Igor Zelensky tritt als Direktor des Bayerischen Staatsballetts zurück. Foto: dpa/Matthias Balk

Der Druck auf russische Künstler im Ausland wächst. Das zeigt auch der Rücktritt von Igor Zelensky. Der Direktor des Bayerischen Staatsballetts nennt allein private Gründe.

Die Nachricht des Bayerischen Staatsballetts ist betont sachlich, auch wenn die Kompanie mitteilt, dass sie seit wenigen Stunden ohne Direktor dasteht. Unter der Überschrift „Igor Zelensky verlässt Bayerisches Staatsballett“ folgen die beiden Sätze: „Mit Wirkung des 4. April 2022 tritt Igor Zelensky als Ballettdirektor des Bayerischen Staatsballetts zurück. Private, familiäre Angelegenheiten sind hierfür der Grund.“

 

Für die Öffentlichmachung hatte Zelensky das Ende der für seine Kompanie wichtigen Ballettfestwoche am Sonntagabend abgewartet. Schon kurz vor deren Beginn war der aus Russland stammende Ballettdirektor mit wachsendem öffentlichem Druck konfrontiert gewesen. In die Kritik geraten war er wegen seines Engagements für eine russische Stiftung, über das die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet hatte. Demnach liegen dem bayerischen Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Markus Blume, seit Anfang März Informationen über eine Berater-Tätigkeit von Zelensky im Rahmen einer russischen Stiftung vor. Aufgabe dieser Stiftung soll es sein, vier große kulturelle Zentren zu errichten – eines davon auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim. Der „Süddeutschen Zeitung“ liegt ein inzwischen aus dem Netz gelöschtes Video vor, das Igor Zelensky an der Seite des russischen Präsidenten Wladimir Putin bei der Eröffnung des Kulturzentrums auf der Krim zeigt.

Politiker zollen Respekt für eine rein persönliche Entscheidung

Einen Zusammenhang zwischen der Berater-Tätigkeit des Ballettdirektors und seinem Rücktritt meiden die offiziellen Mitteilungen – sicherlich auch, um Igor Zelensky vor Repressalien von russischer Seite zu schützen. So dankt Staatsopernintendant Serge Dorny dem scheidenden Direktor für seine Arbeit am Bayerischen Staatsballett. Und auch Kunstminister Blume (CSU) würdigte Zelensky: „Ich zolle der persönlichen Entscheidung Respekt. Das Bayerische Staatsballett hat unter der Leitung von Igor Zelensky große künstlerische Erfolge gefeiert. Im Gedächtnis werden vor allem die vielen Auftritte weltberühmter Ballettstars bleiben, die Herr Zelensky nach München geholt hat.“

Eine Kompanie zu führen, so Zelensky, erfordere absolute Konzentration

Auch Annette Baumann, die Sprecherin des Bayerischen Staatsballetts, verweist auf die rein private Motivation der Entscheidung Zelenskys, der diese selbst so schriftlich begründet: „Eine Ballettkompanie zu führen, erfordert absolute Konzentration und Kapazität. Aktuell verlangen jedoch private Familienangelegenheiten meine volle Aufmerksamkeit und Zeit, die mit der Leitung einer Ballettkompanie nicht vereinbar sind. Daher habe ich mich nach reiflicher Überlegung dazu entschlossen, als Ballettdirektor des Bayerischen Staatsballetts mit dem 4. April 2022 zurückzutreten und mich von allen damit einhergehenden Aufgaben zurückzuziehen. Meine Familie braucht nun meine ganze Unterstützung“, so Zelensky weiter.

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Der Ballettdirektor ist nach Waleri Gergijew, dem gekündigten Dirigenten der Münchner Philharmoniker, der zweite Künstler in der bayerischen Metropole, der nach Putins Angriff auf die Ukraine wegen einer zu großen Nähe zum russischen Präsidenten in den Fokus einer kritischen Öffentlichkeit gerät. Darf man russische Künstler zu einer öffentlichen Distanzierung von Putin drängen? Die Diskussion darüber dauert an, gerade auch in Deutschland, wo man sich politisch wegen der Abhängigkeit von russischen Energielieferungen mit harten Sanktionen schwertut.

Marco Goecke setzt auf eine weiße Taube

Und auch unter den betroffenen russischen Künstlern gehen Meinungen und Haltungen auseinander. Fest steht, dass Zelensky den von ihm eingeladenen Choreografen gleich beim Eröffnungsabend der soeben vergangenen Ballettwoche freie Hand und die Bühne überließ für solidarische Gesten an die Menschen in der Ukraine und für Friedensbotschaften. Marco Goecke schickte in seinem neuen Ballett „Sweet Bones Melody“ etwa einen Tänzer mit einer weißen Taube in der Hand auf die Bühne. Alexei Ratmansky hat sein Ballett „Bilder einer Ausstellung“ um ein Gemälde in den Farben der ukrainischen Flagge erweitert. Zum Schlussapplaus kam der russische Choreograf, der in Kiew eines seiner ersten Engagements hatte und häufiger Gast in München ist, mit einer ukrainischen Flagge auf die Bühne.

Alexei Ratmanski fordert eine klare Positionierung

Ratmansky, der eine Ballettproduktion in Moskau aufgab, nachdem er von der russischen Invasion erfahren hatte, fordert eine klare Positionierung russischer Künstler, der britischen Zeitung „The Guardian“ sagte er: „Der Massenmord an unschuldigen Menschen in der Ukraine geschieht auch in ihrem Namen, im Namen der russischen Kulturnation, die bis vor Kurzem von der ganzen Welt noch bewundert wurde.“

Auch die russische Starballerina Diana Vishneva hat sich klar von Krieg und Gewalt distanziert. Das Nürnberger Ballett musste mit ihr geplante Auftritte in Russland wegen der aktuellen Situation absagen. Goyo Montero, der Nürnberger Ballettchef, warnt vor diesem Hintergrund vor einer Vorverurteilung von Künstlern wie in der McCarthy-Ära.

Wie geht es weiter in München?

Nachfolge
Das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst will in den kommenden Wochen eine neue Leitung für das Staatsballett finden. Übergangsweise sollen die Ballettmeister Judith Turos und Thomas Mayr für Kontinuität sorgen.

Künstler
Igor Zelensky, 1969 in Labinsk geboren, war Solist am Mariinsky-Ballett. 2016 übernahm er die Leitung des Bayerischen Staatsballetts und setzte zu Beginn auf die Pflege von Klassikern. Später öffnete er die Kompanie für zeitgenössische Choreografen wie Sharon Eyal und Wayne McGregor.