Der Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr zieht erste Lehren aus 20 Jahren Einsatz in Afghanistan: „Wir müssen uns über die Möglichkeiten und Grenzen eines militärischen Einsatzes klar sein“, fordert General Erich Pfeffer.
Stuttgart - Generalleutnant Erich Pfeffer plant und führt mit dem Einsatzkommando der Bundeswehr alle Auslandseinsätze deutscher Streitkräfte. Im Interview spricht er über die Zusammenarbeit mit dem Afrika-Kommando der US-Streitkräfte in Stuttgart (Africom), russische Söldner, über die Taliban und die Lehren, die aus dem Einsatz in Afghanistan zu ziehen sind.
Herr General, welcher Einsatz beschäftigt Sie derzeit am stärksten?
Wir betrachten hier jeden Einsatz mit nahezu demselben Fokus. Jeder hat seine Schwerpunktphasen. Und klar ist auch, dass wegen der politischen Prominenz der Sahelregion und der Größe der Einsätze wir dort auch besonders viel zu tun haben. Im Kern geht es darum, dass wir aber auch die kleineren Einsätze, die in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden, mit der gleichen Professionalität bearbeiten.
Wie nehmen Sie die Entwicklung in Mali und Niger wahr? Unterscheidet sich die Lage in beiden Ländern stark?
Wir haben es in beiden Ländern – mit Schwerpunkt in Mali – mit grenzüberschreitenden und vielschichtigen Konflikten zu tun. Hier geht es nicht nur um islamistischen Terror, es geht auch um organisierten Kriminalität, Korruption, ethnische Konflikte in sehr komplexer Art. Übrigens noch komplexer, als wir das in Afghanistan kennengelernt haben. Und es gibt einen Aspekt, den wir aus Afghanistan gar nicht kannten: den Kampf um Lebensgrundlagen wie Wasser und Weideland. Wir nehmen eine graduelle Verschlechterung der Sicherheitslage wahr. Mit Blick auf die Bedrohung der eigenen Kräfte, hat sich die Lage allerdings nicht verändert.
Empfinden Sie die Zielstellungen, die der Bundeswehr für den Sahel gegeben sind, als klar?
Meiner Ansicht nach sind die Mandate sehr klar. Meine Wahrnehmung ist allerdings auch, dass die Perzeption dieser Einsätze in Politik und Gesellschaft eine andere ist. Das Mandat gibt klar vor, dass wir einen Beitrag zum UN-Einsatz Minusma leisten mit Fähigkeiten zur Aufklärung, zur Lagebild-Erstellung. Diesen Auftrag können wir vollumfänglich erfüllen. Das ist aber nur ein unterstützendes Element zur Gesamtaufgabe von Minusma. Dieser Beitrag ist wichtig, aber er allein ändert selbstverständlich nicht die Lage in Mali. Die Wahrnehmung in Deutschland ist aber, dass wir Soldaten nach Mali schicken, damit sich die Lage unmittelbar ändert. In der EU-Ausbildungsmission EUTM leisten wir einen unmittelbaren Beitrag in der Ausbildung malischer Streitkräfte. Aber das ist ein sehr langwieriger Prozess.
Wie messen Sie konkret den Erfolg in solchen Einsätzen?
Erfolg misst sich vor allem an der Frage, inwieweit wir das uns politisch vorgegebene Mandat erfüllen. Und da kann ich sagen, dass uns das durch alle Einsatzgebiete gelingt. Man muss deutlich unterscheiden zwischen dem, was die Truppe als taktische Aufgabe hat, und dem, was man als strategisches Ziel eines gesamten Einsatzes betrachtet. Da gibt es aus meiner Sicht signifikante Brüche in der öffentlichen Wahrnehmung. Wir müssen uns viel besser darüber klar werden, dass Militär keine Krisenursachen löst. Es kann Zeit und Rahmenbedingungen schaffen, damit andere diese Ursachen, die zumeist politisch sind, lösen können.
Zu den Veränderungen in Mali gehört, dass dort wahrscheinlich das russische Sicherheitsunternehmen Wagner aktiv wird. Inwieweit ist die Bundeswehr darauf vorbereitet, auf dessen Söldner zu treffen?
Das Thema Wagner ist primär ein politisches. Es geht um die Frage, welche Unterstützung sich Mali von außen holt. Wir sind grundsätzlich darauf vorbereitet – vor allem mit Blick auf islamistische Terroristen – dass wir uns verteidigen können. Uns stellt sich auf der operativen Ebene das Thema Wagner daher zur Zeit praktisch nicht.
Warum arbeitet die Bundeswehr in Afrika nicht enger mit dem Kommando der US-Streitkräfte für Afrika, dem Africom in Stuttgart, zusammen?
