Egal, welches Geschlecht wir haben, sollten wir in der Sexualität die Körperlichkeit leben, die uns am meisten Lust bringt: Kim de l’Horizon hat den besten Roman des Jahres geschrieben. Das ist keine Hexerei – oder etwa doch?
Kim de l’Horizon ist im Dazwischen zu Hause. Im Moment ist das der Frühstücksraum eines Stuttgarter Hotels. Am Vorabend fand im Literaturhaus eine Präsentation der Nominierten für den Schweizer Buchpreis statt, der am 20. November vergeben wird. Gleich geht die Reise weiter.
Ein anderes Dazwischen eröffnet der Freiheitsraum seines Romans „Blutbuch“, eine Transitzone zwischen den Geschlechtern, durch die zugleich die Trauma-Geschichte einer Familie von den inneren Kreisen einer an experimenteller Literatur und queeren Themen interessierten Community an eine lesende Öffentlichkeit weitergereicht wird, die erstaunt zur Kenntnis nimmt, mit welcher Gestaltungskraft und Zugänglichkeit hier Grenzen aufgelöst werden: zwischen Literatur, Leben, Identitäten und Formen des Erzählens.
Alles fließt. „Blutbuch“ ist in Frankfurt mit dem Deutschen Buchpreis als bester Roman des Jahres ausgezeichnet worden. Und weil es darin um den Prozess einer Befreiung aus überlebten Macht- und Ordnungsstrukturen geht, hat Kim de l’Horizon den Dank mit einer Solidaritätsadresse an die mutigen Frauen im Iran verknüpft und sich die Haare abrasiert. Inzwischen sprießen sie wieder, die Proteste im Iran gehen weiter. Das ist der Stand, aber was heißt das schon, wo alles fließt.
Ein ständiges Rein und Raus
Auch die Assemblage auf dem Teller überschreitet Grenzen, zwischen süß und salzig: Gurken, Käse, Pain au Chocolat. Und ein Glas Wasser. Die Hände zieren Ringe, Nagellack, unter dem Bart leuchtet herbstroter Lippenstift, dezent abgestimmt auf ein samtenes Oberteil. Das allerdings überhaupt zu benennen würde voraussetzen, auch die Selbstverständlichkeit mit zu erfassen, in der es erscheint: eine gelassene Eleganz, deren eigentlicher Mittelpunkt die freundliche, offene Konzentration bildet, mit der Kim de l’Horizon das Gegenüber ins Auge fasst. Aber wie anfangen, wenn man den Eindruck hat, dass das, was man über eine Person erfahren möchte, schon in ihrem Roman adäquaten und vielleicht einzig möglichen Ausdruck gefunden hat?
Vielleicht ist es am besten, sich dem Gleiten zu überlassen, das mit dem Begriff „écriture fluide“ verbunden ist: „In unserer Gesellschaft gibt es klare Formen und Regeln, Vorstellungen von unserem Körper als von etwas fix und fertig Abgeschlossenem, aber so nehme ich nicht wahr, was es heißt, ein Körper zu sein auf diesem Planeten, wir schwitzen, trinken, alles ist ein ständiges Rein und Raus“, sagt Kim und nimmt einen Schluck Wasser.
Textiles Gespinst
Anders geht es auf dem Planeten Gethen zu, von dem die amerikanische Schriftstellerin Ursula K. Le Guin in ihrem Roman „Left Hand of Darkness“ erzählt. Hier haben die Menschen kein fixiertes Geschlecht. Einmal im Monat überkommt sie eine Phase der Leidenschaft, dann haben sie Sex mit unterschiedlichen Leuten und können in dieser Zeit ihr Geschlecht wandeln, wie sie gerade am meisten Lust empfinden. „Das ist für mich ein Idealzustand, wie wir leben sollten. Völlig egal, welches Geschlecht wir haben, sollten wir in der Sexualität die Körperlichkeit leben können, die im Moment am meisten Erfüllung bringt. Und das sollte nicht nur für queere Menschen gelten.“
In den biografischen Angaben findet sich als utopischer Geburtsort Gethen und das Jahr 2666. Naheliegendere Spuren führen nach Ostermundingen in der Nähe von Bern und in das Jahr 1992. Die Vorfahren waren Bauern. Der Weg von Ostermundingen nach Gethen führt über verschiedene Studien am Bieler Literaturinstitut, der Zürcher Hochschule der Künste und bei der ökofeministischen Hexe Starhawk alias Miriam Simos. Ein Bildungsroman also. Aber keiner, dessen Held sich die Hörner abstößt. „Ich habe lange gebraucht, vom klassischen Coming-of-Age wegzukommen, das immer auch eine patriarchale Tradition der Unterwerfung reproduziert.“ Ihre Geschichte hat die nonbinäre schreibende Person Kim de l’Horizon einem textilen Gespinst eingewoben, in dem man sich von Faden zu Faden entlangtastet.
Aber was lernt man bei einer Hexe? Zum Beispiel, dass alles mit allem zusammenhängt, Spiel und Ernst, Theoriebeschlagenheit und Vernunftkritik. „Das System, in dem wir leben, vereinsamt uns, macht Verbindungen kaputt: zu unserem Körper, unseren Communitys, der Erde – es geht darum, wieder zusammenzukommen.“
Die Wunden, an die „Blutbuch“ rührt, finden in der magischen Praxis dieses literarischen Hexenkessels Ausdruck und Heilung. Man oder „mensch“, wie es darin konsequent heißt, blickt danach anders auf die Welt.
Das Gegenteil davon köchelt in den dunkelsten Zonen des Netzes vor sich hin. So viel die Romanfigur preisgibt, so scheu bleibt ihr Alter Ego gegenüber Fragen, die darüber hinaus zielen. Über die wüsten Tiraden und Drohungen, die auf der Frankfurter Buchmesse Personenschutz erforderlich machten, möchte Kim de l’Horizon lieber nicht sprechen: „Wir müssen dem Hass nicht noch mehr Raum geben. Im Verhältnis dazu gab es so viel mehr positive Resonanz.“
Die nächste könnte schon bald der Schweizer Buchpreis sein.
Das Wasserglas ist leer, die Gegensätze auf dem Teller abgeräumt, die Zeit verflossen. Kim de l’Horizon schnappt sich sein Truckli. Und wer wissen möchte, was das bedeutet, sollte schon allein deshalb diesen wilden, so schmerz- wie lustvollen Roman lesen. Letztlich haben alle ihr Truckli zu tragen.