Zwischen Erinnerungen und Gegenwart traf man sich am Samstag erstmals zum „Begegnungstag Deutscher aus Russland“ in der Balinger Stadthalle.
Wir schreiben die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Schon damals war die Work-Life-Balance in deutschen Landen nicht optimal. Die Steuer war hoch, der Boden hart und andauernd meinte jemand, man müsse seine Söhne in irgendwelchen Kriegen sterben lassen. Bis 1763 der sogenannte Katharinenruf erschallte: Katharina II., selbst ursprünglich aus einem kleinen deutschen Fürstentum stammend, bot an: Kommt doch zu uns ins Russische Reich – „Wir haben Jobs.“ Und eben dieser Ruf hallt nach. Bis heute in die Stadthalle nach Balingen.
Das Mastermind dahinter
Rund 500 Gäste haben sich im weiten Rund eingefunden. Es soll der erste „Tag der Begegnung“ in der Region werden. Ein bunter Nachmittag der kulturellen Verständigung. Die ersten Worte auf der Bühne hat Oberbürgermeister Dirk Abel. Bewegt, interessiert und zugewandt. Er wird später in der Pause verraten, dass ihm der Dialog und die Verständigung vor allem in Zeiten wie diesen sehr wichtig sind und er deshalb gerne die Türen zur Stadthalle aufgeschlossen hat. Dann Julia Schel-Salzmann: Sie ist das Mastermind hinter der Veranstaltung, die seit mehr als einem Jahr mit der Planung befasst ist. „Wie schön, dass ihr alle hier seid. Besser als zu Hause vor dem Fernseher“, meint sie schelmisch. Tagespolitik soll keine Rolle spielen. Wolodymyr Selenskyj und Wladimir Putin sind sicher in manchen Köpfen, aber heute nicht auf der Bühne.
Zurück zu Katharina der Großen: „Behaltet eure Sprache, eure Kultur. Schenkt uns nur eurer Hände Arbeit. Keine Steuern, keine Wehrpflicht und obendrauf für jeden viele Hektar gutes Land.“ Und damit beginnt der Vortrag von Kornelius Ens, Leiter des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte aus Detmold. Bildhaft, flott, ernst und trotzdem auf Augenhöhe nimmt er die Besucher mit auf einen Ausflug in unbekanntere deutsche Geschichte. Er berichtet vom Ankommen im Russischen Reich, der intellektuellen und kulturellen Ausbreitung der deutschen Siedler, dem Eröffnen von Hochschulen und einem Gemeinsinn in fernen Landen. Alles war gut bis zum Bruch des Versprechens: 1874 wurden die Wehr- und Russischpflicht eingeführt. Und dann, 1914: die europäische Katastrophe mit Beginn des Ersten Weltkriegs.
Beim Abendbrot verurteilt
Weder Besucher noch Referent schaffen es, durchzuatmen. Ab den 1920ern wollte Lenin zum „neuen Sowjetmenschen“ umerziehen. Es begann die kulturelle Enteignung der Deutschen in Russland: Hochschulen schlossen, die Heilige Schrift wurde verboten, ab 1933 wurden Kulturstätten geschlossen (zuletzt das deutsche Theater in Odessa), letztendlich auch alle allgemeinen deutschen Schulen. Als wäre das nicht schlimm genug, folgte Josef Stalin. Er ordnete im August 1941 die Deportation der sogenannten Russlanddeutschen (vor allem der Wolgadeutschen) an. Es folgten Zwangsarbeit, Internierungen und hohe Sterblichkeit. Trojka-Prozesse, bei denen Menschen allein wegen ethnischer Zugehörigkeit am Abendessens-Tisch verurteilt und sofort hingerichtet wurden.
Es sollte noch bis in die 1970er-Jahre gehen, bis Deutsche aus Russland nach Deutschland zurückkehren konnten – bis heute rund 3,5 Millionen. Beraubt um Kultur und Sprache (70 Prozent der Rückkehrer mussten in Deutschkurse), waren sie fremd und quasi heimatlos. Ein programmiertes Missverständnis, an dem niemand klar Schuld trägt. Es fehlten Ausdrücke, um Kultur und Herkunft zu beschreiben. Die Wurzeln waren weg. Kornelius Ens berichtet: „Sobald Menschen Worte für Gefühle bekommen, sind sie viel reicher geworden.“ Langer, tief bewegter Applaus aus dem Auditorium.
Wiederholung ist geplant
Vortrag Ende, Revue go: Bei der kulturellen Spurensuche hilft die Tanzgruppe Blesk aus Bruchsal. Kinderfolklore mit Freude und viel Engagement. Man findet Erinnerungen, die einen nach vorne blicken lassen. Weitere Tänzerinnen der Happy Woman, dann eine traurige Weise mit Violine und schließlich singt Julia Schel-Salzmann. Über Kasachstan, über Sehnsucht und die Suche nach Heimat. Als wäre das nicht genug, dann ein Theaterstück über die Geschichte der Reise in die Ferne. Bewusst aber nur der „gute Teil“ der Geschichte. Und schwups ist es 19 Uhr und die Veranstaltung ist zu Ende. Die Sehnsucht nach Gemeinsamkeit, die es zu finden gilt, geht weiter. „Ich weiß seit heute wieder ein wenig mehr über mich“, meint Hans, Ende 60, beim Gehen an der Garderobe dankbar. Eine Wiederholung ist geplant, die Landsmannschaft soll wiederbelebt werden. Und vielleicht ist genau das der Anfang von etwas, das längst gefehlt hat.