In einer Stellungnahme befasst sich die Bürgerinitiative (BI) Gesundheitsversorgung Kreis Calw mit dem Gutachten, das der neuen Medizinkonzeption 2030 zugrunde liegt – und lässt daran kein gutes Haar. In einem offenen Brief zeichnet die BI zudem das düstere Bild eines Landkreises ohne Krankenhaus.
Der Kampf um den richtigen Weg in Sachen Zukunft der Krankenhäuser wird immer intensiver. Während die Bürgerinitiative Gesundheitsversorgung Kreis Calw (BI) eine Stellungnahme zum neuesten Medizin-Gutachten veröffentlicht und einen offenen Brief an die Entscheider schickt, kommt parallel dazu ein offener Brief vonseiten des Klinikverbunds sowie der Landräte bei der BI an. Und die Aussagen sind jeweils deutlich.
Anfang Juli hatte der Klinikverbund Südwest bekannt gegeben, ab sofort das neue Medizinkonzept 2030 weiterverfolgen zu wollen, das sich wiederum auf ein neues Gutachten stützt. Dessen Inhalt: Unter anderem sollen Geburtshilfe und Kardiologie perspektivisch vom Calwer ins Nagolder Krankenhaus verlagert werden.
Reaktionen darauf ließen nicht lange auf sich warten. Die BI zeigte sich kämpferisch, auch der Calwer Gemeinderat kritisierte die Pläne und Experten meldeten sich zu Wort – nicht zuletzt mit Blick auf die Themen Geburtshilfe und Neurologie.
Das sagt die BI zum Gutachten
In einem weiteren Schritt befasst sich die BI in einer Stellungnahme nun mit dem Gutachten, auf dem die neue Medizinkonzeption fußt. Diese Stellungnahme ist auch auf der BI-Homepage veröffentlicht.
So gehe dieses Gutachten teils von falschen Voraussetzungen aus, es gebe Ungereimtheiten, vieles sei spekulativ oder überholt, zudem werde von Tatsachen ausgegangen, die noch gar nicht als solche feststehen würden.
Etwas konkreter formuliert: Bevor die Auswirkungen der Krankenhausreform nicht feststehen (was frühestens nach April 2024 der Fall sei), dürften diese auch nicht allein aufgrund von Vermutungen Auswirkungen auf ein Medizinkonzept haben. Die BI bezieht sich dabei auf das Medizinkonzept 2021, das zuletzt für die Kliniken in Calw und Nagold beschlossen worden war. Jetzt davon abzurücken – kurz vor Fertigstellung des Calwer Gesundheitscampus’ – würde auch weitere Baumaßnahmen und Kosten verursachen (Stichwort Verlegung des Kreißsaals nach Nagold, wo ein solcher noch geschaffen werden müsste – während im Neubau in Calw bereits zwei davon zeitnah fertig sein werden).
Welche Klinik ist wichtiger?
Mit Blick auf Herzinfarkte und Schlaganfälle bekräftigt die BI einmal mehr, wie wichtig in beiden Fällen ein rasches Eingreifen sei, um Schlimmeres zu verhindern. Beides müsse daher auch in Calw behandelbar bleiben – zumal die Klinik laut einem Simulator des Bundesverbands der Krankenkassen für mehr Menschen relevant sei als das Nagolder Haus. Etwa 23 600 Menschen würden bei einer Schließung der Calwer Klinik länger als die kritische Auto-Fahrzeit von 30 Minuten benötigen, um den nächsten Grundversorger zu erreichen. In Nagold seien im selben Fall „nur“ knapp 13 200 Menschen betroffen. Dass die Gutachter Nagold dennoch die höhere Versorgungsrelevanz zusprechen würden, grenze an „bewusste Irreführung“.
Nicht zuletzt würden Entwicklungschancen für Calw, beispielsweise durch die Schließung der Sana-Klinik in Bad Wildbad oder die Hesse-Bahn nicht berücksichtigt. Die zugrunde gelegten betriebswirtschaftlichen Zahlen seien jene der Corona-Jahre – und damit kaum repräsentativ.
BI spricht von „Tendenzgutachten“
Die Ankündigung, dass sich die Defizite durch die Maßnahmen verringern ließen, sieht die BI indes als rein spekulativ an. „Solche Aussagen werden in vielen Gutachten gemacht, treten aber leider in den seltensten Fällen ein“, heißt es in der Stellungnahme.
Insgesamt scheine es sich um „ein Tendenzgutachten zugunsten des völlig überdimensionierten Flugfeld-Klinikums und zu Lasten der Klinikstandorte Calw, Herrenberg und Leonberg“ zu handeln.
„Jetzt ohne Kenntnis der Auswirkungen der Krankenhausreform die bisherigen Planungen umzustoßen, wird als hochriskant und kostspielig angesehen“, so das Fazit.
Der offene Brief der BI
Parallel zu jener Stellungnahme wandte sich die BI dieser Tage in einem offenen Brief zudem an die Mitglieder des Kreistags sowie die Mitglieder des Aufsichtsrates der Krankenhäuser Calw und Nagold.
Darin nehmen die Schreiber nochmals Bezug auf das zuletzt beschlossene Medizinkonzept 2021, das vorsah, alle Abteilungen an ihren bisherigen Standorten in Calw und Nagold zu belassen – abgesehen von der Neurologie, deren Verlegung nach Nagold im Raum stand. Dieses Konzept betrachtet die BI als Grundlage, um durch beide Kliniken zusammen die zukünftige Gesundheitsversorgung im Kreis Calw sicherstellen zu können.
Nachteil für Notfälle
Das neue Gutachten hingegen empfehle in letzter Konsequenz, das Gleichgewicht zwischen den beiden Krankenhäusern empfindlich zu stören. Calw werde durch die darin enthaltenen Maßnahmen-Vorschläge zur Portalklinik ohne wichtige Funktionen herabgewürdigt und sei dann auch nicht mehr in der Lage, Notfälle wie Herzinfarktpatienten zu behandeln.
Doch damit nicht genug: Mittelfristig gerate auch das Nagolder Haus in Gefahr, „wenn das überdimensionierte Flugfeld-Klinikum infolge falscher Erwartungen an die Patientenströme nicht ausgelastet wird und das dort erwirtschaftete Defizit über den Klinikverbund Südwest auf den Kreis Calw abgewälzt wird“. Die BI hegt Zweifel, ob jenes Klinikum jemals ausgelastet werde, da es in Konkurrenz zu den Maximalversorgern in Stuttgart und Tübingen stehe. Daher brauche es Patienten aus dem Calwer Einzugsgebiet.
„Es geht um das gesundheitliche Wohlbefinden“
Auch vor der Fusion der Krankenhäuser der beiden Landkreise Calw und Böblingen warnt die BI einmal mehr – weil jene dem Kreis Calw die Sperrminorität nehme, ohne die der Kreis bei wichtigen Entscheidungen ausgeliefert sei.
Entsprechend werben die Autoren des Schreibens abschließend dafür, das Gutachten sowie die Fusion im Kreistag abzulehnen. Denn: „Es geht um das gesundheitliche Wohlbefinden und – in vielen Einzelfällen – um das Überleben der Ihnen anvertrauten Menschen!“