Lebensfreude vor dem Tor zur Hölle: Schon ehe der Zweite Weltkrieg beginnt, treffen sich Sophie Scholl, die zur Widerstands-Heldin werden sollte, und Hitlers spätere Sekretärin Traudl Junge, geborene Humps, im Bund Deutscher Mädel. Foto: Karina Eyrich

Das ist Theater der Extraklasse, top-aktuelle Botschaften inklusive: „Sophie & Ich“, das die „Deutsche Kammerschauspiele“ in der Festhalle auf die Bühne gebracht haben, erzählt eine fiktive Geschichte, die auf einer höchst spannenden Frage basiert.

Worüber hätten Sophie Scholl, das Gesicht der studentischen Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ gegen die Nationalsozialisten, und Adolf Hitlers Sekretärin Traudl Junge wohl gesprochen, wenn sie sich im „Bund Deutscher Mädel“ im Berliner Olympia-Jahr 1936 kennengelernt hätten?

 

Das Stück „Sophie & Ich“ von Ursula Kohlert hatte Regisseurin Annette Greve in Corona-Pandemie-Zeiten gefunden – auf der Suche nach einem Werk, das mit wenigen Akteuren auskommt. Aus infektionstechnischen Gründen.

Der stürmischen Lebensfreude folgt die Enthauptung

Welch ein Glücksfall, dass sie zudem die Schauspielerinnen Kristin Schleicher für die Rolle der bezöpften Traudl und Lara Henneberger für die stürmische, lebensfrohe Sophie gefunden hat, die damals kaum älter war als Sophie Scholl am 22. Februar 1943, dem Tag ihrer Enthauptung wegen Vorbereitung zum Hochverrat, landesverräterischer Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung – durch das Verfassen von Flugblatt-Texten gegen die Nazis.

Der Anstreicher Hitler erscheint noch harmlos

Denen stehen die beiden Mädchen, die in Hakenkreuz-Trikots und mit Holzreifen grazil über die Bühne turnen, anfangs offen gegenüber. Was ihre Ansichten und Charaktere trennt, zeigt sich nur in Nuancen: Zitiert Sophie frech das Spott-Gedicht vom „Anstreicher Hitler“, schwärmt Traudl von Fahnen und Gesängen. Und der Idee: „Die ist eigentlich gut. Es geht doch um Deutschland, die Heimat, und ich bin Teil davon.“

Blickt Sophie auf Traudl Junge herab? Foto: Eyrich

Was die Stunde bei den Treffen der beiden jeweils geschlagen hat, zeigen die Bilder auf Großleinwand: Plakate mit Führerkult, Durchhalteparolen, abgemagerten Soldaten im Winter, flüchtenden Familien, Kindersoldaten und schließlich: Trümmerwüsten, in denen Kinder spielen und Frauen schuften. In den Jahren bis zur Kapitulation 1945 muss Traudl ihren Traum, Tänzerin zu werden, aufgeben, weil Sekretärinnen gebraucht werden, muss Sophie Arbeitsdienst leisten, während ihr Freund an der Front ist, wird Traudl des Führers Sekretärin, darf Sophie endlich studieren und merkt Traudl, dass Sophie und die „Weiße Rose“ zum Widerstand aufrufen, weil der Koffer mit den Flugblättern runterfällt und aufspringt.

In einer Trümmerwüste endet Traudl Junges Traum von Deutschland. Dort erscheint ihr die inzwischen hingerichtete Sophie. Foto: Eyrich

Jetzt treten die Unterschiede mit Wucht hervor: „Freiheit ist der Wert, für den ich kämpfe“, stellt Sophie klar. „Es geht doch nicht nur um den Sieg, es geht um Deutschland“, hält Traudl dagegen und spendet weiter wacker fürs Winterhilfswerk, was Sophie nicht im Traum einfällt: „Nichts, was diesen Krieg verlängert, ist richtig.“ Selbst nicht, wenn ihr Freund in Stalingrad friert.

Gitarrist setzt dem Abend das Sahnehäubchen

Wie skurril die Denke der beiden auseinanderdriftet, wie ihre jugendliche Lebensfreude weicht, ihre Träume platzen und die harte Realität beide – jede auf ihre Weise – trifft, machen die fantastischen, erst leichten, dann immer eindringlicheren, verstörenderen E-Gitarren-Klänge deutlich, mit denen Thomas Parr die Brücke zwischen den Begegnungen der beiden schlägt.

Bei der letzten findet sich Traudl in Trümmern wieder, Hitlers Abschiedsgeschenk, eine Zyankali-Kapsel, in der Hand, entsetzt darüber, dass er sich „feige erschossen“, sich seiner Verantwortung entzogen habe. Und sie erkennt: „Ich war dabei! Ich habe den Krieg auch verloren!“

„Warum musstes Du die Heldin spielen?

„Kein überzeugter Nazi“ sei sie gewesen, da „einfach so reingeraten“, klagt Traudl der toten Sophie, die ihr erscheint, und fragt sie: „Warum musstest Du die Heldin spielen?“

Was sie zu hören bekommt, ist heute wieder erschreckend aktuell – nicht nur wegen Russlands Angriff auf die Ukraine, der kurz nach der Premiere der beeindruckenden Inszenierung begann: „Jeder konnte sich entscheiden. Jeder kann sich entscheiden – immer“, sagt Sophie. „Ich habe mich entschieden, und Du hast Dich auch entschieden: Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung. Meinst Du, ich wollte nicht leben? Aber ich wollte nicht gegen mein Gewissen handeln. Die Einheit von Denken und Handeln – das ist es, was zählt.“ Und es sei immer besser, selbst die Verantwortung zu übernehmen. Welch vielsagende Botschaft in dieser Zeit.

Hätten doch noch mehr Zuschauer sie gehört am Mittwochabend. Jene, die es taten, applaudierten frenetisch: der genialen Besetzung, der ergreifenden Musik, der spärlichen Kulisse, die Raum für die großartigen Dialoge und das mitreißende Spiel der beiden Darstellerinnen ließ. Und der Regisseurin, die einen echten Glücksgriff gemacht hat.