Aus meiner Warte ist diese Zusammenarbeit ausgesprochen eng. Vor allem in den vergangenen zwei, drei Jahren hat sie sich sehr intensiv entwickelt. Aus den ganz praktischen Gründen, dass wir seit 2017 erstmalig mit Truppe und großem Fußabdruck bei Minusma aktiv sind. Außerdem hat sich gerade im Bereich der Spezialkräfte eine sehr enge Zusammenarbeit ergeben.
Der Einsatz, der in den vergangenen Monaten Schlagzeilen in Deutschland gemacht hat, ist der in Afghanistan. Gibt es so etwas wie Ihre persönliche Bilanz?
Ja, sicher. Jeder, der wie ich in Afghanistan eingesetzt war, hat sich intensiv mit der Thematik befasst und hat sein ganz persönliches Bild. Wichtig ist jetzt, dass der angestoßene Prozess der Nachschau tatsächlich stattfindet. Nicht mit dem Fokus – wer hat was wann wie gemacht – sondern entlang der Frage, welche Folgerungen sich daraus für laufende oder künftige Einsätze ergeben.
Was wäre Ihre zentrale Folgerung?
Für mich dreht sich das zentral um das Thema Erwartungen oder Ziele. Ich tue mich immer schwer mit dem Begriff Ziele, weil wir alle wissen, dass Realpolitik nicht nach akademisch-theoretischen Grundsätzen funktioniert und der Einstieg in Militäreinsätze eben auch nicht. Ich spreche lieber von Mehrwert – politisch und militärisch. Eine zentrale Lehre aus Afghanistan ist, dass wir uns über die Möglichkeiten und Grenzen eines militärischen Einsatzes klar sein müssen. Ein weiterer Punkt ist: Eine nachhaltige Lösung der Krise kann nur durch diejenigen erfolgen, die im jeweiligen Land Verantwortung tragen. Wir können von außen nur unterstützen. Das gilt für den militärischen aber auch für alle zivilen Bereiche.
Wenn Sie auf die Bundeswehr und die NATO schauen – was sind da die für Sie zentralen Erfahrungen?
Die militärische Unterstützung kann grundsätzlich zwei Komponenten haben: Kampf oder Ertüchtigung. Beide haben wir in Afghanistan erlebt. Für die Ertüchtigung erscheint mir zwingend, dass sie nicht nur als Ausbildung oder Beratung, sondern ganzheitlich unter Einschluss materieller Unterstützung erfolgt. Und sie sollte immer zentral gesteuert sein, etwa durch die multinationale Organisation, die einen solchen Einsatz führt. Wenn das nicht aus einer Hand erfolgt, wenn jedes Land für sich diese Unterstützung organisiert, bleibt die Ertüchtigung Stückwerk. Der dritte Faktor ist: Die Ausstattung muss landestypisch erfolgen. Es bringt beispielsweise nichts, einer Armee einen Lastwagen zu geben, wenn es im ganzen Land keine einzige Werkstatt dafür gibt.
Mal ging es im Afghanistan-Einsatz um Ertüchtigung, mal um die Bekämpfung Aufständischer. Spiegelt sich darin ein Mangel strategischer Kohärenz wider?
In der Nachschau tun wir uns immer leicht, die Dinge einzuordnen. Im Ablauf waren das notwendige Entscheidungen, die sich aus der jeweiligen Veränderung der Sicherheitslage ergeben haben. Die Frage, ob wir mit einem intensiveren Einsatz von Anfang an bessere Ergebnisse erzielt hätten, lässt sich heute schwer beurteilen.
Sie haben sich so viele Jahre unmittelbar mit den Taliban auseinandergesetzt, daher die Frage: Waren die Taliban das richtige Angriffsziel? Mussten sie, die Terrorismus nie außer Landes getragen haben, durch uns bekämpft werden?
Das zentrale Ziel war, dass von Afghanistan kein Terrorismus mehr ausgeht. Um zu beurteilen, ob man das erreicht hat, muss man abwarten, wie sich insbesondere die Verbindungen zwischen Al-Kaida und den Taliban entwickeln werden. Es ist richtig, dass die Taliban eine regionale Gruppe sind. Richtig ist aber auch, dass sie einer positiven Entwicklung Afghanistans entgegenstehen. Das sieht man heute sehr deutlich. Für uns Soldaten stellt sich mit einem entsprechenden Mandat die Frage nicht, ob das der richtige Gegner ist. Er ist es dann, und wir müssen mit ihm umgehen.
Haben sich die Taliban im Lauf der Jahre verändert?
Sie haben deutliche Fortschritte gemacht, vor allem in ihrer Außenkommunikation. In ihren Inhalten aber haben sie sich in keiner Weise verändert. Zweifellos gibt es Unterschiede zwischen der Führung und ihren Feldkommandeuren. Aber bei den Taliban ist ganz klar: Sie definieren ihre Regeln, und sie akzeptieren alles, was im Rahmen ihrer Regeln stattfindet. Und sonst nichts.