Kunterbuntes Spektakel zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele. Foto: Enrico Nawrath

Zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele inszeniert Matthias Davids „Die Meistersinger von Nürnberg“ als knallbuntes Unterhaltungs-Spektakel im Geiste des Musicals.

Da steht er und kann nicht anders. „Morgen ich leuchte“ singt Sixtus Beckmesser, „die Augen zwinkend, der Hund blies winkend“. Ja, Richard Wagner konnte lustig sein. Doch sein Humor ist böse, bissig, schadenfroh. Und konnte Wagner Komödie? Aber ja, findet Matthias Davids – zumindest in dem einzigen Stück Wagners, das ohne Leiche auskommt. Der langjährige Leiter der Musicalsparte am Landestheater Linz ist angetreten, dem deutschesten und missbrauchtesten unter Wagners Werken alles Politische auszutreiben und das Publikum im Bayreuther Festspielhaus endlich mal lachen zu machen. Weg mit der aufgesetzten Bedeutungslast, weg mit der Schwere. Barrie Koskys kluger Transfer der „Meistersinger“ in den Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse, die letzte Inszenierung des Stücks auf dem Grünen Hügel, ist Vergangenheit. Jetzt geht’s um starke bunte Bilder, bewegte Massen, um Unterhaltung.

 

Aber sind „Die Meistersinger von Nürnberg“ tatsächlich lustig? Ja, Sixtus Beckmesser ist eine komische Figur – auf den ersten Blick. Auf den zweiten ist er ein tragisch Scheiternder, und so legt Martin Nagy die Figur auch an. Sein Beckmesser ist ein auch gesanglich höchst differenziert gestaltetes Charakterporträt, dem auch der Dirigent Daniele Gatti zuarbeitet. Unter seiner Leitung macht das Festspielorchester mit feinen kammermusikalischen Momenten staunen und findet immer wieder zu einem sehr unwagnerisch leichten, beschwingten Spielopern-Ton. Das Quintett des dritten Aktes ist ein Klang-Traum. Allerdings täte Gattis Tempi und Dynamik hier und da noch ein Feintuning gut, auch der Singenden wegen.

Überraschungen, Wiederholungen, Gags

Wo es komische Szenen im Stück gibt, bedient der Regisseur das Genre. Dann spielt er mit Überraschungen, Wiederholungen, Gags, und das Bühnenbild von Andrew D. Edwards wie die Kostüme von Susanne Hubrich spielen auf ebenso fantasievolle wie intelligente Weise mit. Turbulent arbeiten sich im zweiten Akt Schusterlied und absurdes Ständchen aneinander ab, umgeben von einer hybriden Idylle aus absurd verwinkeltem Fachwerk und einem gelbem, zur Büchertauschstelle umfunktionierten Telefonhäuschen. Und das große Finale des dritten Akts kommt als TV-Déjà-Vu daher: Treppen, Strahlenkranz, Showbiz mit Promi-Glamour, darunter Doubles von Angela Merkel und Thomas Gottschalk – fehlt nur das Deutsche Fernsehballett, aber der hier von Simon Eichenberger choreografisch angeleitete Chor macht seine Sache auch ganz gut. Dafür singt er lange nicht so genau wie zuletzt; ob dies dem verordneten Bayreuther Sparkurs oder dem neuen Chorleiter anzulasten ist, lässt sich nicht sagen.

Über der Festwiese hängt eine aufgeblasene, bunte Riesenkuh, und der zieht Beckmesser ausgerechnet in der Szene (kurz) den Stecker, als Sachs die uns heute doch sauer aufstoßende Rede zur Verteidigung der deutschen Kunst vor dem Fremden anstimmt (heute würde er von „Leitkultur“ sprechen). Da gib es kurz mal mehr als nur ironisches Augenzwinkern: Regie als deutende Übersetzungshilfe. Ebenso im ersten Akt, wo Davids am Ende die Kirche oberhalb einer steilen Bühnentreppe in die Luft sprengt – Stolzings Vorsingen ist schiefgelaufen, und die Fassade der Kunstreligion stürzt wirkungsvoll in sich zusammen. Und im letzten Finale steigt Eva aus. Ganz wörtlich. Weg mit dem Blumengebinde, in dem sie zuvor auf die Bühne gefahren worden ist wie ein Pfingstochse, weg auch mit der Meistersinger-Kette, die sich Stolzing endlich ersungen hat. Die Aussteigerin und der Außenseiter verlassen die Bühne. Die Idee ist zwar nicht neu, aber zwingend. Und sie hebelt, ohne dass man wüsste, ob Matthias Davids das bewusst ist, die Komödie aus. Die führt sich selbst ad absurdum. Oder ist diese Behauptung bei einer Inszenierung, die eher mit bunten Versatzstücken spielt als mit einer Metaebene, schon der Deutung zu viel?

Über allen strahlt Christina Nilsson als Eva

Wie es auch sei: Eine wirkliche Komödie sind „Die Meistersinger“ nicht. Dafür ist das Stück viel zu hintergründig, seine Szenen sind viel zu lang. Und die Charaktere sind zu komplex, besonders der Sachs. Georg Zeppenfeld verleiht dieser ambivalenten Figur mit messerscharfer Textaussprache und einer hochdifferenzierten Gestaltung klare Kontur, lässt nur ein wenig den Sex-Appeal vermissen, den er bräuchte, um auch als Gegenspieler von Michael Spyres zu bestehen, der einen starken, beweglichen, eleganten Stolzing gibt. Nur in der Höhe geht’s bei ihm zuweilen etwas eng zu. Großartig sind auch Matthias Stier als agiler, luftiger David (eine Entdeckung!) und Jongmin Park als sehr präsenter, edler Pogner.

Und über allen strahlt Christina Nilsson als Eva. Ihr klarer, farbsatter Sopran erhebt sich über das bunte Faschingstreiben mit Gartenzwergen, Schlafmützen und Lederhosenbuben, und irgendwie ist schließlich auch egal, dass das Stück hier nicht in Nürnberg spielt, sondern inmitten einer derben fränkischen Ländlichkeit. Denn am Ende ist das meiste eh nur ein bunt drapiertes Rampentheater. Man spürt die Längen des Stücks. Ach ja, Beckmessers Beitrag zum Buffet ist ein Mettigel. Naja, einen Versuch war’s wert.