2024 an einem „angepassten Sicherheitskonzept“ gearbeitet wird. „Die Mehrzahl der Besucherinnen und Besucher feierte friedlich, doch eine Minderheit suchte die Auseinandersetzung mit den Sicherheitskräften und fiel nicht zuletzt alkoholbedingt durch gröbliche Störungen, wie Böllerwürfe, auf“, so der Einsatzleiter und stellvertretende Leiter des Polizeireviers Schwenningen, Andreas Willmann. Die Bilanz der Polizei: eine Beamtin sei aufgrund eines Knalltraumas „nicht unerheblich verletzt“ worden.

Polizei möchte Konsequenzen ziehen

Die Polizei belegte zudem eigenen Angaben zufolge acht Störer mit Platzverweisen, führte drei erkennungsdienstliche Behandlungen durch und fertigte fünf Strafanzeigen sowie sieben Ordnungswidrigkeitenanzeigen. Auch wenn es gelang, die Situation zu beruhigen, gelte es nun, „aus dem Vorgefallenen Konsequenzen zu ziehen, erkannten Störern den Zutritt künftig zu verweigern, das Verbot des Mitführens von Böllern durchzusetzen und die restriktivere Handhabung des Alkoholausschanks zu prüfen“, so der Leiter der Schutzpolizeidirektion Tuttlingen, Stephan Behnke.

Wurde etwas vertuscht? Was im Zusammenhang mit der Krawallen überrascht: Weder Polizei noch Stadtverwaltungen hatten bislang thematisiert, welche Zustände am Rande der Veranstaltungen herrschten. Unsere Redaktion hatte bereits im direkten Nachgang zur Kulturnacht bei der Stadt hinsichtlich möglicher Probleme nachgehakt. Die Anfrage sei, wie Falke erklärt, „im Kulturamt aus Personalmangel und bei vielfältigen Aufgaben und Aufgabendichte bis dato bedauerlicherweise unbeantwortet, da die Daten zur Statistik erst mehrere Tage nach den Veranstaltungen vorliegen“.

Auch bei der Polizei sei es versäumt worden, so heißt auf Nachfrage, die Vorkommnisse in einem Polizeibericht zu veröffentlichen. Fakt ist demnach: Bis zur weiteren Nachfrage unserer Redaktion hatten die Behörden die Geschehnisse verschwiegen.